Ein Schaukelstuhl-Pensionist war Burgenlands SPÖ-Altlandeshauptmann Hans Niessl nie. Im Polit-Ruhestand avancierte der agile Frauenkirchner zum Sport-Austria-Präsidenten und Firmengründer. Nun startet er erneut durch und will Österreichs nächstes Staatsoberhaupt werden. Das Interview zum 75er.
„Krone“: Herr Niessl, Sie feiern am Freitag Ihren 75. Geburtstag. Viele Menschen in Ihrem Alter freuen sich auf Ruhe, Garten und Enkel. Sie offenbar nicht. Machen Ihnen Stillstand und das Älterwerden Angst?
Angst schließe ich aus. Ich habe einfach das Bedürfnis, aktiv zu bleiben und etwas Positives für die Gesellschaft zu bewirken. Außerdem tut es mir gut, geistig gefordert zu sein.
Weggefährten beschreiben Sie als neugierigen Gestalter, der ständig neue Herausforderungen sucht und Routine schnell langweilig findet. Woher kommt dieser Antrieb?
Das liegt wohl an meinem Naturell. Schon als Volksschullehrer wollte ich mich weiterentwickeln. Deshalb wurde ich Hauptschullehrer für Deutsch, Geografie und Sport und später Direktor. Bereits damals war ich überzeugt: Fortschritt braucht Veränderung! Gegen viele Widerstände habe ich eine Sporthauptschule gegründet und die Fünftagewoche eingeführt. Auch später als Bürgermeister, Landtagsabgeordneter, Klubobmann und Landeshauptmann hatte ich immer den Drang, neue Wege zu gehen – selbst wenn ich damit aneckte, auch in der eigenen Partei.
Wann ist Veränderung notwendig?
Wenn Weiterentwicklung ausbleibt und alles nur noch vor sich hinläuft, ohne Höhepunkte, die begeistern. Menschen brauchen Perspektiven und Ziele. Wenn wir wollen, dass es unseren Kindern und Enkeln gut geht, müssen wir vordenken und uns mit den Herausforderungen der Zukunft auseinandersetzen.
Spüren Sie oft früher als andere, wohin sich Dinge entwickeln?
Ja, ich glaube, dass ich dieses Sensorium habe. Zu Beginn der Flüchtlingskrise 2015 habe ich davor gewarnt, dass unkontrollierte Migration die Systeme im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich überfordern könnte. Viele Entwicklungen, die ich damals angesprochen habe, beschäftigen uns heute tatsächlich. Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder in Privatschulen, weil die Integration nicht funktioniert. Immer mehr Österreicher, die jahrelang ins Gesundheitssystem einbezahlt haben, müssen aufgrund unzumutbar langer Wartezeiten wichtige Operationen mittlerweile aus eigener Tasche finanzieren. Dafür gehen oft 10.000 Euro und mehr drauf! Auch die ständig steigenden Lebenskosten sind ein massives Problem. Da sind dringend Reformen nötig. Politik darf nicht den Kontakt zum Alltag der Menschen verlieren.
Woher wissen Sie, was die Menschen bewegt?
Weil ich bewusst den Kontakt suche. Das Volk ist das beste Stimmungsbarometer. Am Hundetrainingsplatz oder Sportplatz zum Beispiel treffe ich Leute aus allen sozialen Schichten. Dort wird offen ausgesprochen, was funktioniert und was nicht. Viele haben das Gefühl, dass Leistung nicht mehr ausreichend anerkannt wird. Es gibt viele Migranten die nicht verstehen, warum sie fleißig arbeiten und Steuern zahlen, während andere Migranten das nicht tun, aber Unterstützungsleistungen kassieren. Das beeinflusst natürlich auch das Wahlverhalten. Viele wählen deshalb nicht mehr SPÖ, sondern FPÖ.
Sie betonen immer wieder die Bedeutung von Leistung. Wurden Sie so erzogen?
Ja. Das habe ich von klein auf mitbekommen. Die Familienangehörigen meiner Mutter waren Kleinhäusler. Sie hatten in Zurndorf einen Bauernhof mit Schweinen, Kühen und Gänsen. Die Äcker und Felder haben sie noch mit dem Pferdepflug bestellt. Auch in der Maurerfamilie meines Vaters, er war Marktleiter im „Konsum“, wurde hart gearbeitet. So wie viele Männer im Dorf stand auch er jedes Wochenende auf der Baustelle, um das eigene Haus fertigzustellen. Ich war 14 und habe selbstverständlich mitgeholfen. Diese Erfahrungen haben mich geprägt.
