Der Generalintendant öffnete für die „Krone“ nicht nur die Tür zu seiner wunderschönen Wiener Wohnung, sondern auch zu seinem derzeit ziemlich turbulenten Alltag. Zwischen Frühstück, Telefon-Marathon, Schloss Tabor und Mörbisch im Burgenland bleibt kaum eine Minute ungenutzt.
Man betritt die Wohnung und versteht sofort, warum Alfons Haider hier gerne zur Ruhe kommt. Warm, persönlich, ein Zuhause zum Wohlfühlen – und für ein paar Stunden tatsächlich ein kleiner Gegenentwurf zu jenem Festspiel-Wahnsinn, der draußen auf den Hausherrn wartet. Die „Krone“ darf Haider dort treffen, wo sein Tag beginnt. Noch bevor Schloss Tabor, Mörbisch, Künstler, Mitarbeiter und Spielpläne seine volle Aufmerksamkeit verlangen.
Bis etwa 8.30 Uhr gehören die ersten Stunden noch ihm selbst: frühstücken, Morgentoilette, ankommen und, wie Haider es nennt, ein wenig „mit mir selber reden“. Viel länger hält die morgendliche Ruhe allerdings nicht. Denn dann beginnt jener Teil des Tages, den man beim Blick auf die große Seebühne wohl kaum mitdenkt: das Telefonieren.
14 Telefonate noch bevor der Tag richtig losgeht
Zuerst ist meist seine Assistentin Elke dran, die seinen Tagesablauf längst kennt. Danach folgen die Betriebsdirektoren in Mörbisch und auf Schloss Tabor, anschließend reiht sich Gespräch an Gespräch. An diesem Vormittag sind es allein in diesem Block 14 Telefonate.
Und damit ist der Terminkalender noch nicht einmal vollständig. Interviews und Fototermine wie jener mit der „Krone“ seien in seinem normalen Tagesplan gar nicht eingerechnet, erzählt Haider. Sie passieren zusätzlich zu jenem Programm, das ohnehin schon eng genug getaktet ist. Zeit zum Durchschnaufen? Kaum. Irgendwo dazwischen wird noch trainiert, Organisatorisches erledigt und längst über den aktuellen Festspielsommer hinausgedacht.
Denn während das Publikum noch „Ein Käfig voller Narren“ in Mörbisch (Karten für die letzten Vorstellungen sind noch erhältlich) und „Wiener Blut“ auf Schloss Tabor genießt, beschäftigt sich der Intendant bereits intensiv mit dem nächsten Jahr.
„Mamma Mia!“ wartet schon
Kaum fällt Ende August der letzte Vorhang, geht es nämlich praktisch nahtlos weiter. Für „Mamma Mia!“ in Mörbisch stehen die großen Auditions bevor. Rund 890 Bewerbungen gibt es, etwa 220 Kandidatinnen und Kandidaten will Haider innerhalb von nur drei Tagen persönlich sehen. Der Sommer 2026 ist also noch nicht vorbei, da wird das Ensemble für 2027 bereits zusammengestellt. „Open-Air-Leiter zu sein, ist kein Beruf, es ist eine Berufung“, sagt Haider.
Am Nachmittag steigt Haider ins Auto. Ziel: Schloss Tabor. Je nach Baustellen dauert die Fahrt mehr als zwei Stunden. Selbst fahren muss er in diesen intensiven Monaten glücklicherweise nicht – ein Sponsor stellt ihm Fahrer und Auto zur Verfügung. Anders wäre dieses Pensum kaum zu bewältigen, sagt er. Denn auch unterwegs geht die Arbeit weiter. Mit seinem Fahrer versteht er sich glücklicherweise blendend: „Tobias und ich sind mittlerweile fast wie verheiratet.“
Der Festspielsommer ist nichts für schwache Nerven
In Tabor angekommen, wird eine Kleinigkeit gegessen, dann geht es für den Intendanten dorthin, wo er am liebsten ist: zu den Menschen. Haider mischt sich unter Mitarbeiter und Mitwirkende, schaut nach, wo Hilfe gebraucht wird, plaudert, scherzt. Auch das Publikum begrüßt er persönlich. Erst danach geht es wieder ins Auto und zum nächsten Halt: Mörbisch. Wieder mehr als zwei Stunden Fahrt. Dort wartet bereits das zweite Haus auf seinen Intendanten. Spät am Abend steht Haider auf der Bühne, verabschiedet Ensemble und Publikum.
