Massiver Kahlschlag

Kleinen Gletschern droht heuer das große Schmelzen

Klima
26.05.2026 08:42
Porträt von krone.at
Von krone.at

Der trockene Winter und die Aussicht auf einen Hitzesommer lassen Glaziologin Andrea Fischer Alarm schlagen: Die Expertin rechnet heuer mit einer besonders starken Gletscherschmelze. Die düstere Prognose: Viele kleine Gletscher könnten schon 2026 ganz verschwinden.

Der späte Schneefall im Mai sei laut Fischer zwar nichts Ungewöhnliches. Der Schutzeffekt werde dadurch wegen der erwarteten Hitze aber wohl rasch verpuffen. Die Folge: Die zuletzt stark beschleunigte Gletscherschmelze könnte so massiv ausfallen, dass viele kleine Gletscher schon heuer verschwinden.

Um rund 30 Prozent weniger Niederschlag im Vergleich zum langjährigen Mittel hat der vergangene Winter und seine Ausläufer gebracht, erklärte die am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck tätige Gletscherforscherin. Das aufgebaute Defizit lässt sich durch die Mai-Schneefälle definitiv nicht ausgleichen.

Umgebremstes Tauen beginnt
Sobald die Gletscher schneefrei sind, beginnt das große Schmelzen: Das dunkle Eis nimmt deutlich mehr Sonnenenergie auf, das Tauen läuft dann fast ungebremst. An nur einem heißen Sommertag könne die Eisoberfläche um bis zu zehn Zentimeter schrumpfen, warnt Fischer. Angesichts ungewöhnlich hoher Meerestemperaturen, des stark zurückgegangenen arktischen Meereises und möglicher Anzeichen für ein El-Niño-Jahr drohe ein „extrem heißer“ Sommer. Für die ohnehin schon stark geschrumpften Gletscher der Ostalpen ist die Lage damit besonders kritisch.

Der jährliche Abgang zuletzt überstieg auch pessimistische Annahmen teils deutlich und den Forschenden kommen ihre Forschungsobjekte zusehends abhanden. Der Schneemangel heuer wirkt sich neben den früher freiliegenden Gletschern und Gletscherresten auch auf die Pegelstände in Seen, Bächen und Flüssen aus, die teilweise im Frühling auf sehr niedrigem Wasserstandsniveau dahindümpeln. Außerdem tut sich die alpine Vegetation bisher sehr schwer, mit so wenig Feuchtigkeit auf Touren zu kommen. Das wenige Schmelzwasser macht es auch schwieriger, die Speicherseen der Pumpspeicherkraftwerke auf natürliche Weise zu füllen.

Am Dachsteingletscher legte die Schmelze infolge des Klimawandels im Vorjahr sogar einen alten ...
Am Dachsteingletscher legte die Schmelze infolge des Klimawandels im Vorjahr sogar einen alten Lift frei.(Bild: Alex Seebacher/Team Dachstein)

Winter blieb unter den Erwartungen
Wie trocken es vielfach war, zeigt sich beispielsweise am Hallstätter Gletscher. Dieser relativ tief liegende Eiskörper verzeichnet in durchschnittlichen Wintern eigentlich über sieben Meter Schnee. Heuer sind es weniger als vier Meter. Auch in Salzburg und Tirol blieb der Winter unter den schneetechnischen Erwartungen. Vielfach liegen die Werte am untersten Rand der zum Teil lange zurückreichenden Messreihen, die zahlreiche Wissenschafterinnen und Wissenschafter landesweit durchführen, wie Fischer berichtet. Auch in Südtirol und der Schweiz werden auffallend geringe Schneedecken und Niederschlagsmangel gemeldet.

Heuer könne die Schmelze laut Fischer also „extrem“ ausfallen, was zum „Totalverlust einiger Gletscher“ führen dürfte. Für die Stubaier- und Ötztaler Alpen hat ein Team um ihre Kollegin Lea Hartl im vergangenen Jahr in Modellrechnungen im Fachblatt „The Cryosphere“ gezeigt, dass dort mit einem Verlust von rund einem Drittel der Gletscher bis 2030 zu rechnen ist – das sind etwa 100 Gletscher.

Große Gletscher „fallen auseinander“
Schmilzt heuer wirklich in etwa die dreifache Menge des üblichen Abgangs, könnte schon in diesem Jahr ein erheblicher Teil dieser schon sehr dünnen Eisfelder verschwinden. Fischer: „Das betrifft vor allem kleine Gletscher. Die großen Gletscher gehen massiv zurück und fallen auseinander. Den Kleinen fehlen die Rückzugsmöglichkeiten – sie verschwinden.“

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