Ein Jahr ist vergangen, seit am Grazer BORG Dreierschützengasse ein Amoktäter zehn Menschen tötete. Am Montag gaben die Direktorin, Schüler, Eltern und Co. Einblick in eine neue Schulrealität, Sicherheitsüberlegungen und wie man mit dem tragischen Ereignis leben gelernt hat.
Liane Strohmaier blickt zu Boden. Dann hebt die Direktorin des BORG Dreierschützengasse mit Fassung den Kopf und wendet sich den Journalisten zu. Neben ihr stehen die Bildungsdirektorin der Steiermark, der Bildungslandesrat, Schüler- und Elternvertreter. Das Medienaufgebot an diesem Montag ist enorm. „Die Schule ist seit 25 Jahren meine Schule, ich habe nie ans Aufhören gedacht“, sagt Strohmaier.
Am 10. Juni 2025 wurden bei einem Amoklauf an ihrer Schule neun Schülerinnen und Schüler und eine Lehrerin erschossen, der Täter richtete sich danach selbst. Seit einem Jahr trägt Graz Trauer. Seit einem Jahr versucht die Schule, in eine neue Normalität zurückzufinden. Am Mittwoch, dem traurigen „Jahrestag“, wird in der Schule in kleinem Kreise der Opfer gedacht, man möchte unter sich sein.
Ein neuer Alltag für alle
„Wenn man uns fragt, wie es den Schülerinnen und Schülern heute geht, dann gibt es darauf keine einfache Antwort. Das vergangene Jahr hat jeder anders erlebt. Manche haben schnell in den Alltag zurückgefunden, andere beschäftigten die Ereignisse bis heute sehr stark“, sagen die Schulsprecher Manuel Mohr (18) und Nuno Koval (17). Sie klingen nicht wie Kinder, sie sprechen reif, überlegt, geprägt von einem schicksalshaften Erlebnis.
Der Unterricht und Schulalltag würden sich wieder normaler anfühlen, doch es gibt auch Momente wie diesen: „Man sitzt in der Klasse, hört ein Geräusch, das nicht zu identifizieren ist, man wird sofort hellhörig“, sagt Nuno. Zuvor spricht Elternvereinsobmann Mirza Candic von einem „besonderen Chorprojekt“. Vier Mädchen aus dem Chor „sind leider nicht mehr unter uns“, doch der Chor ist jetzt wieder aktiv, dies sei ein Zeichen für Hoffnung und Mut. Schön sei, so betonen Schul- und Elternvertreter, wie stark der Zusammenhalt in der Schule sei.
1000 Beratungen, fixe Schulpsychologen jeden Tag
Die Schulsprecher bedanken sich auch für die schulpsychologische Unterstützung („die Therapiehunde, die helfen uns auch sehr“). „Schutz, Stabilität, psychosoziale Begleitung und ein verlässlicher Schulbetrieb sind das oberste Ziel“, sagt Bildungsdirektorin Elisabeth Meixner. Seit dem Amoklauf, auch über den Sommer danach und bis jetzt gibt es ein fixes schulpsychologisches Team, das täglich von 8 bis 14 Uhr am Standort unterstützt, sowie Beratungslehrer. Insgesamt wurden mehr als 1000 Beratungen in Anspruch genommen. Es werde versucht, eine neue Normalität zu leben.
Der Mittwoch wird für viele nicht leicht. Die Wunden sind nicht verschwunden, aber wir haben gelernt, gemeinsam damit umzugehen.
Schulsprecher Manuel Mohr
Umbau bis Herbst, Matura wie gewohnt
Für die Schüler findet diese zu großen Teilen noch im umgestalteten AVL-Gebäude statt. Nur gewisse Fächer werden in der Stammschule unterrichtet, die gerade gestaffelt umgebaut wird. Der Gang im dritten Obergeschoß soll bis 19. Juni, das zweite Obergeschoß bis zum 10. Juli und die Bereiche im ersten Obergeschoß bis 14. August fertiggestellt sein. Auch ein Gedenkort ist angedacht und ein bauliches Sicherheitskonzept wurde entwickelt. Eine Steuergruppe wurde in der Schule etabliert.
Ab Herbst wird der Unterricht wieder im alten Schulgebäude stattfinden. Am 11. Juni, einen Tag nach dem „Jahrestag“, beginnt im Übrigen die mündliche Reifeprüfung, was teils für Kritik sorgte. Die sei laut Direktorin in Absprache mit den Schülern geschehen.
Ein großes Danke gilt allen Einsatzorganisationen, den Lehrern, Schülern, allen, die im vergangenen Jahr geholfen haben.
Mehrmals bedanken sich alle Beteiligten unisono.
Gewaltschutz und eigene Koordinierungsstelle
In vier Grazer Schulen wurden als Folge nach dem Amoklauf bereits verschärfte Sicherheitskonzepte umgesetzt. Im Land wurde ein Gewaltschutzbeirat unter Vorsitz von Bildungslandesrat Stefan Hermann (FPÖ) eingerichtet. Notfallpläne für Schulen sowie außerordentliche Unterstützungsangebote sind dort Thema. Eine konkrete Maßnahme, die Hermann nennen kann: „Ab nächstem Jahr wird eine Koordinierungsstelle für Gewaltprävention bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft installiert, die Drehpunkt für Kinder, Jugendliche, Eltern und Pädagogen sein soll.“
Ein Tag, der sich ins kollektive Bewusstsein gebrannt hat
Dass „unsere Kinder“ weiter unterstützt werden, das ist auch dem Elternverein wichtig. Denn, Schulsprecher Manuel Mohr bringt es auf den Punkt: „Die Wunden sind nicht verschwunden, aber wir haben gelernt, gemeinsam damit umzugehen.“ Während am Podium gesprochen wird, herrscht Stille wie selten bei einer Pressekonferenz. Direktorin Strohmaier sagt: „Auch das Lehrerkollegium ist in diesem Jahr über sich hinausgewachsen ... alle waren betroffen, das darf man nicht vergessen!“ Und diese Betroffenheit reicht sichtbar über die Schulgrenzen hinaus. Wohl noch viel länger als bis zum 10. Juni 2026. Der 10. Juni wird Graz für immer im Gedächtnis bleiben.
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