Wofür wurden Sie gelobt? Und mussten Sie sich Anerkennung erarbeiten?
Ich war der Erste in der Familie, der maturiert hat. Darauf waren meine Eltern stolz. Sie haben mir das Internat ermöglicht, obwohl das finanziell nicht selbstverständlich war. Gleichzeitig habe ich in den Sommerferien gearbeitet und eigenes Geld verdient.
Sie waren bis 2019 Landeshauptmann des Burgenlandes. Bald darauf ging Ihre erste Ehe mit Christine, der Mutter Ihres Sohnes Peter, nach 43 Jahren in die Brüche, weil Sie sich in eine 19 Jahre jüngere Ärztin verliebten – in Ihre jetzige Frau Anette (55). Während sie als Primaria am Klinikum Baden und Mödling Karriere macht, engagieren Sie sich seit sieben Jahren Vollzeit und ehrenamtlich als Sport-Austria-Präsident, chauffieren die Kinder (17 und 18) umher und gehen mit Familienhund „Keks“ Gassi. Vor einigen Monaten verkündeten Sie, dass Sie bei der Bundespräsidentenwahl 2028 antreten wollen. Ist Ihnen die Hausmann-Rolle zu fad?
Hausmann? War ich das? Ja, vielleicht ein bisschen, obwohl ich nicht kochen kann (lacht). Zu Hause sitzen ist jedenfalls nichts für mich. Deshalb habe ich neben meiner Tätigkeit bei Sport Austria auch eine Immobilien- und Energie-Consultingfirma gegründet. Aber ich habe das Gefühl, noch mehr beitragen zu können. Mir liegt das Wohl der Menschen am Herzen. Deshalb würde ich mich als parteiunabhängiger Bundespräsident dafür starkmachen, dass Österreich wieder stärker auf Zukunft, Leistung und Wettbewerbsfähigkeit setzt – und das auch mit Nachdruck von der Bundesregierung einfordern. Natürlich kann ich mich auch als Alt-Landeshauptmann in Debatten einbringen. Als Bundespräsident hätte meine Stimme aber ein anderes Gewicht.
Wofür würden Sie sich noch einsetzen?
Für die steuerliche Entlastung des Mittelstands, für mehr internationale Wettbewerbsfähigkeit und für ein Fördersystem nach dänischem oder schweizerischem Vorbild. Förderungen müssen regelmäßig überprüft werden. Schließlich geht es um Steuergeld.
Sie wären bei der Wahl 77 Jahre alt. Was macht Sie so sicher, dass Sie das Amt körperlich und geistig bewältigen können?
Sollte ich irgendwann das Gefühl haben, dass mir die Kraft ausgeht, werde ich selbstverständlich nicht kandidieren. Aber derzeit fühle ich mich fit, gesund und leistungsfähig und arbeite oft 15 Stunden am Tag. Dazu kommen jahrzehntelange politische Erfahrung, eine gute Gesprächsbasis mit allen Parteien, beste Kontakte in die Wirtschaft und ein Gespür dafür, was die Menschen beschäftigt.
(Während des Gesprächs kommt Ehefrau Anette vorbei, um Familienhund „Keks“ abzuholen. Auf die Frage, ob sie ein Stück Geburtstagstorte mitnehmen möchte, antwortet sie: „Nein, ich esse keinen Zucker. Und der Hans sollte auch nicht zu viel davon essen.“)
Sie haben Ihrer Frau vor der Hochzeit versprochen, dass Sie nie wieder in die Politik gehen. Warum stehen Sie nicht zu Ihrem Wort?
(lacht, als fühlte er sich gerade ertappt) Weil ich damit die Parteipolitik gemeint habe. Das Amt des Bundespräsidenten ist überparteilich. Mit diesem Argument konnte ich sie schließlich überzeugen.
Wie viele Nächte musste Sie darüber diskutieren?
Einige! Das waren keine leichten Gespräche. Sie hat mir sofort eine Bedingung gestellt: Sie will ihren Beruf als Primaria weiterhin ausüben und ihr bisheriges Leben grundlegend beibehalten.
Wäre sie bereit, die Rolle der First Lady zu übernehmen?
In einem begrenzten Ausmaß, ja. Für wichtige Staatsbesuche oder Empfänge würde sie sich Zeit nehmen. Mehrere Wochen pro Jahr könnte sie dafür reservieren. Dafür würde sie extra ihren Urlaub opfern.
Und was, wenn es mit dem Einzug in die Hofburg nicht klappt?
Dann werde ich mich weiter als Sport-Austria-Präsident engagieren und mich intensiver meiner Firma widmen. Das ist auch eine schöne Herausforderung.
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