Iron Maiden und Co.

Nova Rock: Kriegerisches Treiben am dürren Acker

Musik
14.06.2026 00:30

Zumindest metaphorisch wurden am dritten Tag Nova Rock die Waffen aufgefahren. Mit Kanonenfieber, Iron Maiden und Sabaton hatten gleich drei Metalbands die Thematik am Plan, Sepultura zu einem Teil davon. Am Ende dominierte aber der Showeffekt, der von allen Acts ziemlich gut geprägt wurde.

kmm

Feurige Konzerte zu früher Stunde sind ein Spezialgebiet beim heurigen Nova Rock. Am dritten Tag obliegt es den britischen Rock’n’Roll-Rebellen Bad Nerves, die müder werdenden Knochen der Festivalbesucher wachzuklopfen. Das Gespann aus Essex ist hochtypisch britisch und hat mittlerweile schon Größen wie Billie Joe Armstrong von Green Day oder Justin Hawkins von The Darkness unter seinen Fans versammelt. Ein Song nach dem anderen knallt im Hochgeschwindigkeitstempo aus den Boxen, dazu glänzen die Sonnenbrillen und es gibt ein paar coole Motivationssprüche für die Anwesenden. Dass den Bad Nerves noch nicht flächendeckend der Durchbruch gelang, muss am immer noch fehlenden Trend hin zur Rockmusik liegen. Man findet die Ramones, die Strokes und die Hives im Klangbereich der Briten und all diesen Helden begegnet man in den eigenen Songs mit viel Demut und Respekt. Bei den erstmals brütend-heißen Sommertemperaturen an diesem Wochenende werden die Rockfans ordentlich auf Betriebstemperatur gebracht.

So bringt man den richtigen Schwung in den Tag: die Bad Nerves sorgten schon zur späten ...
So bringt man den richtigen Schwung in den Tag: die Bad Nerves sorgten schon zur späten Mittagsstunde für ein Rock‘n‘Roll-Feuerwerk.(Bild: Andreas Graf)

Kunst muss sich nicht erklären
Der Gegensatz auf der Blue Stage könnte nicht krasser sein. Das deutsche Erste-Weltkriegskollektiv Kanonenfieber gibt seine Nova-Rock-Premiere und hinterlässt bei der knapp 45-minütigen Show zweierlei Emotionen. Die vielen Fans, die sich in den letzten Jahren an die Bayern angeschmiegt haben, feiern das Konzert auch bei unpassendem Sonnenschein. Noch unbewusst Neugierige reißen die Augen angesichts des auf die Bühne gekarrten Kriegs-U-Boots und der kantigen Uniformen weit auf und wähnen sich im falschen Film. Kunst muss sich aber freilich nicht erklären und unterliegt unterschiedlichen Interpretationsmöglichkeiten. Mit Liedern wie „Menschenmühle“, „Panzerhenker“ und „Kampf und Sturm“ gehört man jedenfalls nicht zu den Filetstücken des diesjährigen Line-Ups. Der Melodic Death Metal ballert recht medioker aus den Boxen, Ähnliches hat man qualitativ besser schon von Bands wie Amon Amarth vernommen. Doch wo Mummenschanz, da auch schnell Hype. Ein ungeschriebenes Gesetz, das sich immer wieder bestätigt.

Die Feuerwalze zeigt sich genauso erbarmungslos wie die Band Kanonenfieber. Ist das noch Kunst ...
Die Feuerwalze zeigt sich genauso erbarmungslos wie die Band Kanonenfieber. Ist das noch Kunst oder kann das weg?(Bild: Andreas Graf)

Zumindest ansatzweise kriegerische Inhalte transportiert auch das Thrash-Metal-Gespann Sepultura, das sich nach 42 Bandjahren auf Abschiedstour befindet und im Spätherbst in der brasilianischen Heimat ein letztes Konzert spielen möchte. Die auf mehrere Jahre ausgedehnte Abschiedstournee macht hier und heute das letzte Mal in Österreich Halt und obwohl, bei aller Liebe für die aktuelle Version, Sepultura fast alle großartigen Lieder bis zu Max Cavaleras Ausstieg 1996 geschrieben haben, setzt man beim relativ kurzen Set auf Verzichtbares wie das Mid-Tempo-Stück „Beyond The Dream“. Bei aller Liebe für den Zeitmangel bei einem Festival-Set, wenn man sich von treuen Fans nach so langer Zeit verabschiedet, sollte man doch auf die Knaller setzen. Es gibt „Territory“, es gibt „Arise“, es gibt „Refuse/Resist“, aber es wäre mehr gegangen. Auch gesanglich. So bleibt das Schließen des Kreises etwas unvollständig – schließlich haben Sepultura 1989 ihr allererstes Europa-Konzert bei uns gespielt. Nostalgie in Richtung Millennium gab es für die Fans der Finnen von The Rasmus, die eine amtliche Show spielten und mittlerweile auch wieder eine Generation jüngerer Fans gewinnen. Ein zweiter Frühling, den sich Frontmann Lauri Ylönen und Co. aber auch hart erarbeitet haben.

