Trotz täglicher Angriffe passieren wieder mehr Tanker die Straße von Hormuz. Washington feiert das als Erfolg. Doch der Schein trügt: Die Rohölpreise bleiben hoch, und Teheran hat noch längst nicht alle Karten ausgespielt.
Nach Ausbruch des Krieges und der Blockade der Straße von Hormuz durch den Iran brach der Erdölexport aus dem Nahen Osten drastisch ein. Weltweit schnallten die Märkte den Gürtel enger. Doch nun zeigen Daten des Analysehauses Kpler eine überraschende Wende: Wieder fast 16 Millionen Barrel Öl pro Tag verlassen die Region – zehn Millionen davon direkt durch die hart umkämpfte Meerenge. Vor dem Krieg waren es fast 20 Millionen Barrel.
Hat Teheran also die Kontrolle über die Wasserstraße verloren? So einfach ist die Lage nicht. Dass wieder mehr Öl fließt, ist primär zwei Faktoren zu verdanken: dem Geleitschutz der US-Streitkräfte und der schieren Verzweiflung der Golfstaaten. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate zahlen Tankerbetreibern mittlerweile teils das Zehnfache der üblichen Prämien, um das Risiko einer Überfahrt einzugehen. Trotz ständiger Angriffe und tragischer Verluste unter den Schiffsbesatzungen wagen immer mehr Kapitäne die Passage.
Hohe Kosten, keine Entwarnung an den Märkten
Der scheinbare Erfolg der USA hat jedoch einen hohen Preis. Der militärische Schutzaufwand mit Kampfjets und Flugabwehrsytemen ist auf Dauer extrem kostspielig. Zudem führt das vergrößerte Angebot bislang nicht zu günstigeren Preisen an den Zapfsäulen. Hohe Versicherungsprämien und Frachtkosten halten das Öl teuer. Gleichzeitig leeren Großverbraucher wie China ihre Reserven, während der Winter vor der Tür steht.
Für den Iran, dessen eigene Ölexporte durch eine US-Blockade auf null gesunken sind, bleibt die Strategie wirksam: Der globale Schmerz durch hohe Energiepreise hält an. Und sollte der Druck auf Teheran zu groß werden, bleiben dem Regime weitere Optionen. Die verbündeten Houthi-Milizen kontrollieren mit Bab al-Mandab eine weitere Schlüsselroute, und auch direkte Angriffe auf die Öl-Infrastruktur am Golf sind denkbar. Die Straße von Hormuz mag nicht mehr völlig blockiert sein. Doch im Ausdauerpoker zwischen Washington und Teheran ist die letzte Karte noch lange nicht ausgespielt worden.
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