Cyber-Mobbing

Läster-Website nach Prügel-Attacke in der Kritik

Web
25.03.2011 11:26
Erst auf dem Schulhof, dann im Internet: Wenn Schüler einander schikanieren, hört das nicht mit dem Schulschluss auf. Für Schlagzeilen und Empörung bei Eltern und Politikern in Deutschland sorgt derzeit die Läster-Website iShareGossip, wo Jugendliche ihrem Hass auf Mitschüler in anonymen Kommentaren freien Lauf lassen können. Opfer sowohl psychischer als auch physischer Gewalt gibt es bereits: In Berlin etwa wurde ein 17-Jähriger krankenhausreif geprügelt, als er die Cybermobber seiner Freundin zur Rede stellen wollte.

Chatdienste und soziale Netzwerke wie SchülerVZ, Facebook oder Myspace gehören zum Alltag vieler Jugendlicher und übernehmen dem Soziologen Jan-Hinrik Schmidt zufolge eine wichtige Funktion: "Sie geben ihnen die Werkzeuge, um mit ihrem sozialen Umfeld, Freundschaften in Kontakt zu bleiben", erklärt der Experte vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung. Chats und Plattformen sind quasi die Fortsetzung des Schulhoftratsches mit anderen Mitteln.

Das kann unter dem Schutz der Anonymität jedoch ausarten - wie aktuell auf dem Portal iShareGossip.com. Als "reine Hass-Plattform" bezeichnet es der Frankfurter Oberstaatsanwalt Günter Wittig. Er ermittelt gegen die Betreiber der Website. Diese ruft dazu auf, Gruppen für Schulen zu gründen und darin anonym Gerüchte zu streuen. Genutzt wird sie momentan vor allem, um Stimmung gegen einzelne Schüler zu machen - etwa in Abstimmungen wie: "Wer ist die größte Schlampe aus der 10b?".

17-Jähriger zusammengeschlagen
In Hessen stellten mehrere Eltern bereits Strafanzeige, unter anderem wegen des Vorwurfs der Beschimpfung, üblen Nachrede, aber auch wegen Rassismus und Volksverhetzung. In Berlin wurde ein 17-Jähriger von einer Horde Jugendlicher zusammengeschlagen, als er ein paar Mädchen zur Rede stellen wollte, die seine Freundin auf der Seite beleidigt hatten.

Justiz tut sich schwer: Server stehen in Schweden
Verschwinden wird das Portal samt der bösen Kommentare aber kaum. Zwar hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien die Site auf ihren Index gesetzt, sodass die Plattform nicht mehr bei den großen Suchmaschinen aufscheint, doch die Server stehen in Schweden. Oberstaatsanwalt Wittig hofft aber, trotzdem etwas gegen die Betreiber tun zu können: "Die Straftaten finden ja in Deutschland statt."

"Rückzug aus dem Web 2.0 hilft nicht"
Soziologe Schmidt sieht das Lästerportal nicht als Auslöser für Mobbing. "Das Internet verursacht ja das Mobbing nicht. Schikanen, Beleidigungen gehören leider zu menschlichen Beziehungen dazu", sagt er. Das Internet als Medium verstärke aber die Reichweite bestimmter Äußerungen - "Informationen können gesammelt, kopiert und ergänzt werden". Dazu komme die Eigenheit des Netzes, nichts von sich aus zu vergessen. "Das, was ich heute auf dem Schulhof sage, ist morgen vielleicht vergessen. Das, was ich ins Internet stelle, ist dann immer noch da."

Der Experte glaubt nicht, dass ein Rückzug aus dem Web 2.0 hilft, um sich der Gefahr von Mobbing zu entziehen. "Wer heute nicht im Netz ist, isoliert sich, weil er sich von wichtigen Informationskanälen abschneidet." Der Soziologe glaubt, dass sich Mobbing am effektivsten bekämpfen lasse, "wenn es bekannt gemacht wird" - und zwar auf den Online-Plattformen. Zudem helfe es, Kindern und Jugendlichen immer wieder zu verdeutlichen, dass im Internet peinliche Fotos oder böse Kommentare eine größere Reichweite haben als auf dem Schulhof. Gleichzeitig müsse klar sein, dass auch im Internet die Regeln des sozialen Miteinanders gelten.

Netzwerke in der Verantwortung
Große soziale Netzwerke wie SchülerVZ und Facebook wissen, dass sie als Betreiber etwas gegen Mobbing tun müssen. Die Sprecherin der Plattform SchülerVZ, Christiane Biederlack, betont, dass Anfeindungen und Beleidigungen dort keinen Platz hätten. "Sobald wir so etwas feststellen, werden diese Inhalte konsequent gelöscht." Um Verstöße zu ahnden, ist die Plattform aber - genauso wie Facebook - auf die Hinweise der Nutzer angewiesen. Die können per "Melden"-Knopf auf problematische Inhalte aufmerksam machen.

Das funktioniere laut Biederlack vor allem über gegenseitige Kontrolle. "Die sozialen Netzwerke basieren vor allem darauf, dass man sich gegenseitig kennt. Da fällt es auf, wenn sich einer daneben benimmt." Selbst auf isharegossip.com wird Widerstand laut. Mindestens die Hälfte der Beiträge enthält Kritik an der Website und an niveaulosen Kommentaren anderer. "Ihr, die ihr hier idiotische Einträge macht, habt doch alle keine Hobbys", schreibt einer.

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