Was 1989 in Wien begann, endet 2026 in Nickelsdorf: Die Österreich-Karriere von Sepultura, die ...
Was 1989 in Wien begann, endet 2026 in Nickelsdorf: Die Österreich-Karriere von Sepultura, die sich mit schräger Setlist verabschiedeten.(Bild: Andreas Graf)

Punkrock mit der richtigen Chemie
Der Punk regiert danach. All Time Low lassen seit geraumer Zeit jede Progression vermissen, spielen ihren Fun-Punk aber so authentisch und herzhaft, dass es nicht stört, sondern eher beruhigt. Über die letzten Jahre zu einer respektabel großen Nummer erwachsen sind indes A Day To Remember. Der vor allem von Millencolin inspirierende Frontmann Jeremy McKinnon ist mit einer sympathischen Art auch ein echter Menschenfänger und seine Band bestens gelaunt. Passend zum massentauglichen Sound strömen die Menschen erfreut vor die Bühne und werden nicht nur von einer gut gelaunten Combo begeistert unterstützt, sondern auch von Feuersalven zusätzlich erhitzt. Mit dem bekannten Hit „The Downfall Of Us All“ startet man in den Abend und lässt bei darauffolgenden Songs wie „Right Back At It Again“ oder „Have Faith In Me“ nichts anbrennen. Hier wird die Tätigkeit souverän beherrscht. A Day To Remember haben besonders viel Rock in ihrem Punk und klingen wahrscheinlich deshalb so anders und eigenständig. Die Chemie zwischen Fans und Musiker passt perfekt und hinterlässt einen besonders guten Gesamteindruck.

Mit den Temperaturen stieg tagsüber auch die Stimmung auf den Pannonie Fields. Das rief auch ...
Mit den Temperaturen stieg tagsüber auch die Stimmung auf den Pannonie Fields. Das rief auch Stagediver auf den Plan.(Bild: Andreas Graf)

Die unkaputtbare deutsche Indie-Schmiede Madsen stellt danach ihr neues Album „Smile“ vor, das man angesichts der Veröffentlichung des neuen Werks der Toten Hosen um eine Woche verspätet veröffentlichte und damit Platz vier der Charts eroberte. Die alten Hits wie die Anti-Faschismus-Hymne „Faust hoch“, „Du schreibst Geschichte“ oder der Hit „Lass die Musik an“ funktionieren live doch besser als das neue Material. Das gut gelaunte Familiengespann freut sich nach diversen Querelen über seine Rückkehr auf den Nova-Rock-Acker und die Fans erscheinen, trotz Nervosität vor der Show von Iron Maiden, zahlreich und motiviert. Den Anheizer-Slot auf der Blue Stage geben dafür die gediegenen US-Rocker von Alter Bridge. Der hymnische, sehr intensive Rock mit der markanten Stimme von Myles Kennedy funktioniert auf breiter Ebene und erfreut auch jene, die es in ihrem Alltag gerne etwas härter hätten. Songs wie „Addicted To Pain“ oder das stimmlich herausfordernde „Cry Of Achilles“ passen aber perfekt zum dräuenden Sonnenuntergang.

Instrumentalfraktion von Alter Bridge: Myles Kennedy (m.) und seine fidelnden Kollegen gehören ...
Instrumentalfraktion von Alter Bridge: Myles Kennedy (m.) und seine fidelnden Kollegen gehören zu den souveränsten Rockbands der Gegenwart.(Bild: Andreas Graf)

Rückschau auf die besten Jahre
Wettertechnisch sind die Fans am dritten Tag gesegnet, obwohl alles noch schlimm begann. Gegen 12 Uhr ging ein Platzregen runter, der sogar den Einlass zum Kerngelände zu verhindern drohte, aber der Wettergott hatte ein Einsehen und es musste nichts an den Ursprungsplänen verändert werden. Direkt danach ließ die Sonne ihre Kraft spielen und das sollte sich bis zum Grande Finale nicht ändern. Iron Maiden am Nova Rock gab es schon dreimal, zuletzt 2018. Dieses Mal sind sie aber im Zuge ihrer „Run For Your Lives“-Tour vorstellig, die 50 Jahre Heavy-Metal-Geschichte so subsumiert, dass Bruce Dickinson und Co. ausschließlich Lieder bis Anfang der 90er-Jahre spielen und – ganz im Gegensatz zu Sepultura am Nachmittag – auf die großen Klassiker setzen. Im Direktvergleich zum Konzert vor knapp einem Jahr im Wiener Ernst-Happel-Stadion wurde nur der Song „The Clairvoyant“ durch „Infinite Dreams“ ersetzt, der zuletzt 1988 bei einer Maiden-Tour am Programm stand. Ansonsten steht das Set wie in Stein gemeißelt und wird von den vielen über den Kontinent reisenden Maiden-Fans auch zwiespältig betrachtet.

