Drohende Verlängerung

Zivildienst erlebt nun regelrechten Ansturm

Innenpolitik
15.08.2026 08:55

Der Entwurf zur Wehrdienst-Reform war wohl das heikelste politische Projekt der Koalition. Ende Juli einigte man sich schließlich auf einen Entwurf. Obwohl bis zur nötigen Zweidrittelmehrheit noch reichlich verhandelt und gestritten werden wird, zeigen die Pläne bereits erste Effekte.

Es ist genau der Reflex, den die ÖVP wochenlang verhindern wollte. Kaum präsentierte man beim Sommerministerrat Ende Juli den Entwurf zur Wehrdienst-Reform, melden sich die jungen Männer in Scharen zum Zivildienst. Noch schnell, solange er kurz genug ist. Mit Stand 14. August liegen 825 Zivildiensterklärungen vor. Im gesamten August 2025 waren es 874. Zweieinhalb Wochen vor Monatsende ist der Vorjahreswert des Monats damit fast erreicht.

Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Wer den Pflichtdienst noch in der günstigen Variante hinter sich bringen will, handelt jetzt – bevor die Reform greifen könnte, so den Plänen der Dreierkoalition von FPÖ und/oder Grünen die nötige Zweidrittel-Mehrheit verschafft wird.

Das lange Feilschen
Zur Erinnerung: Monatelang wurde gerungen, gepokert, verschoben. Die ÖVP wollte das Kommissionsmodell „8 plus 2“ und den Zivildienst gleich auf zwölf Monate strecken, damit er neben dem Heer nicht zu verlockend wirkt. Die SPÖ bot „6 plus 2“. Die NEOS wollten am liebsten ein reines Freiwilligenmodell. Kanzler Christian Stocker warf schließlich „6 plus 3“ in die Runde. Beim Grundwehrdienst raufte man sich zusammen. Beim Zivildienst geriet alles ins Stocken.

Zum Zankapfel wurde ausgerechnet jener Punkt, der die für den Zivildienst zuständige ÖVP-Ministerin Claudia Bauer betrifft. Die NEOS, allen voran der eigene Parlamentsklub, stellten sich quer. Noch am Wochenende vor dem Sommerministerrat in der Salzburger Schwarzenberg-Kaserne stand keine Einigung. Gerettet wurde der Kompromiss buchstäblich in letzter Minute.

Am Ende wächst der Grundwehrdienst nach „6 plus 3“ faktisch auf neun Monate, ab Jänner 2027, samt 1000 Euro Sold und erstmals Urlaubstagen. Der Zivildienst aber bleibt vorerst bei neun Monaten. Zwei Monate länger geht nur freiwillig. Zur Pflicht wird die Verlängerung erst, wenn die Zahl der Grundwehrdiener zu weit unter 15.000 fällt – frühestens ab 2028.

Zustrom für Bauer „logisch“
Ein Punktsieg der Pinken. Und ein Modell, das die entscheidende Frage vertagt. Genau in diese offene Flanke fallen nun neue Zahlen. Für Familienministerin Bauer kommt der Andrang nicht überraschend. „Logischerweise möchte jeder seinen Pflichtdienst absolvieren, bevor er vielleicht verlängert wird“, erklärt sie der „Krone“.

Verlängert gehöre der Zivildienst aber nicht nur, um Männer zum Heer zu treiben, betont Bauer, sondern weil ihn das Gesundheits- und Sozialsystem länger brauche. „Der Zivildienst ist der beste Headhunter – so wie der Grundwehrdienst für das Bundesheer.“ Neun von zehn ehemaligen Zivildienern würden sich wieder so entscheiden, für drei von vier sei die Sinnhaftigkeit der Hauptgrund.

Die beiden zuständigen ÖVP-Ministerinnen Klaudia Tanner und Claudia Bauer
Die beiden zuständigen ÖVP-Ministerinnen Klaudia Tanner und Claudia Bauer(Bild: Eva Manhart)

Aus für Auslandseinsätze
Beim Dauerstreit um die Anrechnung von Freiwilligendiensten bleibt die Ministerin hart. Der „Wildwuchs“ müsse enden, es brauche eine klare Abgrenzung, ihr Vorschlag liege am Tisch. Ab 2040 fehlten jährlich 4000 Zivildiener. „Wenn uns die Zivis in der Pflege, in der Behindertenbetreuung, im Kindergarten und im Rettungsdienst ausgehen, dann haben wir ein riesiges gesellschaftliches Problem“, so Bauer. Dieser „Wildwuchs“, nämlich die Möglichkeit für Zivildiener, den Wehrersatzdienst bei NGOs im Ausland zu absolvieren, soll bereits mit der Inkraftsetzung der Reform abgeschafft werden. Kinder- und Jugendbetreuung in Indien und Wiederbewaldung in Costa Rica sollen der Vergangenheit angehören: „Das mögen wertvolle Erfahrungen für junge Männer sein. Aber Zivildienst bedeutet für mich, einen Beitrag in Österreich zu leisten.“

Stellen im Inland könnten fallen
Aber auch im Inland könnten Stellen fallen. Außer Streit hatte Ministerin Bauer die „zentralen Einsatzgebiete wie Rettungsdienst, Alten- und Behindertenbetreuung, die Kindergärten und die Krankenanstalten“ – im Umkehrschluss könnte es damit eng werden für Zivildienststellen in der Betreuung von Drogenabhängigen oder Flüchtlingen. Am Ende zeigt sich also bereits rund drei Wochen nach der Verkündung des Entwurfs, was ÖVP-Verteidigungsministerin Klaudia Tanner im „Krone“-Interview festhielt: „Natürlich kommt es auf die Länge an!“

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