Nach dem ORF-„Sommergespräch“ mit Herbert Kickl reißt die Kritik an den Aussagen des blauen Parteichefs zum Klimawandel nicht ab. Neben Klimaforschern melden sich nun auch Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchen: Sie fordern eine „Klarstellung“.
Der FPÖ-Chef hatte im ORF erklärt, es sei „eine Form von Gotteslästerung“, dem Menschen die Verantwortung für die derzeitige Erwärmung des Klimas zuzuschreiben. Und er sprach von einer Art „Ablasshandel“, wenn Klimaschutzmaßnahmen propagiert würden. Das bringt ihm jetzt nicht nur Widerspruch seitens der Wissenschaft ein.
Die Umweltbeauftragten der katholischen und evangelischen Kirche in Kärnten kritisieren die Aussagen in einem offenen Brief: „Wer Verantwortung für die Schöpfung übernimmt, betreibt keinen Ablasshandel. Und wer die Grenzen menschlichen Handelns anerkennt, begeht keine Gotteslästerung.“
„Der menschengemachte Klimawandel ist keine Weltanschauung“, betonen sie im gemeinsamen Schreiben, „er ist keine Religion und schon gar keine Frage des persönlichen Glaubens. Er ist zuerst eine Frage der Physik und der Klimawissenschaften.“
Dass sich das Klima im Laufe der Erdgeschichte immer wieder verändert habe, sei unbestritten. Daraus könne aber nicht abgeleitet werden, dass der Mensch heute keinen Einfluss auf die Erderwärmung habe.
„Die Klimawissenschaft verlangt keinen Glauben“
Nach christlichem Verständnis sei der Mensch nicht Eigentümer der Welt, sondern Teil der Schöpfung und damit auch für deren Erhalt verantwortlich. Wer wissenschaftliche Erkenntnisse ernst nehme und vor den Folgen menschlichen Handelns warne, handle daher nicht gegen den christlichen Glauben. „Die Klimawissenschaft verlangt keinen Glauben. Sie verlangt, Erkenntnis ernst zu nehmen.“ Gerade deshalb brauche eine politische Debatte eine gemeinsame Basis an Fakten und nicht die Infragestellung wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Kromp-Kolb: „Seit rund 40 Jahren klar“
Auch Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb widerspricht der Argumentation Kickls: „Es ist nicht zu leugnen, dass der Mensch das Klima beeinflussen kann“, sagt sie. „Nur weil es natürlichen Klimawandel gibt, heißt das ja nicht, dass es nicht auch menschengemachten gibt.“
„Man müsste Herbert Kickl fragen, welche Belege er eigentlich noch braucht“, so die Klimaforscherin. Denn aus wissenschaftlicher Sicht sei seit rund 40 Jahren klar, dass der Mensch die entscheidende Rolle beim derzeitigen Klimawandel spielt; keine andere Theorie erkläre die beobachteten Veränderungen annähernd so gut.
Nur weil es natürlichen Klimawandel gibt, heißt das ja nicht, dass es nicht auch menschengemachten gibt.

Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb
Bild: Klemens Groh
Natürlich habe sich der Mensch auch früher schon angepasst, oft durch Migration: „Doch die Veränderungen, an die wir uns in der Vergangenheit anpassen mussten, waren langsam. Was jetzt passiert, ist hingegen ziemlich schnell und die Klimaveränderungen haben ziemlich dramatische Dimensionen angenommen.“
Essl: „Klimapolitik ist Menschenschutz“
Ähnlich sieht es auch Ökologe Franz Essl von der Uni Wien: „Die massive Verbrennung fossiler Energie ist die Ursache der mittlerweile auch in Österreich unübersehbaren Klimaerwärmung“, sagt der führende Experte an der Schnittstelle von Klimawandel und Biodiversitätskrise, „daran gibt es keinen vernünftigen Zweifel“.
Die massive Verbrennung fossiler Energie ist die Ursache der mittlerweile auch bei uns unübersehbaren Klimaerwärmung. Daran gibt es keinen vernünftigen Zweifel.