Der Chef: Bassist Steve Harris gründete Iron Maiden an Weihnachten 1975 – und führt die Band ...
Der Chef: Bassist Steve Harris gründete Iron Maiden an Weihnachten 1975 – und führt die Band unermüdlich und motiviert an.(Bild: Andreas Graf)

Die einen feiern die visuelle neue Umsetzung mit Effekten von der Videowall, andere vermissen den zusammengebauten Bühnenfirlefanz und würden das Monster-Maskottchen Eddie öfter als dreimal auf der Bühne sehen. Den Takt gibt mittlerweile recht routiniert Drummer Simon Dawson vor, der sich ein gutes Jahr eingespielt hat und Nicko McBrain zumindest etwas vergessen macht. Bandboss Steve Harris turnt mit Sportsocken am Bass herum, das Gitarrentrio zaubert in Leggins und Jeansjacken auf ihren verlängerten, sechssaitigen Armen und Frontmann Bruce Dickinson ist überhaupt an Agilität kaum zu übertreffen. Bei seinen eruptiven Läufen und Bewegungen macht er pro Show garantiert einige Kilometer, seinem intensiven und inbrünstig vorgetragenen Operngesang macht das aber nichts aus. Der steil auf den 70er zugehende Brite hat eine Fitness, bei der halb so alte Musiker respektvoll mit den Ohren schlackern. Unermüdlich fegt er über die Bühne und gibt den bekannten Krachern und Song-Highlights noch einmal eine Extranote Begeisterung. Nichtsdestotrotz wirken Iron Maiden zuweilen ein bisschen hüftsteif und haben im Laufe ihrer Europa-Tournee schon etwas mehr Kraft gehabt – das ist freilich Kritik auf hohem Niveau.

Feuer frei hieß es bei den englischen Kultmetallern Iron Maiden als Headliner auf den Pannonia ...
Feuer frei hieß es bei den englischen Kultmetallern Iron Maiden als Headliner auf den Pannonia Fields in Nickelsdorf.(Bild: Andreas Graf)

Ist es eine Staffelübergabe?
Während die Instrumentalfraktion auf Sparflamme agiert, ist Frontmann Dickinson besonders gut gelaunt und wendet das Wort überdurchschnittlich oft ans Publikum. Nach dem Hit-Furioso „Aces High“, „Fear Of The Dark“ und „Wasted Years“ und einer mehr als zweistündigen Show verabschiedet er sich mit sehr warmen Worten vom Festivalpublikum und verspricht ein Wiederkommen „in ein paar Jahren“. Hoffen wir es, denn auch wenn der Nova-Abend nicht der agilste war, in dieser Form sind Iron Maiden im Großen und Ganzen noch immer außer Konkurrenz. So mancher handelt die Schweden von Sabaton als eventuelle Nachfolger an der zukünftigen Heavy-Metal-Spitze. Bei aller Liebe für den kriegerischen Bombast und die ausladende Show mit Feuereffekten und allerlei Spielereien – ans Songwriting der eisernen Jungfrauen kommen die Skandinavier mit Songs wie „Ghost Division“, „The Red Baron“, „Hordes Of Khan“ oder „Primo Victoria“ dann doch nicht heran. Durch die eingängigen, zuweilen fast poppigen Songstrukturen können sich aber auch jene Hörer damit identifizieren, die im Alltag nicht nur den härteren Klängen frönen. Sabaton sind trotz allem auf dem besten Weg dazu, bald auch die Hauptbühnen großer Festivals zu headlinen. Wer sein Schlagzeug auf einen Panzer aufbaut, der hat die ganz große Bühne auch verdient.

Mehr Feuershow als Konzert. Sabaton zündeten am Ende des dritten Tages ein Feuerwerk, das ...
Mehr Feuershow als Konzert. Sabaton zündeten am Ende des dritten Tages ein Feuerwerk, das seinesgleichen suchte.(Bild: Andreas Graf)

Heute geht da Nova Rock am vierten Tag endgültig in die Zielgerade. Man darf sich auf eine bestimmt fulminante Show von Bring Me The Horizon freuen und kann sich den Festival-Abschiedsschmerz mit Nostalgie-Songs von Papa Roach, Hollywood Undead oder P.O.D. freuen.

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