Live in der Stadthalle

Deep Purple: Zwischen „Smoke“ und Donauwalzer

Musik
05.10.2026 23:59

Seit mehr als einem halben Jahrhundert stehen Deep Purple für Hard Rock vom Feinsten. In der Wiener Stadthalle bewiesen die Urgesteine vor 9000 Fans, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Für einen besonderen Überraschungsmoment sorgte Star-Geigerin Lidia Baich, die mit ihnen sogar den Wiener Walzer anstimmte ...

kmm

Bestes Herbstwetter herrschte am Montagabend vor der Wiener Stadthalle – doch statt gemütlichem Herbstspaziergang stand für 9000 Menschen eine ordentliche Portion Rock auf dem Programm. Vor allem ein älteres Publikum tummelte sich vor der Halle: echte Rock- und Metal-Liebhaber, Kenner und Fans, die Deep Purple teilweise wohl schon seit Jahrzehnten begleiteten. Lange Haare inklusive! Dass die Stimmung bereits vor dem ersten Ton passte, war nicht zu überhören. Die ersten Melodien wurden draußen schon vorab geträllert, andere trommelten mit den Händen kurzerhand auf die Tische bei der Kartenabholung. Und wohin man auch blickte: Deep-Purple-Shirts, so weit das Auge reichte.

Kein Wunder: Die britischen Rock-Legenden gibt es mittlerweile seit mehr als einem halben Jahrhundert. 1968 gegründet, wechselte im Laufe der Jahrzehnte immer wieder die Besetzung. Heute stehen Ian Gillan, Roger Glover, Ian Paice, Don Airey und der „jüngste“ Zugang Simon McBride gemeinsam auf der Bühne – mit Schlagzeuger Paice ist sogar noch ein Gründungsmitglied mit dabei. 

Erst einmal die Jungen
Bevor es aber mit den Urgesteinen zurück in mehrere Jahrzehnte Rockgeschichte ging, durfte die nächste Generation zeigen, was sie draufhat. Die britischen Newcomer Jayler, die Deep Purple derzeit auf Tour begleiten, sorgten für die erste ordentliche Portion Hard Rock. „How are we feeling, Austria?“, schrie Frontmann James Bartholomew in die Halle. Mit wilder Mähne, offenem Glitzerhemd und Glockenhose hätte die gerade einmal Anfang 20-jährige Truppe optisch genauso gut einer Zeitmaschine direkt aus den 70ern entsprungen sein können. Und auch musikalisch war die Verwandtschaft mit dem Hard Rock vergangener Jahrzehnte kaum zu überhören. „Rock ’n’ Roll!“, schallte es aus den vorderen Reihen zurück.

Um 20.15 Uhr war dann Schluss: eine gemeinsame Verbeugung, ein letzter fröhlicher Sprung zur Seite – und die Fans hatten noch einmal Zeit, Getränke und Kräfte aufzufüllen. Denn die eigentlichen Legenden warteten erst noch.

45 Minuten purer Hard Rock: Vorband Jayler heizte den Deep-Purple-Fans vorab ein.
45 Minuten purer Hard Rock: Vorband Jayler heizte den Deep-Purple-Fans vorab ein.(Bild: Eva Manhart)

Reise durch Raum und Zeit
Kurz vor 21 Uhr verwandelte sich die Leinwand auf der Bühne in einen Kosmos, dann begann eine kleine Reise durch Raum und Zeit. Passender hätte man den Auftritt einer Band mit mittlerweile 58 Jahren Geschichte wohl kaum eröffnen können.

Punkt genau standen sie schließlich da. Die Haare im Publikum und auf der Bühne waren teilweise schon ergraut, der Rock ’n’ Roll aber ganz offensichtlich noch lange nicht. Mit „Highway Star“ ging es ohne große Umwege los. Ian Gillan winkte ins Publikum, bewegte sich mit seinen 81 Jahren zwar etwas langsamer, doch sobald er zum Mikrofon griff, war klar: Die Stimme hatte noch ordentlich Kraft.

Neben ihm durfte vor allem Simon McBride gleich zu Beginn zeigen, warum er seit 2022 fixer Bestandteil der Band ist. Sein erstes Gitarrensolo genoss er sichtlich, während selbst Gillan ein paar kleine Headbangs einstreute. Und auch im Publikum flogen bereits die ersten Köpfe. Mit „A Bit On The Side“ und dem 70er-Hit „Into The Fire“ blieb kaum Zeit zum Verschnaufen.

Alter schützt vor Bühnenlust nicht: Ian Gillan stand mit 81 noch immer mit voller Leidenschaft ...
Alter schützt vor Bühnenlust nicht: Ian Gillan stand mit 81 noch immer mit voller Leidenschaft am Mikrofon.(Bild: Eva Manhart)

Jeder bekam seinen großen Moment 
„Thank you so much, hallooooo“, begrüßte Gillan schließlich Wien und stellte McBride vor, bevor dieser bei seinem Solo erneut das Kommando übernahm. Überhaupt war das Konzert kein Abend, an dem sich alles nur um den Frontmann drehte. Jeder bekam seinen Moment. Nach „Arrogant Boy“ gehörte die Bühne etwa Don Airey. Gillan verschwand immer wieder kurz nach hinten, gönnte sich bei „Lazy“ auch einmal einen Schluck, während seine Kollegen übernahmen. Später ließ Airey die Tasten derart gewaltig erklingen, dass man sich stellenweise fast in einer riesigen Kirche samt Orgel wähnte – nur eben mit einer ordentlichen Portion Rock.

