Die Rücktrittswelle im österreichischen Biathlon geht weiter. Nach Lisa Hauser und Julia Leitinger beendet auch Routinier Simon Eder seine Karriere. Der 43-Jährige, der über Jahre hinweg das ÖSV-Aushängeschild bei den Herren war, bestreitet in Oslo seine letzten Bewerbe. Im „Krone“-Interview spricht er über seine beeindruckende Laufbahn.
„Krone“: Simon, wann ist die Entscheidung gefallen, deine Karriere zu beenden?
Simon Eder: Ich habe mir lange eine kleine Hintertür offengelassen. Dass ich aufhöre, stand aber schon länger zu 90 Prozent fest. In Oslo ist die endgültige Entscheidung gefallen. Ich habe das lange ausgereizt, der Holmenkollen ist der perfekte Rahmen, um aufzuhören. Ein Buch mit so vielen Seiten muss man irgendwann zuklappen – jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Mit Lisa (Hauser, Anm.) gemeinsam ist es einfacher, dieses Kapitel zu schließen.
Wie geht es dir damit?
Ich bin noch gar nicht so wehmütig. Seit ich ein Kind war, wollte ich das machen und Biathlet werden. Ich hatte aber einige Zeit, um mich auf diesen Schritt vorzubereiten. Ich habe lange dafür gebraucht, es war ein innerer Kampf, denn schon nach Olympia in China vor vier Jahren hatte ich überlegt. Das waren sozusagen vier Bonusrunden.
Du bist in die Fußstapfen deines Papas getreten, der dich besonders geprägt hat.
Er hat mir als Kind den Teppich ausgerollt. Durch ihn hatte ich mehr als nur einen Startvorteil.
Zuhause hat sich viel um Biathlon gedreht. Welche Rolle haben deine Mama und deine Schwester für dich gespielt?
Meine Mama war ein klarer Gegenpol und ist nicht so Biathlon-fanatisch wie mein Dad und ich. Wir haben sie da reingetrieben. Ohne Papa würde sie wohl nicht viele Biathleten kennen (lacht). Meine Schwester hat immer eine ganz wichtige Rolle für mich gespielt. Bis zur vierten Klasse Gymnasium war sie meine Nachhilfelehrerin. Danach ist sie zum Studieren nach Graz gegangen. Da habe ich gedacht, dass ich Mathe wohl nicht mehr lange schaffe. Das war ein Stück Erwachsenwerden für mich, als sie weg war. Da habe ich auch gemerkt, wie gut unser Verhältnis ist. Wie meine Mama war auch Dani ein riesiger Ausgleich beim ganzen Biathlon-Wahnsinn in unserer Familie, der nicht immer gesund war (lacht).
Apropos nicht gesund – schon zu Beginn deiner Karriere warst du im Übertraining. Weil du alles niederreißen wolltest?
Ein gewisser Größenwahn gehört wohl auch dazu. Es waren wichtige Lehrjahre. 2004 hat das begonnen, erst im Spätherbst 2006 hat sich der Körper wieder normal angefühlt. Ich bin bei den Rennen nicht mehr ins Ziel gekommen, weil der Körper nicht mehr mitgespielt hat. Wenn man sich den Fuß bricht, weiß man, dass man nach drei oder fünf Monaten wieder fit ist. Bei mir wusste das keiner.
Wie war dann das Gefühl, als du dich nach dieser Zeit Schritt für Schritt an die Weltspitze herangekämpft hast?
Das war verrückt! Ich bin mit nur 400 oder 500 Trainingsstunden in die Saison gegangen und habe dann in Hochfilzen meine ersten Weltcuppunkte geholt, weil es körperlich endlich wieder funktioniert hat. Das war mega! Auch Kati (Ehefrau, Anm.) war dabei. Von meinem Onkel Georg gab es danach ein Schnapserl. Da wussten wir, es geht doch weiter! Eine Saison später war schon 18. im Gesamtweltcup. Da hatten wir auch Vollraketen unter den Füßen.
Es war der Beginn einer erfolgreichen Ära, in der Österreich über Jahre hinweg zu den besten Nationen zählte. Wie bist du mit der steigenden Aufmerksamkeit umgegangen?
Das war einfach für mich. Wir hatten ja auch Landi (Dominik Landertinger, Anm.), der früh Weltmeister geworden ist. Viel Aufmerksamkeit lag auf ihm, was total in Ordnung für mich war. So konnte ich mich in Ruhe vorbereiten und hatte super Rennen. Das hat gut gepasst. Den großen Druck von außen habe ich nie gespürt. Der war bei den Schießeinlagen ohnehin immer groß genug.
Mit dem konntest du als Topschütze sehr gut umgehen?