Ökologe Franz Essl
Bild: Thomas Lehmann
Dass der Vorsitzende einer in den Umfragen führenden Partei dies nach dem Hitze- und Dürresommer immer noch infrage stellt, sollte „sehr zu denken geben“, bemerkt er: „Eine solche Dinosaurierpolitik setzt die Zukunft Österreichs mutwillig aufs Spiel. Und das ausgerechnet durch die selbsternannte Heimatpartei.“
Das müsse klar benannt werden: „Klimapolitik ist Menschenschutz.“ Der Ausstieg aus Öl und Gas sei möglich, Strom aus Wind, Wasser, Sonne „konkurrenzlos billig. Was es braucht, ist überzeugender politischer Wille“, so Essl. Klimaschutz müsse durch entsprechende Gesetze „konkret ausgestaltet und den Menschen auch erklärt werden, dann wird eine Mehrheit der Wähler eine solche Politik mittragen“.
Fischer: „Jetzt miteinander aufräumen“
Ähnlich sieht es die renommierte Gletscherforscherin Andrea Fischer: Sie kann sofort eine ganze Reihe an Hinweisen für menschengemachten Klimawandel aufzählen. Letztlich aber meint sie: „Es ist egal, wer es war, und wer ,nur geschaut‘ hat. Jetzt müssen wir das miteinander wieder aufräumen.“
Es ist egal, wer es war, und wer „nur geschaut“ hat. Jetzt müssen wir das miteinander wieder aufräumen.

Gletscherforscherin Andrea Fischer
Bild: APA/EXPA
Und sie betont die Relevanz: Es sei zwar „misslich, wenn die Gletscher schwinden oder es heiß ist – Sorgen macht uns aber ganz anderes: Bedrohungen wie Hochwässer, Muren, Massenbewegungen, Dürre, Waldbrände usw.“
Fischer: „Jetzt müssen wir uns alle zusammen dafür einsetzen, dass wir und unsere Kinder in unserer Heimat auch in Zukunft gut leben können. Klimakatastrophen gab es immer wieder einmal, das ist richtig“, sagt sie – und legt nach: „Es sind halt auch viele dabei ausgestorben, von den Dinosauriern bis heute. So leicht dürfen wir unser Zuhause, unser schönes Land nicht aufgeben.“
Der Weltklimarat kommt in seinem 6. Sachstandsbericht zum Schluss, dass der menschliche Einfluss Atmosphäre, Ozean und Landflächen zweifelsfrei erwärmt hat.

Meteorologe Marc Olefs
Bild: B.Wirl
Olfes: „Menschlicher Einfluss zweifelsfrei“
Freilich nennt die Klimaforschung das menschengemachte CO2 nicht als „einzige“ Ursache für die Erderwärmung, führt Meteorologe Marc Olefs aus: „Sie berücksichtigt sämtliche bekannten natürlichen und menschlichen Einflussfaktoren.“ Dazu gehören etwa Veränderungen der Sonnenaktivität, Vulkanausbrüche und natürliche Klimaschwankungen wie El Niño ebenso wie CO₂, Methan, Lachgas, Aerosole und Landnutzungsänderungen.
„Das Ergebnis dieser umfassenden Betrachtung ist jedoch eindeutig: Der „Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC, vereinfacht gesagt: der Weltklimarat) kommt in seinem 6. Sachstandsbericht zum Schluss, dass der menschliche Einfluss Atmosphäre, Ozean und Landflächen zweifelsfrei erwärmt hat“, hebt der Klimaforschungsabteilungsleiter von GeoSphere Austria hervor.
Natürliche Faktoren könnten die Temperaturentwicklung zwar kurzfristig überlagern, „erklären aber den langfristigen globalen Erwärmungstrend seit dem 19. Jahrhundert nicht“.
Eine aktuelle Studie bestätige das Ergebnis: „Für 2016 bis 2025 stehen einer beobachteten globalen Erwärmung von 1,26°C rund 1,24°C menschengemachte Erwärmung gegenüber. Damit ist praktisch die gesamte bisherige globale Erwärmung auf menschliche Einflüsse zurückzuführen.“
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