Herbert sitzt täglich stundenlag vor seinem Speiseplan, den er penibel für die ganze Woche im Voraus erstellt. Jeder Inhaltstoff wird genau geprüft, Zusammensetzung, Vitamin-, Ballaststoff-, Mineralstoff- und Spurenelementegehalt errechnet. Der 30-Jährige verbringt Tage bei der Recherche nach Tabellen, ernährungswissenschaftlichen Berichten, Beschaffenheit und Wirkung von Nahrungsmitteln. Er nimmt lange Fahrzeiten in Kauf, um zu bestimmten Lebensmittelhändlern und Fachgeschäften zu gelangen. Kurzum, das ganze Leben des Computerfachmanns dreht sich um "gesundes Essen".
Die Beziehung zu seiner Freundin ist dadurch schon in die Brüche gegangen, an Restaurantbesuche oder Grillabende mit Freunden ist nicht mehr zu denken. Auch längere Reisen, auf die er sein persönliches Essenspaket nicht mitnehmen kann, kommen nicht mehr infrage. Hat er doch einmal Lust auf eine Kaffeejause, plagt ihn gleich das schlechte Gewissen.
Der Mann leidet an einer Störung, die schwierig zu diagnostizieren und noch schwieriger für ihn als krankheitswertig zu begreifen ist: Orthorexia nervosa, der Zwang, das Essen immer "richtig" zu gestalten. Zwar noch nicht als eigenes Krankheitsbild anerkannt, sind dennoch immer mehr Menschen betroffen. "Der an Orthorexia Erkrankte beschäftigt sich zwanghaft mit der Zusammensetzung seiner Nahrung. Ein häufiger Grund für dieses Verhalten ist der Wunsch, das Altern und vielleicht auch den Tod aufhalten zu können", berichtet Prim. Dr. Christoph Silberbauer, Leiter der Psychiatrie am Landes-Krankenhaus Vöcklabruck, Oberösterreich.
Keine "normale" Essstörung
So handelt es sich auch nicht um eine Essstörung im üblichen Sinne, zumeist ist auch kein Schönheitsideal der Auslöser. Oft steht zwar am Beginn der Wunsch abzunehmen oder gesünder zu leben, aber meist, um eine Krankheit zu überwinden. Zudem ist es unüblich, in unserer modernen Informationsgesellschaft und aufgrund zunehmender Veränderung von Nahrungsmitteln (Aromen, Fertigprodukte, Fast Food) jemandem, der sich sehr dafür interessiert, davon abzuraten.
Außerdem sind mittlerweile viele Menschen durch die sich häufig ändernden Erkenntnisse aus der Ernährungswissenschaft überfordert, die Informationsflut ist enorm und allgegenwärtig. Bedrohungen wie der aktuelle Fall der EHEC-Keime geben den besorgten Bürgern (scheinbar) recht. Die Grenze von verstärkter Wahrnehmung zum wahnhaften Verhalten kann aber leicht überschritten werden.
Isolation meist Folge
Prim. Silberbauer: "Anzeichen für eine krankhafte Einstellung zur Ernährung liegen vor, wenn andere wichtige Lebensbereiche dadurch verdrängt werden, Schuldgefühle auftreten oder soziale Bindungen darunter leiden." Rückzug von anderen Menschen, die mit den strengen Essensregeln nichts anzufangen wissen, oder darüber lächeln sowie das Gefühl, nicht verstanden zu werden – was ja auch der Wahrheit entspricht – treiben die Patienten in die Einsamkeit, was die Fixierung auf das Thema meist noch verstärkt. Dadurch formieren sich aber vor allem über das Internet sektiererische Gruppen – eine weitere Gefahr abzudriften, aber auch Gurus in die Hände zu fallen.
Menschen mit einer Grunderkrankung, vor allem in Darm-, Haut- und Stoffwechselbereich, aber auch Krebskranke fühlen sich oft von "Heilslehren" angesprochen, wie der Fachmann betont: "Hier ist eine Medizin gefragt, die zusammen mit psychosomatisch-psychiatrisch ausgebildeten Ärzten die Wünsche chronisch Erkrankter aufnimmt und gemeinsam mit den Patienten Therapie- und Bewältigungsmöglichkeiten ausarbeitet." In jedem Fall ist es wichtig, so früh wie möglich Hilfe zu suchen, beziehungsweise zu finden, um unrealistische Vorstellungen ins Lot zu bringen und einer wahnhaften Entwicklung entgegenzusteuern.
Ärztlichen Rat einholen
Angehörige, Freunde, Arbeitskollegen werden nicht viel ausrichten, wenn sie Gegenargumente vorbringen oder die Meinung ins Lächerliche ziehen. Vielmehr leiden die Kranken oft unter Ängsten, machen sich Sorgen, schlafen schlecht. Hier kann man mit dem Vorschlag einhaken, doch einmal einen ärztlichen Rat einzuholen.
Mangelerscheinungen durch Orthorexia nervosa müssen nicht unweigerlich eintreten, wohl kommt es aber – wie oben beschrieben – zu psychosozialen Störungen. Wichtige Botschaft: "Es gibt prinzipiell keine gesunden oder ungesunden Nahrungsmittel oder 'die' richtige Ernährung. Jeder kann seinen individuellen, dem Lebensumfeld entsprechenden, ausgewogenen Speiseplan wählen. Die Freuden des Lebens können und sollen bei Tisch genossen werden", so Prim. Silberbauer.
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