Zu viele Werke, zu wenig Nachfrage: Eine neue Analyse sieht in Europas Autoindustrie erhebliche Überkapazitäten. Warum Werksschließungen zunehmend als wahrscheinlich gelten und welche Hersteller besonders unter Druck stehen ...
Die schlechten Nachrichten rund um Europas Autobranche reißen nicht ab. Nun untermauert eine Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), die dem „Handelsblatt“ vorliegt, die Befürchtungen um Europas Automobilzukunft. Demnach stehen zahlreiche Automobilwerke in Europa vor einer ungewissen Zukunft.
Die Untersuchung von BCG basiert auf Daten des Finanzdienstleisters S&P und vergleicht für das Jahr 2025 die mögliche mit der erreichten Auslastung der europäischen Werke. Sie zeigt, dass die europäischen Fabriken im Durchschnitt nur zu fast 60 Prozent ausgelastet sind. Für eine wirtschaftlich optimale Produktion wäre jedoch eine Auslastung von rund 80 Prozent erforderlich.
Kein vorübergehendes Problem
Somit bestünden derzeit Überkapazitäten von etwa 5,4 Millionen Fahrzeugen – das entspricht der Produktionsleistung von mehr als 35 Werken. Von den 90 Automobilfabriken in Europa wäre damit rechnerisch nahezu jedes dritte Werk überflüssig. BCG geht dabei nicht von einem vorübergehenden Problem aus, denn selbst bis weit in die 2030er-Jahre werde die durchschnittliche Auslastung europäischer Werke voraussichtlich kaum über 60 Prozent steigen.
Hersteller mit hohen Produktionszahlen besonders gefährdet
Albert Waas, Automobilexperte bei BCG, erklärt dem „Handelsblatt“ dazu: „Es ist unvermeidlich, dass es in Deutschland zu Werksschließungen kommen wird.“ Der Sparzwang würde dazu führen, dass innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre deutlich mehr Standorte geschlossen werden als bisher – aktuell seien rund zwölf europäische Standorte gefährdet. Dabei leiden vor allem Hersteller mit hohen Produktionszahlen. Stellantis, unter anderem Hersteller von Opel, Peugeot und Citroën, reagiert bereits und plant, seine Produktionskapazität in Europa um 17 Prozent zu reduzieren, was 800.000 Fahrzeugen entspricht.
Doch auch Premiumhersteller fahren ihre Produktion zurück. Bei ihnen liegt die Auslastung bei etwa 65 Prozent. Mercedes-Benz verfügte im Jahr 2024 weltweit über Kapazitäten für mehr als 2,5 Millionen Fahrzeuge. Diese sollen zunächst auf 2,4 Millionen und bis 2028 auf 2,2 Millionen Fahrzeuge sinken, was einer Verringerung um fast 13 Prozent entspricht. BMW fertigte im vergangenen Jahr knapp 2,5 Millionen Fahrzeuge und produzierte damit acht Prozent weniger als im Jahr 2023.
Teuerung, Geopolitik und weniger Nachfrage
Die Überkapazitäten haben ihren Ursprung bereits vor der Corona-Pandemie. Bis dahin bauten viele Hersteller ihre Produktionskapazitäten aus, weil sie dauerhaft mit einem weltweiten Absatz von über 100 Millionen Fahrzeugen pro Jahr rechneten. Laut Experten dürfte sich die Nachfrage langfristig jedoch bei nur rund 90 Millionen Fahrzeugen einpendeln. Die Verkaufszahlen in Europa liegen aufgrund der Teuerung unter dem Vorkrisenniveau, und gleichzeitig ist der Absatz am chinesischen Markt deutlich geringer als erwartet. Erschwerend kommt dazu, dass viele Hersteller wegen geopolitischer Unsicherheiten verstärkt direkt in den USA und China für die jeweiligen Märkte produzieren, wodurch weniger Kapazitäten in Europa benötigt werden.
Um Werke besser auszulasten, empfiehlt BCG unter anderem einen Fokus auf die Produktion von Komponenten wie Batterien oder Achsen sowie Kooperationen mit chinesischen Autoherstellern, die ihre Präsenz in Europa ausbauen wollen. Auch die Rüstungsindustrie könnte einzelne Standorte übernehmen, etwa das Mercedes-Werk in Ludwigsfelde oder das VW-Werk in Osnabrück. Dennoch gelten Werksschließungen laut BCG als unvermeidlich. Besonders gefährdet sieht Waas die Standorte in Deutschland und Frankreich, da dort Personal- und Energiekosten besonders hoch sind.
Hohe Produktionskosten in westeuropäischen Ländern
Viele Hersteller verlagern ihre Produktion bereits seit Jahren in Niedriglohnländer wie Ungarn oder Polen. Dort ist die Auslastung ähnlich wie in deutschen Werken, allerdings sind die Produktionskosten weitaus niedriger. Mercedes gibt an, dass die Kosten in Ungarn rund 70 Prozent unter jenen in Deutschland liegen. Bei Volkswagen will nun der Aufsichtsrat Anfang Juli über Werksschließungen entscheiden. Als mögliche Kandidaten gelten dabei die Werke in Hannover, Zwickau und Emden sowie der Audi-Standort Neckarsulm. Bereits geschlossen wurden die Fahrzeugproduktion in Dresden und das Audi-Werk in Brüssel.
Wie schnell tatsächlich Werke in Europa geschlossen werden, bleibt offen. Hersteller können ihre Kapazitäten zunächst auch durch den Wegfall einzelner Modelle, den Abbau von Schichten oder die Stilllegung einzelner Produktionsbereiche reduzieren. In der Regel verlieren dabei zunächst Leiharbeitskräfte ihre Stellen, bevor fest angestellte Beschäftigte betroffen sind. Insbesondere in Deutschland gibt es vielerorts Beschäftigungsgarantien bis Anfang 2030, und der Widerstand der Arbeitnehmervertretungen, die größere Einschnitte verhindern wollen, könnte ebenfalls erschwerend sein. Bei VW soll es nun schon Überlegungen geben, harte Schnitte über eine außerordentliche Hauptversammlung auch gegen den Willen der Gewerkschaften durchbringen zu wollen.
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