Boost dank Corona?

Was der Impf-Durchbruch von Moderna bedeutet

Wissen
21.08.2026 19:22

Eine Impfung, die nicht vor einer Krankheit schützt, sondern den eigenen Körper auf die Jagd nach Krebszellen schickt: Was nach Science-Fiction klingt, ist bei schwarzem Hautkrebs nun tatsächlich ein großes Stück näher an die Realität gerückt. Eine personalisierte mRNA-Therapie von Moderna und Merck hat in einer großen Phase-3-Studie positive Ergebnisse erzielt. Doch was genau wird hier eigentlich gespritzt – und könnte die Behandlung schon bald auch in Österreich verfügbar sein?

Die Euphorie bei den Wissenschaftlern ist derzeit kaum überhörbar – erstmals hat eine sogenannte Anti-Krebs-Impfung diese wichtige Hürde einer Phase-3-Studie überwunden und macht damit eine Zulassung in wenigen Jahren auch wirklich realistisch.

Bereits höchst erfolgreich am Menschen getestet
Getestet wurde die Therapie bei Menschen mit einem Hochrisiko-Melanom, dessen Tumor bereits operativ entfernt worden war. Der Impfstoff mit dem Wirkstoffnamen intismeran autogene wird gemeinsam mit dem bereits etablierten Krebsmedikament Keytruda eingesetzt. Ziel ist es, nach der Operation möglicherweise verbliebene Krebszellen gezielt vom Immunsystem erkennen und bekämpfen zu lassen.

Die neue Therapie wurde bei Patienten mit operativ entferntem Hochrisiko-Melanom (Schwarzer ...
Die neue Therapie wurde bei Patienten mit operativ entferntem Hochrisiko-Melanom (Schwarzer Hautkrebs) getestet.(Bild: Iryna&Maya - stock.adobe.com)

Die Phase-3-Studie umfasste 1137 Patientinnen und Patienten. Eine Zwischenanalyse zeigte gegenüber Keytruda allein eine statistisch signifikante Verbesserung sowohl beim Zeitraum ohne erneutes Auftreten des Krebses als auch beim Zeitraum ohne Fernmetastasen. Die detaillierten Zahlen zur Stärke des Effekts sind allerdings noch nicht veröffentlicht.

Die „Krone“ hat hier die wichtigsten Fragen für Sie beantwortet:
Was ist das überhaupt für eine „Krebs-Impfung“?

Es handelt sich dabei nicht um eine vorbeugende Impfung. Die Therapie wird eingesetzt, nachdem ein Hochrisiko-Melanom operativ entfernt wurde. Sie soll verhindern, dass der Krebs zurückkehrt.

Wie funktioniert die Behandlung?

Der entfernte Tumor wird genetisch untersucht. Gesucht werden charakteristische Veränderungen der Krebszellen, sogenannte Neoantigene. Aus bis zu 34 dieser Merkmale wird anschließend ein individueller mRNA-Impfstoff hergestellt.

Vereinfacht gesagt bekommt das Immunsystem damit eine persönliche „Fahndungsliste“: Es soll die charakteristischen Merkmale der Krebszellen erkennen und verbliebene Tumorzellen angreifen. Keytruda unterstützt diesen Prozess, indem es eine wichtige „Bremse“ des Immunsystems löst.

Was ist der Unterschied zur klassischen Chemotherapie?

Die Chemotherapie wirkt wie ein starkes Zellgift, das vor allem schnell wachsende Zellen angreift – sowohl Krebszellen als auch viele gesunde Zellen im Körper. Die mRNA-Impfung dagegen trainiert gezielt das eigene Immunsystem, nur die speziellen Mutationen des individuellen Tumors zu erkennen und anzugreifen. Dadurch ist sie viel selektiver und verursacht in der Regel deutlich mildere Nebenwirkungen als eine Chemotherapie.

Eine Impfung alleine ist auch mit der neuen Technologie nicht möglich: Erst muss mittels ...
Eine Impfung alleine ist auch mit der neuen Technologie nicht möglich: Erst muss mittels Keytruda der individuelle „Krebs-Fingerabdruck“ gemacht werden – um dann der mRNA den Wegweiser mitzugeben.(Bild: Klemens Groh)
Für wen ist die Therapie gedacht?

Die Phase-3-Studie untersuchte Erwachsene mit vollständig entferntem Hautmelanom der Stadien IIB, IIC, III oder IV. Die Patientinnen und Patienten mussten zu Beginn der Behandlung krankheitsfrei sein und ausreichend Tumorgewebe für die genetische Analyse haben.

Ist das ein Heilmittel gegen Krebs?

Nein. Die Therapie ist kein allgemeines Heilmittel gegen Krebs oder alle Formen von Hautkrebs. Positive Phase-3-Daten liegen derzeit für die Behandlung des operativ entfernten Hochrisiko-Melanoms vor. Zudem läuft die Studie weiter, unter anderem um Aussagen zum Gesamtüberleben zu ermöglichen.

Wie erfolgreich war die Therapie bisher?

Bereits eine frühere Phase-2b-Studie mit 157 Patientinnen und Patienten hatte vielversprechende Ergebnisse geliefert. Fünf Jahre nach Behandlungsbeginn wurde eine um 49 Prozent niedrigere Wahrscheinlichkeit für Rückfall oder Tod und eine um 59 Prozent niedrigere Wahrscheinlichkeit für Fernmetastasen oder Tod berichtet. Beim Gesamtüberleben zeigte sich ebenfalls ein günstiger Trend.

