Sieben Wochen nach dem Rücktritt von Ex-ORF-Generaldirektor Roland Weißmann ist die Affäre rund um die erhobenen Vorwürfe alles andere als beendet. Zwar sieht ein interner Compliance-Bericht keine sexuelle Belästigung als erwiesen an – doch die betroffene Frau widersprach dieser Darstellung in der „Krone“ deutlich – und legte ihre Sicht der Dinge dar. Unterstützung bekommt sie nun von Weißmanns Nachfolgerin.
Im Bericht der eigens eingesetzten Untersuchungskommission wird Weißmann vom Vorwurf der sexuellen Belästigung entlastet. Gleichzeitig erneuerte die Betroffene im Interview am Montag den Vorwurf, dass Weißmann sie „bedrängt“ habe und ihm sei dies auch bewusst gewesen. Das Compliance-Team wiederum kam zu dem Schluss, dass die „Unerwünschtheit der Avancen […] nicht ausreichend klargestellt worden“ sei, wie nun einer der Verfasser gegenüber dem Ö1-„Morgenjournal“ betonte.
Thurnher: Rauswurf von Weißmann „der richtige Schritt“
Für die interimistische ORF-Chefin Ingrid Thurnher sind die veröffentlichten Inhalte dennoch eindeutig. „Die nun veröffentlichten Chatinhalte sind verstörend, schockierend und inakzeptabel. Vor allem natürlich für die betroffene Frau. Niemand sollte so etwas ausgesetzt sein“, wird sie ebenfalls im „Morgenjournal“ zitiert. Die Nachrichten würden bestätigen, „dass mit der Beendigung des Dienstverhältnisses von Roland Weißmann der richtige Schritt gesetzt wird“.
Unterschiedliche Aussagen – keine neue Bewertung
Grundlage für diese Einschätzung ist der Compliance-Bericht selbst. Einer der Verfasser verweist darauf, dass die Frau vor der Kommission die zentrale Frage nach einer Drohung des Ex-Generaldirektors anders beantwortet habe als später: „Wir nehmen diese Änderung des Standpunkts im Rahmen der rechtlichen Auseinandersetzung zur Kenntnis, sehen aber angesichts der von beiden Seiten vorgelegten Unterlagen keinen Anlass, von dem Untersuchungsergebnis abzugehen.“
Dass sie der Kommission nur ausgewählte Chatverläufe übermittelt habe, begründet die Frau nun gegenüber dem Sender so: „Sie konnten sich über den gesamten Zeitraum ein klares Bild machen. […] Ich wollte genau auf diese Sachen hinweisen, wo er immer diese Grenze überschritten hat“, sagt sie. Andere Inhalte seien belanglos gewesen, etwa „Landschaftsfotos vom Laufen, von Enten und solchen Geschichten“.
Weißmanns Anwalt Oliver Scherbaum verweist unterdessen auf das Ergebnis der Untersuchung und zeigt sich unbeeindruckt: „Daran vermag es auch nichts zu ändern, wenn diese Untersuchung nicht das von manchen Beteiligten erhoffte Ergebnis gebracht hat“, wird er im „Morgenjournal“ zitiert.
Politischer Druck wächst
Parallel zur inhaltlichen Auseinandersetzung wächst auch der politische Druck auf den ORF. Der von der FPÖ entsandte Stiftungsrat Peter Westenthaler fordert eine Vorverlegung der Wahl der neuen Generaldirektion auf den 11. Juni sowie Einsicht in den Compliance-Bericht. Zudem verlangt er eine Untersuchung der „Motivlage“ der Frau.
Westenthaler sprach sich außerdem dafür aus, dass die interimistische Führung bis zum Amtsantritt einer neuen Generaldirektion Anfang 2027 keine Personalentscheidungen ohne Abstimmung mit dem Stiftungsrat treffen solle. Kritik übte er an einem „Kommunikationsdesaster“ der vergangenen Wochen und an mangelnder Transparenz.
Darüber hinaus fordert er, auch die Rolle des ORF-Managers Pius Strobl im Zusammenhang mit der Causa zu untersuchen. Es müsse „alles auf den Tisch“, so Westenthaler.
Fronten verhärtet
Die Entwicklungen zeigen: Der Fall ist längst nicht abgeschlossen. Während der Compliance-Bericht keine sexuelle Belästigung feststellt, bleiben die Vorwürfe bestehen – und werden öffentlich weiter untermauert. Gleichzeitig geraten Strukturen und Entscheidungen im ORF selbst zunehmend in den Fokus.
Damit stehen die Zeichen auf Konfrontation – und vieles deutet darauf hin, dass die Auseinandersetzung noch länger andauern wird.
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