Vor dem Besuch von Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) in Indien in dieser Woche und dem geplanten EU-Freihandelsabkommen setzt Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) in Mumbai und Delhi auf eine Neuausrichtung der österreichischen Wirtschaft – mit Fokus auf den Subkontinent.
Während die österreichische Exportwirtschaft zuletzt mit einem Minus von 3,3 Prozent (Jänner 2026) zu kämpfen hatte, leuchtet ein Land als greller Ausreißer am Horizont: Indien. Allein im Jänner stiegen die Ausfuhren in die Volkswirtschaft mit 1,4 Milliarden Einwohnern um 4,4 Prozent. Schon im Gesamtjahr 2025 gab es ein Plus von über 13 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro.
Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) nützt dies für eine klare Ansage. Während einer Delegationsreise nach Mumbai und Delhi mit rund 40 österreichischen Unternehmen, an der Größen wie Andritz, Blum, Doka, Kapsch und Welser Profile teilnehmen, präsentierte der Minister einen Zehn-Jahres-Plan.
„Unser wirtschaftlicher Kompass zeigt eindeutig Richtung Indien“, sagt Hattmannsdorfer. „Unser Anspruch ist ganz klar: Wir wollen, dass sich die österreichischen Exporte nach Indien in den nächsten zehn Jahren mindestens verdoppeln.“ Allein bis 2030 beziffert er das zusätzliche, noch ungenutzte Exportpotenzial auf rund 1,2 Milliarden Euro.
Das Freihandelsabkommen als Turbo
Der Katalysator für diesen Sprung ist das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, das noch im Herbst 2026 unterzeichnet werden soll und voraussichtlich 2027 in Kraft tritt. Es wäre die größte Marktöffnung Indiens in der Geschichte.
Für Österreich bedeutet das konkret: Indische Zölle von teilweise bis zu 44 Prozent auf Maschinen oder 150 Prozent auf Wein fallen weg oder werden drastisch gesenkt. Allein für österreichische Exporteure bedeutet das eine jährliche Zollersparnis von geschätzt 108 Millionen Euro.
„Österreichs Wohlstand fußt auf dem Export. Sechs von zehn Euro verdienen wir im Ausland. Aber in Zeiten geopolitischer Verwerfungen müssen wir diversifizieren“, sagt Hattmannsdorfer. „Dieses Abkommen ist eine Riesenchance. Ich will, dass Österreich First Mover wird.“ Laut Berechnungen des Wirtschaftsministeriums und der WKÖ könnte das Abkommen allein in der heimischen Industrie bis zu 5000 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.
Verdoppelung der Investitionen
Die Rechnung geht über den Warenhandel hinaus. Derzeit sind rund 160 österreichische Niederlassungen in Indien aktiv – von Vertriebsbüros über technische Dienstleistungen (45) bis hin zu Produktionsstätten (65). In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich diese Zahl fast verdreifacht. Hattmannsdorfer will den Kurs forcieren: Auch die Direktinvestitionen österreichischer Firmen in Indien sollen sich mittelfristig verdoppeln.
„Es geht nicht um Symbolpolitik“, betonte der Minister während einer Busfahrt in Mumbai. „Es geht darum, dass unsere Betriebe mehr Geschäft machen, dass wir Jobs in Österreich schaffen. Indien investiert 130 Milliarden Dollar pro Jahr in Infrastruktur. Wenn dieses Land wächst, kann Österreich mitwachsen, von der Bahninfrastruktur – etwa die Unternehmen Plasser & Theurer und Voestalpine – über Green Steel, wovon z.B. die Firma Primetals profitiert, bis hin zu Konsumgütern.“
Vom Fast-Track bis zur Visumserleichterung
Um die Hürden für heimische Betriebe zu senken, kündigte der Minister konkrete Erleichterungen an:
Auch Stocker und Modi sind an Bord
Unterstützung bekommt Hattmannsdorfer von der Regierungsspitze: Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) reist am Dienstag nach Delhi, um am Donnerstag Premierminister Narendra Modi zu treffen. Gemeinsam wollen sie einen „Wirtschaftsgipfel“ abhalten, bei dem österreichische Firmenvertreter die Möglichkeit haben, sich intensiv mit indischen Unternehmen auszutauschen, neue Kontakte zu knüpfen und bestehende Projekte und Beziehungen weiter zu vertiefen.
„Wir müssen eine aktive De-Risking-Strategie fahren“, so der Kanzler im Vorfeld. „Wir brauchen neue Partner. Indien ist nicht nur ein komplexes, sondern ein extrem dynamisches Land und der ideale Partner, um unsere Abhängigkeiten zu reduzieren.“
Sollte das Abkommen wie geplant kommen, könnte Indien für Österreich noch vor 2030 zu den Top-20-Handelspartnern aufsteigen. Derzeit liegt es auf Platz 23 – mit gewaltigem Potenzial nach oben.
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