Familien können sich in Österreich im Regelfall nicht entscheiden, ob sie ihre Kinder selbst betreuen oder in eine Einrichtung geben. Zu diesem Schluss ist jetzt eine Studie der Universitäten Innsbruck und Wien gekommen. Demnach habe die „Wahlfreiheit“ vielmehr Ungleichheiten verstärkt.
Es gebe gar nicht genug Betreuungsangebote, um zu wählen, heißt es. Nur sechs von zehn Plätzen für Kinder unter drei Jahren seien mit einem Vollzeitjob beider Eltern vereinbar, sagte Eva-Maria Schmidt vom Österreichischen Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien. Für die Studie wurden Interviews und Gruppendiskussionen mit Müttern geführt.
Derzeit würde überhaupt nur ein Drittel der Kinder unter drei Jahren eine Betreuungseinrichtung besuchen, sagte Schmidt weiter. Das habe aber nicht nur mit dem fehlenden Angebot, sondern auch mit „kulturellen normativen Vorstellungen“ zu tun. Demnach ist die gängige Erwartung in Österreich, dass kleine Kinder unter der Betreuung durch „Fremde“ eher leiden würden und bei ihrer Mutter besser aufgehoben seien. „In Österreich ist eine gute Mutter eine für die Familie sorgende Mutter“, sagte Soziologin Fabienne Decieux (Universität Innsbruck).
In Österreich ist eine gute Mutter eine für die Familie sorgende Mutter.
Soziologin Fabienne Decieux, Universität Innsbrruck
Anforderungen seit 1970er-Jahren gestiegen
Dabei seien die Anforderungen seit den 1970er-Jahren deutlich gestiegen. So werde von Müttern gesellschaftlich beispielsweise erwartet, dass sie ihr Leben am Wohl und der positiven Entwicklung ihrer Kinder ausrichten. Entwickle sich das Kind nicht gut, würden sie dafür verantwortlich gemacht. Hinzu kämen Ansprüche, wie durch Erwerbsarbeit etwas für die eigene Altersvorsorge zu tun, aber gleichzeitig die eigenen beruflichen Ziele aufgrund des Kindes herunterzuschrauben.
Mütter seien heute stärker belastet als früher, sagte auch Schmidt. Die gestiegenen gesellschaftlichen Erwartungen könnten ein Grund dafür sein, weshalb sich immer mehr Frauen gegen eigene Kinder entscheiden. Dass sich wieder mehr für ein Leben als Hausfrau entscheiden, habe ebenfalls damit zu tun. Allerdings seien traditionelle Mutterschaftsnormen in Österreich immer schon stark gewesen und Mütter im Vergleich zu anderen Ländern auch in der Vergangenheit weniger ins Berufsleben eingestiegen, ergänzte die Soziologin.
Auch wenn die Kinder älter sind, bleibt ein großer Teil der Mütter hierzulande in Teilzeit, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Die „Wahlfreiheit“ habe den Druck auf Mütter erhöht und Ungleichheiten verstärkt, heißt es in der Studie. Mütter seien erschöpfter als andere Gruppen in der Gesellschaft, Folgen wie Altersarmut würden „auf das Individuum übertragen“.
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