Groteske um Naturjuwel

Schildbürgerstreich: E-Werk sperrt Kletterer ein

Tirol
27.06.2026 05:00

In der Sendersbachschlucht im Tiroler Kematen liegt ein verstecktes Natur- und Kletterjuwel für Insider. Schon Kaiser-Ferdinand war hier. Doch am Schluchtende steht jetzt ein Zaun, das Gebäude des lokalen E-Werks „ziert“ ein Nazi-Symbol – weil hier die Messerschmitt-Werke beheimatet waren?

Es handelt sich um eine fast versteckte, wildromantische Naturwelt mit Wasserfällen, die nach keinem geringeren als Kaiser Ferdinand dem Gütigen benannt ist. Der ließ sich oft in der Sänfte hierher tragen, um die Naturschönheit zu genießen.

Routen in Kletterführern beschrieben
Doch weder die Wasserfälle noch der Pfad, der vom Axamer Weiler Zifres (Bezirk Innsbruck-Land) rund 150 Meter hinunter zur Sellraintalstraße beim E-Werk Kematen führt, sind in einer Karte eingetragen. So benutzen den Pfad vor allem Einheimische, die in den Felsen über dem Sendersbach ihren Sport ausüben. Kletterrouten kann man in diversen Kletterführern nachlesen.

Die Sendersbachschlucht – ein naturbelassenes Juwel
Die Sendersbachschlucht – ein naturbelassenes Juwel(Bild: Privat)

Der Innsbrucker Harald Fasser kennt die Sendersbachschlucht, die wundervollen Wasserfälle und die Sportkletterrouten ewig. In Internetportalen sind sie unter dem Sammelbegriff „Spucher“ beschrieben – sie reichen bis zum Schwierigkeitsgrad sieben.

„Um zu den Kletterwänden zu gelangen, stieg man früher in Zifres in die Schlucht ein und verließ sie unten in Kematen an der Sellraintaler Straße beim E-Werk wieder“, schildert Fasser. Das ist seit einiger Zeit aber nicht mehr möglich. Denn die Verantwortlichen des E-Werks haben das Werksgatter versperrt und einen Zaun errichtet.

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Wenn ich das Wasser aus meinem privaten Whirlpool auslasse, ist der Wasserschwall wohl größer als jener des Sendersbachs.

Harald Fasser, Kenner der Sendersbachschlucht

„Unwissende sitzen somit in der Falle, alle anderen müssen nach dem Klettern wieder mühsam zurück hinauf steigen“, schüttelt Fasser ungläubig den Kopf. Er spricht von einem Schildbürgerstreich.

E-Werk besteht seit mehr als 100 Jahren
„Die Maßnahmen wurden nach einer behördlichen Begehung notwendig“, entgegnet Kurt Bohslavski, der Betriebsleiter des E-Werks. „Wir mussten unsere Anlage gegen den Zutritt von Unbefugten absichern“, erklärt er.

Dieses Argument wiederum kann Harald Fasser nicht nachvollziehen. „Bisher war eine solche Maßnahme ja auch nicht notwendig. Immerhin besteht das E-Werk ja schon seit mehr als 100 Jahren. Verglichen dazu sind die Absperrungen sehr jung“, sagt Fasser.

Die Wasserfälle zogen schon Kaiser Ferdinand den Gütigen an.
Die Wasserfälle zogen schon Kaiser Ferdinand den Gütigen an.(Bild: privat)

E-Werks-Chef Bohslavski warnt generell vor dem Betreten der Sendersbachschlucht wegen der Gefahr von Schwallwasser. „Die Wasserfassung für das E-Werk befindet sich in Zifres. Bei einem Notfall wird das Wasser von dort über den Sendersbach in die Schlucht abgelassen.“ Entsprechende Tafeln würden auf die Problematik hinweisen.

Plakativer Vergleich
Dies sei ebenfalls kein Grund für das „Zusperren“ des Schluchtausganges, widerspricht Fasser. Er zieht einen plakativen Vergleich. „Wenn ich das Wasser aus meinem privaten Whirlpool auslasse, ist der Wasserschwall wohl größer als im Fall des Sendersbachs“, lacht der Innsbrucker.

Stollen aus Nazizeit ziehen Unverbesserliche an
Freilich – der Zaun könnte auch Personen mit anderen Interessen abhalten. Denn in dem Bereich errichteten die Nazis Stollen, um die Rüstungsproduktion der in Kematen angesiedelten Messerschmittwerke dorthin zu verlegen.

NS-Symbol an Hauswand
Die Stollen wurden zwar überwiegend zugemauert, einige Unverbesserliche scheint es aber doch immer wieder dorthin zu ziehen. Davon zeugt auch ein Zeichen - ähnlich einem Hakenkreuz -, das Unbekannte auf ein altes Nebengebäude des E-Werks schmierten.

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