Ingrid Thurnher steht als neu gewählte Interimschefin des ORF vor einer schwierigen Aufgabe: Sie soll das Chaos der letzten Monate wieder bereinigen. Die 63-Jährige, die „ORFlerin durch und durch ist“, sagte eine „konsequente Aufarbeitung“ zu, will aber auch den Fokus nach vorne richten.
Erst am Donnerstag wurde Ingrid Thurnher mit klarer Mehrheit (31:3 Stimmen und eine Enthaltung) an die ORF-Spitze gewählt. Als neue Interimschefin wird sie als zweite Frau seit 1967 die Geschicke des ORF bis Ende 2026 leiten. Nun wolle sie „das Vertrauen des Publikums zurückgewinnen“.
Mit Applaus empfangen
Eingangs bedankte sich Thurnher, die mit Applaus empfangen wurde, für das „große Vertrauen, das mir bereits zum zweiten Mal innerhalb von sechs Wochen ausgesprochen wurde“. Sie nehme diese Aufgabe „mit großem Respekt an“: „Vor dem Job, dem Haus, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, vor den eigentlichen Eigentümern, das ist unser Publikum.“
Aufarbeitung „klar und ohne Ausweichen“
Sie trete diese Funktion in einer Phase an, „in der über den ORF heiß diskutiert wird“. Die aufgekommenen Missstände, etwa rund um die Causa Roland Weißmann, werde man „klar, konsequent und ohne Ausweichen“ aufarbeiten. So sei bereits ein weisungsfreier und unabhängiger Transparenzrat eingerichtet worden. „Wir werden das so aufarbeiten, wie es sich gehört, unter Einhaltung aller gesetzlichen Vorgaben und Persönlichkeitsrechte.“
Transparenz bedeute für sie nicht „Vorverurteilung und öffentliche Tribunale unter Beteiligung anderer Medien“. Dennoch habe sie von vielen Menschen die Frage gestellt bekommen, wie „so etwas keine sexuelle Belästigung sein kann“: „Für mich persönlich war von Anfang an klar, dieses Verhalten war falsch und für eine Führungskraft inakzeptabel.“ Daher habe man die Kündigung Weißmanns eingeleitet.
Für mich persönlich war von Anfang an klar, dieses Verhalten war falsch und für eine Führungskraft inakzeptabel. Daher habe ich die Kündigung ausgesprochen.

Die neue ORF-Chefin Ingrid Thurnher zur Causa Weißmann
Bild: Mario Urbantschitsch
„Konsequente Aufarbeitung und verlässliche Auftragserfüllung“ sei ihre Prämisse, so Thurnher. Zudem strebe sie eine „bedingungslose Publikumsorientierung an“, die Programmrichtlinien werden überarbeitet, Marken und Inhalte sollen besser positioniert werden. Man wolle sich an den Konsumgewohnheiten der nachkommenden Generationen besser orientieren.
Es sei „in jeder Organisation schmerzhaft“, wenn solche Dinge aufgearbeitet werden müssten: „Aber da müssen wir jetzt einmal durch.“ Dass das „nicht allen schmecken werde“, sei auch klar. Aber dafür sei sie angetreten: „Ich will diese Dinge jetzt aufklären, Klarheit schaffen und den Fokus nach vorn richten.“
Noch offen, ob Thurnher sich wieder bewirbt
Ob Thurnher sich auch für die nächste Periode als Generaldirektorin bewerben wird, ließ sie bisher noch offen. Sie werde sich das „noch überlegen“, antwortete Thurnher auf eine entsprechende Frage. Am 1. Mai wird jedenfalls die Position ausgeschrieben.
„Bin ORFlerin durch und durch“
Bis dahin hat die neue Interimschefin, die auch weiterhin Radiodirektorin bleibt, einen wahrlich undankbaren Job und muss das Chaos, das seit Monaten im Österreichischen Rundfunk herrscht, bereinigen. Warum sie sich das antut? „Ich liebe dieses Haus, ich bin ORFlerin durch und durch. Mir liegt dieses Haus am Herzen und wenn man gefragt wird, sagt man nicht Nein.“
„Juristische Vorgänge nicht kommentieren“
Der Ursprung allen Übels sollte durch Ex-Generaldirektor Roland Weißmann ausgelöst werden, der eine Mitarbeiterin sexuell belästigt haben soll und anschließend zurücktreten musste. Mittlerweile sind die Chats bereits an die Öffentlichkeit gelangt. Ob es hier eine Anzeige geben werde, sei noch offen. Juristische Vorgänge wolle sie an dieser Stelle nicht kommentieren, so Thurnher. Gerüchte um eine Kündigung der betroffenen Frau seien falsch, „so etwas steht nicht zur Debatte“, generell wolle sie aber auch hier keinerlei „arbeitsrechtliche Konsequenzen“ öffentlich diskutieren.

Stiftungsräte sollen Compliance-Bericht sehen
Kritik gab es allerdings an dem Prüfbericht des ORF zur Causa, die Compliance-Stelle hatte darin attestiert, dass es „keine sexuelle Belästigung“ durch Weißmann gegeben habe. Diese Beurteilung stehe allerdings ausschließlich einem Gericht zu, stellte die Gleichberechtigungsanwaltschaft fest. Auch im Stiftungsrat gab es deswegen Diskussionen, die Mitglieder hatten Einsicht in den Bericht verlangt.
Thurnher will nun prüfen lassen, wie man den Compliance-Bericht den Stiftungsratsmitgliedern zugänglich machen kann, dies sei nämlich bislang rechtlich nicht möglich gewesen. Der Bericht soll jedenfalls an einem Ort aufliegen, wo nur Stiftungsräte Zugang haben. Auch dürfen diese bei der Sichtung kein Handy mitnehmen usw. Dennoch könnte es sein, dass Stellen in dem Bericht geschwärzt werden müssen, um die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen zu wahren: „Hier brauchen wir noch eine rechtliche Abklärung.“
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