Zurück in seiner Wiener Wohnung ist er an solchen Tagen gegen halb eins. Und das ist kein Ausnahmeprogramm: Rund 30 solcher Tage kommen in einem Festspielsommer zusammen.
Der größte Gegner lässt sich nicht planen
Was den Intendanten dabei beschäftigt, sind längst nicht nur Spielpläne und Kartenverkäufe. Bei einem Open-Air-Theater sitzt der vielleicht mächtigste Mitspieler über allen: das Wetter. Regen, Hagel oder Unwetter können binnen weniger Minuten verändern, was monatelang vorbereitet wurde. Dazu kommen Verletzungen und Krankheitsfälle. Gerade auf den riesigen Bühnen und Treppenkonstruktionen in Mörbisch ist jeder Abend auch körperlich eine Herausforderung für das Ensemble.
Haider weiß das in diesem Sommer besonders gut. Denn diesmal ist er nicht nur Intendant, sondern als Zaza selbst Teil von „Ein Käfig voller Narren“. Eine Erfahrung, die seinen Blick auf die Künstler noch einmal verändert hat, denn plötzlich ist der Chef wieder Kollege.
Intendant und Kollege in einem
Als Intendant selbst eine Hauptrolle zu übernehmen, sei durchaus heikel gewesen, räumt Haider ein. Schließlich bleibt für die Kollegen zunächst immer die Frage: Steht da gerade der Schauspieler neben mir – oder doch mein Chef? Nach kurzer Zeit habe das Ensemble aber verstanden, dass er auf der Bühne schlicht einer von ihnen sein wolle. Er kennt nun wieder die Nervosität vor einem Auftritt, das lange Warten, die Hitze und die Angst, dass ausgerechnet jene paar Minuten, auf die man Stunden hingefiebert hat, nicht funktionieren.
„Jetzt kenne ich auch wieder die Ängste und Nöte“, sagt er über die Rückkehr ins Schauspielerleben. Eine große Rolle auf der Mörbisch-Bühne soll es dennoch nicht mehr geben. Der Abschied von Zaza wird deshalb emotional.
Wenn am 22. August für ihn der letzte Vorhang fällt, erwartet Haider Tränen. Noch einmal diese riesige Bühne, Tausende Zuschauer und ein minutenlanger Jubel – danach ist dieses Kapitel für ihn vorbei. Ganz von der Bühne verabschieden will er sich allerdings keineswegs.
Eine Woche im Sparmodus
Irgendwann ist dann aber selbst bei Alfons Haider Schluss. Im September nimmt er sich traditionell eine Woche Auszeit. Früher hätte er Menschen belächelt, die im Urlaub einfach nur im Hotel und am Strand liegen, erzählt er lachend. Heute macht er genau das: früh schwimmen, frühstücken, faulenzen.
Viel mehr Erholung ist allerdings nicht vorgesehen. Vielleicht braucht Haider sie auch gar nicht so dringend, wie man nach einem Tag an seiner Seite meinen könnte. Denn bei aller Hektik merkt man ihm vor allem eines an: Er liebt diesen Betrieb. Er spricht von seinen Mitarbeitern nicht gerne als „Familie“. Das Wort sei ihm zu oft bemüht worden. Seine Variante klingt ohnehin besser: „Wir sind eine Gang.“
„Entweder auf der Bühne oder beim Fotoshooting“
Und so steht Haider am Ende unseres Besuchs wieder dort, wo man ihn seit Jahrzehnten kennt: vor der Kamera. Fotograf Alexander Tuma begleitet ihn schon seit vielen Jahren. Zwischen den beiden braucht es kaum große Anweisungen. Ein Blick, ein Scherz – und das nächste Foto sitzt.
Ans Aufhören denkt Haider ohnehin nicht. Als die Frage danach fällt, muss er deshalb nicht lange überlegen. Dann schaut er zu Tuma und liefert jenen Satz, der nach diesem Tag wohl kaum besser passen könnte: „Ich habe immer gesagt: Entweder sterbe ich auf der Bühne oder bei einem Fotoshooting.“
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