„Mirco“ trug Halsband

In Tirol erlegtes Tier soll „Forschungswolf“ sein

Tirol
23.06.2026 16:24

Der Abschuss eines mutmaßlichen Problemwolfs in Tirol schlägt nun Wellen. Denn das Tier trug ein GPS-Halsband – und soll sich laut den Daten zum Zeitpunkt der Abschussverordnung gar nicht in Tirol aufgehalten haben. Tierschützer kritisieren nun, dass es sich daher bei dem getöteten Wolf nicht um jenes Tier handeln könne, welches für die Jäger freigegeben wurde. 

Besonders scharfe Kritik kam von der italienischen Organisation „Io non ho paura del lupo“ („Ich habe vor dem Wolf keine Angst“). Der Verein mit Sitz in der norditalienischen Stadt Parma wirft Österreich eine zunehmend aggressive Wolfsmanagement-Politik vor und fordert eine umfassende Untersuchung des Falls.

Bei dem getöteten Tier handelte es sich nach Angaben der Organisation um einen jungen Wolf namens „Mirco“. Das Tier war mit einem Satellitenhalsband ausgestattet und Teil eines wissenschaftlichen Forschungsprojekts, das vom Nationalpark der Dolomiten der Provinz Belluno und der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Sassari koordiniert wird. Ziel des Projekts war die Untersuchung der Wanderbewegungen junger Wölfe und deren Bedeutung für die Ausbreitung der Art sowie den genetischen Austausch zwischen Populationen.

Organisation kritisiert Österreichs Wolfsmanagement
Besonders brisant erscheint der Fall nach Darstellung der Organisation, weil der abgeschossene Wolf möglicherweise nicht jenes Tier war, auf das sich eine Anfang Juni von den Tiroler Behörden erlassene Abschussgenehmigung bezog. Die Anordnung war nach Sichtungen eines Wolfs in der Nähe von Wohnhäusern in der Gemeinde Schlitters im Zillertal ergangen.

Der wissenschaftliche Leiter des Forschungsprojekts, Marco Apollonio, erklärte nach Angaben der Organisation in einem Interview mit dem Onlineportal „Il Dolomiti“, die Daten des Satellitenhalsbands zeigten, dass sich Mirco zum Zeitpunkt des Erlasses der Abschussverfügung noch in Südtirol befunden habe. Erst in den folgenden Tagen sei der Wolf nach Tirol eingewandert. Die italienischen Forscher hätten die österreichischen Behörden über die Ankunft und die Bewegungen des Tieres informiert.

Den aufgezeichneten Daten zufolge durchquerte „Mirco“ die Gegend bei Schlitters in den Nachtstunden und hielt sich anschließend mehrere Tage in einem abgelegenen Berggebiet in Höhenlagen zwischen 1.900 und 2.100 Metern auf. Dort habe er sich weit entfernt von Siedlungen aufgehalten. Sollten sich diese Angaben bestätigen, wäre nach Auffassung der Organisation ein Wolf getötet worden, der kein auffälliges Verhalten gezeigt habe. Dies werfe Fragen zur Rechtmäßigkeit und Verhältnismäßigkeit der Maßnahme auf.

Wolf war Teil eines wissenschaftlichen Forschungsprojekts
Besonders kritisch bewertet der Verein die Tatsache, dass „Mirco“ Teil eines wissenschaftlichen Forschungsprojekts war und die österreichischen Behörden über dessen Anwesenheit informiert worden sein sollen. Es müsse geklärt werden, ob die im Rahmen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit übermittelten Daten möglicherweise direkt oder indirekt zur Lokalisierung des Tieres genutzt wurden. Nach Ansicht der Organisation stellt der Abschuss nicht nur einen problematischen Eingriff in das Wolfsmanagement dar, sondern bedeute auch einen Verlust für die Forschung. In das Projekt seien über Monate erhebliche personelle und finanzielle Ressourcen investiert worden. Mit dem Tod des Tieres seien wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse verloren gegangen.

Der Verein sah in dem Fall einen Beleg für eine zunehmend harte Linie Österreichs im Umgang mit Wölfen. Genehmigte Abschüsse würden nach seiner Einschätzung immer häufiger unter umstrittenen Umständen erteilt. Voraussetzung seien jedoch eine eindeutige Identifizierung der betroffenen Tiere, belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse und verhältnismäßige Maßnahmen.

Tierschützer wollen Fall rechtlich prüfen lassen
Die Organisation kündigte an, den Fall rechtlich prüfen zu lassen. Zudem wolle sie die italienischen Behörden, die beteiligten Forschungseinrichtungen sowie das Umweltministerium in Rom auffordern, den Vorgang aufzuklären und mögliche Verantwortlichkeiten zu untersuchen. Darüber hinaus soll der Fall nach Angaben des Vereins der Europäischen Kommission vorgelegt werden. Dabei solle geprüft werden, ob die österreichischen Behörden die europäischen Vorschriften für Ausnahmen beim Schutzstatus von Wölfen eingehalten haben und ob gegebenenfalls ein Vertragsverletzungsverfahren in Betracht kommt.

Kritik kam am Dienstag auch vom WWF. „Während Italien die Wanderbewegungen der Wölfe erforscht, schießt Österreich Tiere aus solchen Monitoringprojekten ab. Diese Schieflage sollte die Landesregierung zum Anlass nehmen, ihren Feldzug gegen eine geschützte Art dringend zu überdenken“, sagte WWF-Experte Christian Pichler.

Die Tierschutzorganisation forderte daher einmal mehr anstelle der bisherigen Abschusspolitik eine Herdenschutz-Offensive. Dazu gehören flächendeckende Beratung, ausreichend finanzierte Schutzmaßnahmen, faire Entschädigungen und eine stärkere Nutzung wissenschaftlicher Daten. „Fachgerechter Herdenschutz reduziert Konflikte und stärkt die Tiergesundheit auf den Almen, weil Verletzungen und Krankheiten bei Weidetieren reduziert werden“, so Pichler. 

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