Ängste und Sorgen, depressive Symptome sowie psychosomatische Beschwerden haben seit Pandemiebeginn bei Jugendlichen erheblich zugenommen. Die Coronazeit verlangte vor allem jungen Frauen sehr viel ab. Im Rahmen des Projekts „Selbstwert plus“ werden diese nun gestärkt, um gesundheitsgefährdende Folgen abzufedern.
„Die Corona-Jahre haben Spuren auf der Seele hinterlassen. Angstgefühle und Schlaflosigkeit nahmen deutlich zu. Die Anzahl jener Mädchen, welche regelmäßig Suizidgedanken hatten, verdoppelte sich laut einer Studie der Donauuniversität Krems sogar“, erläutert Mag. Eva Trettler, Projektleiterin von „selbst♀*wert plus“. „Gerade junge Frauen waren besonders belastet. Manche mussten zu Hause, mitunter isoliert und auf kleinem Raum ,alles schupfen´ sowie Eltern und Geschwister unterstützen. Dazu kamen mitunter finanzielle Nöte, manchmal Gewalt.“ Nur selten ist jedoch die notwendige psychologische Unterstützung für Jugendliche greif- oder leistbar.
Gespräche und Workshops
Im Rahmen des vom Sozialministerium geförderten Projektes der Mädchen- und Frauengesundheitszentren werden daher in ganz Österreich kostenlose psychosoziale Unterstützung, Begleitung und Beratung (einzeln, in der Gruppe, persönlich und online) für Mädchen von 12 bis 21 Jahren angeboten. Workshops zu Themen wie etwa Selbstwert, seelische Gesundheit, Essprobleme, Mädchen/ Frau sein, Sexualität, Menstruation, Verhütung, Umgang mit Gewalt runden das Schulungsangebot ab. Beratungen und Workshops können zum Teil in verschiedenen Sprachen in Anspruch genommen werden. „Gleichzeitig bilden wir auch Menschen aus, die mit den Mädchen arbeiten“, so Mag. Trettler.
Unkompliziert helfen
Seit Mai 2022 bestehend, wird das Projekt bestens angenommen. „Österreichweit konnten wir schon 1000 Mädchen unterstützen“, freut sich die Wiener Psychologin. Erreicht werden diese ganz niederschwellig dort, wo sie unterwegs sind. Darunter fallen unter anderem so genannte AusbildungsFit-Angebote (ehemals Produktionsschulen), Lehrlings- und Streetworkeinrichtungen, Jugendtreffs und Mädchen-WGs, Schulen, Jugendzentren usw. „In Wien liegt unsere Beratungsstelle zum Beispiel direkt im Gemeindebau, also mitten im Leben“, lacht Mag. Trettler. „Aber auch am Land sind wir vertreten.“
Ängste in den Griff bekommen
Hierhin kommt auch die 21-jährige Olivia M. (Name bekannt) seit einiger Zeit regelmäßig und ist dankbar für die Hilfe. „Schon seit ich 15 Jahre alt bin, kämpfe ich mit einer Essstörung, Diese hat sich während der Corona-Zeit wieder verschlimmert. Schließlich war im Lockdown zu Hause Kochen ein großes Thema. Auch verstärkte sich in diesen Monaten meine Angststörung. Ich konnte nicht einmal mehr U-Bahn fahren, da ich mich so gefürchtet habe“, erzählt die angehende Lehrerin aus Wien.
Suizid-Gedanken quälten das Mädchen ebenfalls. „Ich war am Ende, konnte nicht zur Ruhe kommen. Zu Hause war es auch nicht leicht. Eine kostenpflichtige Therapie hätte ich mir nie leisten können. Aber ohne sie wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin und könnte meine Ausbildung nicht absolvieren.“
„Du bist eh jung und gesund!“
Sich jemandem anzuvertrauen, wenn man Hilfe braucht, fällt gerade jungen Menschen oft sehr schwer. „Da heißt es dann: ,Was willst du eigentlich, du bist jung und gesund?´ Daher habe ich mich anfangs geschämt, Therapie in Anspruch zu nehmen“, erinnert sich die quirlige Jugendliche. „Doch nun weiß ich: Niemand muss sich dafür genieren, Unterstützung zu suchen und anzunehmen. Ich habe in den Sitzungen viel über mich selbst gelernt und meine Ängste in den Griff bekommen. Das Projekt hat mir unglaublich viel gebracht!“
Die kostenlose psychosoziale Unterstützung nutzt Olivia je nach Bedarf rund einmal im Monat. Geht es ihr schlechter, dann etwa alle zwei Wochen. „Bei akuten Suizid-Gedanken reagieren wir natürlich umgehend und engmaschig“, erklärt Mag. Eva Trettler. Ansonsten soll jedes Mädchen etwa zehn Termine erhalten, um möglichst vielen Betroffenen helfen zu können. Wenn nötig, wird die Überweisung an einen niedergelassenen Psychologen oder ein anderes Projekt organisiert.
Psychologen und Psychotherapeuten geben Patienten Werkzeuge und Tricks in die Hand, um etwa mit aufkommenden Angstgefühlen umgehen zu lernen.
Erfolge im Gehirn sichtbar
Dass alle Mädchen und junge Frauen in Österreich ihr Leben selbstbestimmt und gesund führen können, ist das Ziel von „Selbstwert plus“. „Studien haben gezeigt, dass bei gezielter Therapie neue neuronale Netzwerke im Gehin gebildet werden, die man in bildgebenden Verfahren messen kann. Positive Auswirkungen auf die Psyche werden wirklich sichtbar“, so Psychologin Mag. Trettler. Olivia nickt und meint: „Ich habe gelernt, wieder glücklich zu sein und mir dieses positive Gefühl auch zu erlauben.“
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