USA geben Akten frei

Online-Recherche: Waren meine Vorfahren Nazis?

Wissen
18.03.2026 19:07
Porträt von krone.at
Von krone.at

Das US-Nationalarchiv hat die überlieferten Mitgliedskarteien der NSDAP erstmals vollständig ins Netz gestellt. Auf der Suche nach den eigenen Vorfahren kann sich jeder ohne vorherige Anmeldung durch Millionen Einträge klicken. Dazu eine Einordnung und Anleitung. 

Die Frage taucht in vielen deutschen und österreichischen Familien früher oder später auf: War der eigene (Ur)-Großvater oder die (Ur)-Großmutter Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP)?

Eine neue digitale Quelle erleichtert die Recherche erheblich. Wie der „Spiegel“ berichtet, hat das US-Nationalarchiv große Teile der NSDAP-Mitgliedskarteien nun erstmals frei im Internet zugänglich gemacht.

16,3 Millionen digitalisierte Karteikarten
Millionen Datensätze – darunter Namen, Geburtsdaten, Eintrittsdatum und Mitgliedsnummern – lassen sich damit frei durchsuchen. Die Datenbank enthält rund 16,3 Millionen digitalisierte Karteikarten. Sie geht auf Bestände zurück, die nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten beschlagnahmt wurden.

Eine Anleitung zur Recherche: 

So funktioniert die Suche in der Datenbank

  • Wer auf der Internetseite des US-Nationalarchivs NSDAP-Mitglieder finden will, muss zuerst auf der Startseite die Suche aktivieren („Search within this Series“). Dann erhält der Nutzer Zugriff auf die Dokumente.
  • Ähnlich, aber komplizierter als bei einer Google-Suche, gilt es, diese einzuschränken – und das geht so: Wer etwa nur nach „Müller“ sucht, bekommt knapp 200 Treffer angezeigt. Was hilft, ist die Suche nach dem Schema Nachname, Vorname und dazu idealerweise dem damaligen Wohnort zu begrenzen. Die besten Ergebnisse liefert die Maschine durch die zusätzliche Eingabe des Geburtsdatums ohne das damalige Jahrhundert – also etwa 10.06.18.
  • Wer dann im Idealfall nur einen Treffer übrig hat, ist trotzdem lange nicht am Ziel: Hinter dem Dokument verstecken sich oft mehrere Tausend Seiten digitalisierten Mikrofilms. Historiker Winter umschreibt den folgenden Prozess des Durcharbeitens als „deutlich langwieriger als man denkt“. Im Idealfall sollte eine Liste der Suchergebnisse innerhalb des Mikrofilms angezeigt werden. Diese kann hilfreich sein: Grün hinterlegte Karten sollten die Suchbegriffe enthalten.
  • Kern der US-Sammlung ist die sogenannte „Master File“, die mehrere zentrale Karteien vereint. Dazu gehört die Ortsgruppenkartei mit rund 6,6 Millionen Mitgliedskarten, die detaillierte Angaben wie Name, Geburtsdatum, Beruf, Parteieintritt und Wohnort enthalten. Ergänzend existiert die Zentralkartei mit etwa 4,3 Millionen Karten, die zwischen 1929 und 1943 angelegt wurden und auch führende NS-Funktionäre wie Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Rudolf Heß erfassen. Dazu kommen mehr als 200.000 Fragebögen von NSDAP-Mitgliedern im Großraum Berlin und Materialien zu angeschlossenen Organisationen wie dem Nationalsozialistischen Lehrerbund oder der Reichsärztekammer.
  • Link: https://catalog.archives.gov/id/12044361

Für Nutzer kann die Recherche allerdings zunächst unübersichtlich wirken. Denn die Datenbank führt nicht direkt zu einzelnen Karteikarten, sondern zu digitalisierten Mikrofilmen mit oft Tausenden Seiten. Praktische Hinweise zur Nutzung haben der Historiker Martin Clemens Winter von der Universität Leipzig sowie ein Reddit-Nutzer zusammengetragen.

Zur Aussagekraft: Eine Mitgliedschaft und ihre Folgen
Findet man einen Namen im Archiv, sollte man nicht voreilig Schlüsse ziehen. Die Mitgliedschaft in der Partei zeige vorerst nur, dass jemand eingetreten sei und sage wenig darüber aus, wie sich die Person im Nationalsozialismus verhalten habe, erklärt Winter und betont: „Allerdings hat man durch den Beitritt auf jeden Fall eine Zustimmung signalisiert.“ Umgekehrt bedeute es aber auch nicht, dass jemand ohne Treffer im Archiv nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hatte.

Filmregisseurin Leni Riefenstahl mit Adolf Hitler
Filmregisseurin Leni Riefenstahl mit Adolf Hitler(Bild: Filmladen Verleih)

Ob es trotzdem zu Diskussionen am Familientisch führen könnte? Das wäre „ein begrüßenswerter Impuls, denn es gibt durchaus eine Verantwortung, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen“, meint Winter. Zugleich betont der Historiker: „Niemand muss heute die moralische Verantwortung für die Taten des Urgroßvaters übernehmen.“

Historiker: Es ist keine „Nazisuchmaschine“
Forschende und auch Privatpersonen können das Archiv nun online nutzen. Historiker Winter betont, es handle sich um einen Zugang zu sehr umfangreichen Archivbeständen: „Es ist eben keine „Nazisuchmaschine“, wo man Namen eingibt und sofort alles herausfindet.“

Solche großen Datensätze seien etwa für Historiker sehr hilfreich, weil man nach Namen suchen kann, aber mit anderen Suchbegriffen auch neue Personen findet, auf die man sonst gar nicht gekommen wäre, sagt Winter, der an der Universität Leipzig zum Thema „Unternehmenskultur, Zwangsarbeit und Judenmord beim Leipziger Rüstungskonzern HASAG“ forscht.

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