Ja, vielleicht. Ich hätte aber sicher noch was rauskitzeln können, wenn ich jemanden gefundne hätte, mit ich auf mentaler Ebene hätte langfristig arbeiten können. In meiner besten Saison hatte ich zwölf, 13 Nuller. In anderen nur einen oder zwei. Es war also immer eine große Herausforderung.
Du hast insgesamt sieben Medaillen bei Großereignissen gewonnen, auf deine erste Einzelmedaille aber warten müssen, bis du 33 Jahre alt warst. Welche Bedeutung hat Einzel-Bronze von Oslo 2016 für dich?
Das Problem war, dass ich davor oft knapp dran war, gerade bei Olympischen Spielen. Dadurch ist es nicht leichter geworden. In Oslo war es eine besondere Konstellation. Landi ist knapp vor mir gelaufen und ich habe immer gehört, dass er einen Nuller hatte. Ich wusste, das war sein Rennen, der würde am Abend mit der Medaille im Zimmer sitzen. Da habe ich mir gesagt, ich will auch eine. Am Ende haben wir es beide durchgebracht – es war einer meiner besten Tage.
Ein Jahr später kam die Heim-WM, die du innerlich schon abgeschrieben hattest.
Ich habe in Oberhof wenige Wochen davor die Grippe bekommen. Meine Ergebnisse waren generell überschaubar, aber sie haben für die WM-Nominierung gereicht. Ich hatte allerdings wie etwa auch Landi kein Selbstvertrauen am Schießstand. In der Staffel haben wir es hingebracht, das hat etwas ausgelöst. Im Massenstart hat es dann noch einmal mit Bronze funktioniert. Ich war danach so gut in Form wie nie zuvor. Wir hatten auch abartig gute Ski, sodass du gewusst hast, du bist vorne dabei.
Was die wenigsten wissen: Du hattest immer wieder mit dem Herz Probleme?
Laut Ärzten war es zum Glück nie was Ernstes. Wenn dir aber zum ersten Mal der Puls auf 200 raufgeht, ist das richtig ungut. Diese Rhythmusstörungen musste ich abklären lassen. Da gilt der Dank den Teamärzten, die mich immer super betreut haben. Zum ersten Mal hatte ich diese Probleme 2004, im Laufe der Jahre kamen sie immer wieder, zuletzt vor zwei Jahren. Viele Athleten mussten das veröden lassen, ich bislang nicht.
Mit der Geburt deiner Tochter hat sich auch einiges verändert - sie scheint dich beflügelt zu haben.
Erst weiß man nicht, was das für einen heißt. Wie wird es? Wie viel schläft man dann noch? Ich muss aber sagen, dass es danach sportlich nur bergauf ging - es war mega! Ich konnte mich dank Kati aufs Wesentliche konzentrieren. Ich habe sie damals kennengelernt, als ich in einem sportlichen Tief war. Sie war schon damals ein großer Beitrag, dass ich aus dieser Krise rausgefunden habe.
Erst weiß man nicht, was das heißt. Wie wird es? Wie viel schläft man dann noch? Ich muss aber sagen, dass es danach sportlich nur bergauf ging - es war mega!
Simon Eder über das Leben als Papa
Du hast 2003 dein Weltcupdebüt gefeiert und warst der Jungspund. Diese Rolle hat sich enorm gewandelt, in den vergangenen Jahren wurdest du zum Teamroutinier. Wie sehr hast du dich dabei verändert?
Es ist schon ein brutaler Zeitabschnitt. Anfangs war ich selbst noch jung, zuletzt der erfahrene Teamkollege. Ich weiß noch, dass ich bei meiner ersten WM 2007 ganz große Augen gemacht habe. Wichtig war mir immer, authentisch zu bleiben. Ich wollte mich nie wichtig machen, bin aber über die Jahre in die Rolle des Team-Papas reingewachsen. Ich hoffe, dass ich das halbwegs hinbekommen habe.
Die Tüftelei hat dich auch ausgezeichnet?
Ja, das hat mir immer Spaß gemacht. Ob Gewehr oder Ski – mir hat das immer getaugt. Das bringt dich teilweise auch richtig weiter. Im Skifahren hat ein Hermann Maier auch immer an seinen Schuhen getüftelt nach seinem Unfall. Mir war das auch immer wichtig, auch wenn ich mich dabei mal verzettelt habe. Wichtig ist, dass man es einfach hält und kleine Schritte geht.
Was waren die ganz besonderen Momente deiner Karriere?
Als Junger war ich aufs Gewinnen programmiert. Ich habe dann schnell gemerkt, dass sich das nicht ausgeht (lacht). Bis zum Junioren-WM-Titel lief es, dann kam das Übertraining. Ich habe mich aber Schritt für Schritt hochgearbeitet. Die ersten Weltcuppunkte waren ein ganz wichtiger Schritt. Raphael Poiree, damals der Topathlet neben Ole Einar Björndalen, ist direkt hinter mir gestartet, hat mich aber nicht eingeholt. Das war das Rennen, bei dem ich wusste, dass noch viel mehr geht. Da habe ich Lunte gerochen.
Wofür bist du besonders dankbar?
Dass ich immer ein brutal tolles Umfeld hatte. Athleten aus anderen Nationen haben es nicht so leicht, das muss man offen sagen. In Hochfilzen haben wir eine super Trainingsstätte dank Bundesheer und Skiverband. Wir dürfen nicht alles durch die rosarote Brille sehen, aber es ist im Prinzip alles vorhanden, was man braucht. Umso mehr schmerzt es, dass wir nicht mehr ganz vorne dabei sind. Hoffentlich ändert sich das bald.
Wie lautet dein Wunsch für den heimischen Biathlon?
Dass wir wieder da hinfinden, wo wir mal waren. Dass wir wieder eine der Topnationen sind. Wir hatten heuer die schlechteste Saison im Herrenweltcup, ich war aber auch dabei, als wir gewonnen haben. Sich an die Spitze zu arbeiten, war ein unglaublicher Schritt. Ich will beitragen, dass die Generation, die jetzt da ist, das auch erleben kann.
Das klingt so, als wolltest du nicht nur als Athlet, sondern auch als Trainer in die Fußstapfen deines Papas treten?
Er ist schon einen Weg vorgegangen, den ich nachgehe. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Er war lange in Hochfilzen, ich kann mir gut vorstellen, dass es bei mir ähnlich läuft. Aber: Eins nach dem anderen. Ich werde die Trainerausbildung machen und mit dem Bundesheer reden, weil ich dabei bleiben will.
Wie wichtig wird es sein, in den kommenden Monaten Abstand zu gewinnen?
Sehr wichtig! Wenn man so lange dabei ist und solange im gleichen Teich schwimmt, ist das notwendig. Auch wenn ich irgendwann in den Teich zurückmöchte (lacht). Ich muss das Trainersein lernen, auch wenn ich mit Papa und Sandra (Flunger, seine Cousine, Anm.) schon die besten Leute um mich habe. Ich habe genug Zeit für die Ausbildung, um das detailliert anzugehen. Da gilt es einiges vorzubereiten, das wird Zeit in Anspruch nehmen.
Das heißt, es ist dir wichtig, den Trainerjob von Grund auf zu erlernen und dich nicht gleich ins Weltcupgetümmel zu stürzen?
Ganz sicher! Für ganz oben habe ich nicht die nötige Ausbildung. Da muss ich mich einarbeiten. Am besten geht das sicher in Hochfilzen, wo du immer mit Athleten zu tun hast. Vielleicht kann ich da mithelfen. Es gibt viele Bereiche, in denen ich helfen und was beitragen kann.
Bist du stolz auf das Erreichte?
Stolz ist so eine Sache. Ich bin froh, dass ich auch nach schlechten Jahren an mich geglaubt habe. Das zählt, denn ab und zu sitzt du alleine da und musst entscheiden, ob es weitergeht. Ganz klar: Jetzt bin ich in einer Situation, in der ich den besten Ski im ganzen Starterfeld bräuchte. Die Topläufer können auch mit einem guten Ski was reißen. Bei mir wird die Luft dünner. Ich bin aber froh über das, was ich erreicht habe. Ich bin froh, dass ich Rennen hier und da gut hingebracht habe. Das gibt mir ein super Gefühl.
Was wird dir fehlen?
Es war immer eine Gaudi mit meinen Teamkollegen. Kati hat immer gesagt, es sein ein Ferienlager, wenn ich wegfahre. Das trifft es ganz gut. Wir sind in Österreich vom System her gut aufgestellt, müssen in gewissen Bereichen aber aufholen.
Läuft deine Karriere in der letzten Rennwoche noch einmal wie ein Film ab?
Ein bisserl schon. Ich will alte Rennen nicht zu sehr aufwärmen, denke aber gerne zurück. Generell schaue ich mir gerne alte Listen an von früher, nicht nur von mir. Ich bin da ein Nerd, daher ist das ganz spannend. Am Holmenkollen war ich schnell, hier habe ich mal gewonnen.
Was nimmst du dir in Oslo vor?
Was mich ausmacht, ist, dass ich bis zum letzten Meter kämpfe. Es kann vor der Schlussrunde in eine Richtung kippen, aber ich haue mich auch hier voll rein.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.