In der nun erfolgreichen Phase 3 wurde ein statistisch signifikanter Vorteil bei der Verhinderung von Rückfällen und Fernmetastasen gegenüber Keytruda allein festgestellt. Die vollständigen Detaildaten stehen allerdings noch aus.

Hat das etwas mit den Corona-mRNA-Impfungen zu tun?

Die Technologie dahinter ist verwandt: Auch hier wird mRNA eingesetzt. Bei Corona-Impfstoffen wird die mRNA verwendet, um das Immunsystem auf ein Virus beziehungsweise dessen Spike-Protein vorzubereiten. Bei der Krebs-Therapie enthält der Impfstoff dagegen Informationen über individuelle Merkmale des jeweiligen Tumors.

Die Entwicklung von mRNA-Krebsimpfstoffen begann zudem bereits vor der Corona-Pandemie. Die COVID-19-Impfstoffe trugen allerdings wesentlich dazu bei, die Technologie weiterzuentwickeln und in großem Maßstab verfügbar zu machen.

Ist die Therapie sicher?

Die bisherigen Daten zeigen keine neuen Sicherheitssignale. Häufig waren Müdigkeit, Schmerzen an der Einstichstelle, Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerzen und grippeähnliche Beschwerden. Die meisten Nebenwirkungen waren leicht bis mittelschwer und vorübergehend.

Verändert diese Impfung nicht das Erbgut des Patienten?

Ganz wichtig: Es handelt sich hierbei um keine Gentechnik im klassischen Sinn. mRNA wird im Körper rasch abgebaut und führt nicht zu einer dauerhaften Veränderung der DNA – das ist wissenschaftlich bereits seit Jahren ausführlich belegt. Tatsächlich war eine der größten Problematiken der Forschenden mit der Technologie sogar, dass sie im Körper fast zu schnell zerfällt.

Für die beiden Pharmaunternehmen hat sich der Studienerfolg bereits ausgezahlt – die Aktienwerte ...
Für die beiden Pharmaunternehmen hat sich der Studienerfolg bereits ausgezahlt – die Aktienwerte schossen kurz darauf gewaltig in die Höhe.(Bild: AFP/MADDIE MEYER, SPENCER PLATT)
Wie lange dauert die Herstellung und Behandlung?

Weil jeder Impfstoff individuell für den jeweiligen Tumor hergestellt wird, ist die Produktion aufwendig. Von der Entnahme der Proben bis zur fertigen Behandlung dauert es typischerweise etwa sechs bis acht Wochen. Moderna hat den Prozess nach eigenen Angaben auf rund sechs Wochen optimiert.

Die Behandlung selbst dauert etwa ein Jahr. Vorgesehen sind bis zu neun Dosen des Impfstoffs sowie die zusätzliche Behandlung mit Keytruda.

Wann könnte die Therapie zugelassen werden?

Noch ist sie nicht zugelassen. Moderna und Merck wollen die vollständigen Daten bei den zuständigen Behörden einreichen. Als mögliches Ziel wird 2027 genannt. Das hängt vom Zulassungsverfahren und dessen Ausgang ab.

Für Europa gibt es noch keinen konkreten Zeitplan. Eine Verfügbarkeit wird frühestens für 2027 oder 2028 als realistisch eingeschätzt. Damit gibt es auch für Österreich noch keinen konkreten Plan.

Was würde die Therapie in Österreich kosten?

Diese Frage ist rein hypothetisch, da in diesem Zusammenhang noch viele Detailinfos offen sind. Und auch in den USA steht der tatsächliche Preis steht noch nicht fest. Wegen der individuellen Herstellung werden allerdings sehr hohe Kosten erwartet. In Fachkreisen werden Beträge von mehr als 300.000 Euro pro Patient diskutiert. Mit einem breiteren Einsatz dürften die Kosten auch absehbar entsprechend sinken.

Für Patientinnen und Patienten wäre das bei einer Aufnahme in die öffentliche Versorgung nicht automatisch eine Rechnung in dieser Höhe. Bei vergleichbaren hochpreisigen Krebstherapien erfolgt die Finanzierung über das Gesundheitssystem, sofern die Behandlung zugelassen und erstattet wird. 

Könnte die Technologie auch gegen andere Krebsarten eingesetzt werden?

Daran wird bereits geforscht – unter anderem bei Lungen-, Nieren- und Blasenkrebs. Positive Phase-3-Daten liegen derzeit aber nur für das behandelte Hochrisiko-Melanom vor.

Von Corona zu Krebs
Ausgerechnet die Technologie, die durch die Corona-Impfungen weltweit bekannt wurde, könnte damit eine neue Rolle bekommen: Nicht mehr nur beim Schutz vor einer Infektion, sondern im Kampf gegen Krebs. Noch handelt es sich freilich nicht um eine fertige „Krebs-Impfung aus der Apotheke“.

Doch der Durchbruch von Moderna könnte der Startschuss für eine völlig neue Art der Krebstherapie sein – und schon 2027 könnte sich zeigen, wie schnell aus der Forschung eine Behandlung für Patienten wird.

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