Wiener bringen sich offenbar selbst um ein gehöriges Stück Zufriedenheit: Verglichen mit dem landesweiten Durchschnitt bauen sie am wenigsten auf gute Nachbarschaft. Das ist in krisenhaften Zeiten auch wirtschaftlich ein Nachteil – und bei Weitem nicht auf Ältere oder Alleinstehende beschränkt.
Das Misstrauen gegenüber Nachbarn ist laut einer neuen Erhebung der Statistik Austria in Wien so hoch wie in keinem anderen Bundesland: Nur jeder sechste deponiert einen Ersatzschlüssel bei ihnen, und nur drei Viertel bitten sie um Hilfe. Im Österreich-Schnitt hat jeder fünfte Nachbar einen Ersatzschlüssel und fünf Sechstel stehen für spontane Hilfe bereit.
Chancen sind da, werden aber kaum genutzt
Das Erstaunliche daran: Es dürfte nur selten an negativen Erfahrungen liegen. Vier Fünftel der Wiener haben laut eigener Aussage „keine Konflikte“ mit ihren Nachbarn. Das liegt im landesweiten Durchschnitt. In Kärnten, Tirol und Niederösterreich gibt es viel mehr Streit mit den Nachbarn. Das Misstrauen könnte an Angst vor Unbekanntem liegen: Jeder zehnte Wiener kennt nicht einmal einen einzigen Nachbarn, auch das ist ein bundesweiter Minusrekord.
Nur 14,8 Prozent der Wiener fühlen sich in ihrer Nachbarschaft „sehr wohl“. Das ist landesweiter Minusrekord. Der Durchschnitt liegt bei 20,5 Prozent, mit Oberösterreich als Spitzenreiter (25,3 %).
Dass in der Großstadt andere Verhältnisse herrschen als in einem kleinen Dorf, ist logisch und wird auch in der Befragung offensichtlich: Österreichweit kennt jeder fünfte Mensch alle seine Nachbarn, in Wien ist die Zahl jener, die das von sich sagen können, statistisch nicht erfassbar. Dabei räumen auch die Wiener selbst ein, dass es genug Chancen für ein Kennenlernen gäbe: Zwei Drittel – der drittbeste Wert aller Bundesländer – sagen, dass es genug Möglichkeiten zum Austausch gebe, in Parks, Kaffeehäusern und mehr.
Wenn es sein muss, geht es auch
Aber ebenso zwei Drittel der Wiener nutzen die Gelegenheiten zum Austausch mit ihrer Umgebung nicht, während das im Rest des Landes zumindest rund die Hälfte tut. Und in Wahrheit gäbe es wohl auch in der Großstadt genug Vertrauen, um darauf aufzubauen: 84,3 Prozent haben hier kein Problem damit, dass ein Nachbar ein Paket übernimmt. Das ist, gemessen an anderen Bundesländern, ein Spitzenwert.
Es ist ein Irrglaube, dass vor allem ältere und einsame Personen für die einzelgängerische Stimmung verantwortlich sind: Bei Familien mit einem minderjährigen Kind und in der Altersgruppe 40 bis 60 ist die Skepsis noch größer.
Baustein für das Lebensglück
Dabei ist gute Nachbarschaft auch laut statistischen Daten ein wichtiger Baustein für Lebensglück: Überall, wo sie funktioniert, ist die Lebenszufriedenheit höher. In Wien etwa geben drei Prozent an, sie seien „nie“ glücklich – doppelt so viel wie im Rest des Landes. Zehn Prozent der Bevölkerung sagen, sie seien „meistens“ einsam. Auch dieser Wert ist anderswo nur halb so hoch.
Nicht zuletzt spielt ein gutes Verhältnis zu allen anderen in der Wohnumgebung – vor allem durch kleinere Reparaturen von handwerklich begabten Nachbarn – auch wirtschaftlich eine immer größere Rolle, denn einem von fünf Menschen in Wien geht es finanziell schlechter als noch vor einem Vierteljahr, und das trotz bereits mehrerer Abwärtsstufen durch Preissteigerungen in der Vergangenheit.
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