Dazwischen griff Gillan zur Mundharmonika und erzählte immer wieder kleine Geschichten. Wer dabei irgendwann zwischen Puma, Whiskey und anderen skurrilen Gedankengängen den Faden verlor, war vermutlich nicht allein. Gillan schien das herzlich wenig zu kümmern. Erzählt wurde eben, was ihm gerade in den Sinn kam – und genau das hatte wiederum seinen ganz eigenen Charme.

Dass der 81-Jährige zwischendurch immer wieder von der Bühne verschwand und sich Verschnaufpausen gönnte, ließ sich nicht übersehen. Warum sollte man es auch? Mit 81 Jahren noch Abend für Abend auf einer Bühne zu stehen und Hard Rock zu singen, verdient ohnehin eher ein anerkennendes Kopfnicken als Kritik.

Gemeinsam stark: Deep Purple zeigten in der Wiener Stadthalle, dass sie musikalisch noch lange ...
Gemeinsam stark: Deep Purple zeigten in der Wiener Stadthalle, dass sie musikalisch noch lange nicht nicht genug haben.(Bild: Eva Manhart)

Plötzlich Walzer
Dann wurde es plötzlich richtig österreichisch. Mitten zwischen Gitarren, Schlagzeug und Keyboard erschien im funkelnden Kleid Star-Geigerin Lidia Baich auf der Bühne. Und was spielt man mit einem solchen Überraschungsgast in Wien? Natürlich den Donauwalzer!

Der Walzer bekam kurzerhand einen Deep-Purple-Anstrich, ehe Baich auch bei „Perfect Strangers“ zur Geige griff. Gillan verabschiedete sie anschließend nicht nur mit einem Dankeschön, sondern auch noch mit einem Kompliment für ihr Kleid. Wien-Bonus also erfolgreich abgeholt. Ohnehin blieb die große Effekthascherei an diesem Abend aus. Ein paar Lichtspiele, die große Leinwand im Hintergrund – das war es im Wesentlichen. Keine Feuerfontänen, keine fliegenden Bühnenkonstruktionen, kein unnötiger Schnickschnack. Deep Purple brauchten das alles auch nicht. Hier standen fünf Musiker, ihre Instrumente und fast sechs Jahrzehnte Erfahrung im Mittelpunkt.

Wiener Überraschung: Star-Geigerin Lidia Baich stand mit den Legenden gemeinsam auf der Bühne.
Wiener Überraschung: Star-Geigerin Lidia Baich stand mit den Legenden gemeinsam auf der Bühne.(Bild: zVg)

Tausende kleine Jakes
Zum Schluss passierte es dann endlich und er kam. Der Song, auf den wohl so ziemlich jeder in der Stadthalle gewartet hatte. Simon McBride spielte dieses eine berühmte Riff an – und plötzlich waren auch jene 9000 Fans hellwach, die sich zuvor gesanglich eher zurückgehalten hatten: „Smoke On The Water“.

Wer bei den ersten Gitarrenklängen unweigerlich an Jake aus „Two and a Half Men“ denken musste, der seine Familie mit genau diesem Riff immer wieder in den Wahnsinn trieb, war wohl nicht allein. Nur mit einem entscheidenden Unterschied: In der Wiener Stadthalle waren an diesem Abend plötzlich mehrere Tausend kleine Jakes erwacht – und niemand wollte, dass sie damit aufhörten. Endlich wurde lautstark mitgesungen, Handys gingen in die Höhe und aus dem zuvor teilweise erstaunlich zurückhaltenden Publikum wurde doch noch ein mächtiger Chor.

Doch fertig waren die Herren noch lange nicht. Mit „Guinnesis“, „Hush“ und schließlich „Black Night“ ging das bereits 50. Österreich-Konzert der Rock-Urgesteine ins Finale.

Fazit: Und wie war es nun? Deep Purple bewiesen an diesem Abend vor allem eines: Für ein gutes Rockkonzert braucht es nicht immer große Effekte und viel Schnickschnack. Gitarre, Bass, Keyboard, Schlagzeug, eine kräftige Stimme – und vor allem Musiker, die nach all den Jahren noch immer hörbar Spaß an dem haben, was sie tun. Natürlich merkt man den Herren ihr Alter mittlerweile an. Vor allem Gillan brauchte zwischendurch seine Pausen, große Sprünge über die Bühne waren hier nicht mehr zu erwarten. Und auch die 9000 Fans erwiesen sich über weite Strecken eher als genießende Kenner denn als tobende Teenager.

Doch vielleicht lag genau darin der Reiz. Hier musste niemand mehr irgendjemandem etwas beweisen. Die fünf spielten, improvisierten, ließen einander Raum – und zeigten, dass Rock ’n’ Roll auch nach mehr als einem halben Jahrhundert noch ordentlich Biss haben kann.

In dem Alter noch mehr als eineinhalb Stunden lang auf der Bühne stehen und Rock spielen? Da darf man vor Gillan und auch vor den anderen natürlich ruhig den Hut ziehen – und ein bisschen neidisch konnte man beim Anblick dieser Herren fast werden. Denn eines bewiesen Deep Purple an diesem Abend ziemlich eindrucksvoll: Musik hält offenbar tatsächlich jung. Und Rock ’n’ Roll kennt sowieso kein Pensionsalter.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung