07.09.2020 14:03 |

Kräftig gewachsen

„Digitaler Urknall“ für Online-Handel durch Corona

Die Coronapandemie hat den Internethandel hierzulande kräftig angekurbelt. Von Mai 2019 bis April 2020 stiegen die sogenannten Distanzhandelsausgaben um sieben Prozent auf 8,7 Milliarden Euro. 54 Prozent der Ausgaben flossen an ausländische Anbieter wie Amazon, Zalando & Co., geht aus einer Studie der KMU Forschung hervor. Im ersten Halbjahr soll das Online-Umsatzplus - ohne Nahrungsmittel - bei ungefähr 30 Prozent liegen.

„Die Auswirkungen der Coronapandemie sind ein digitaler Urknall und ein digitaler Arschtritt“, sagte Handelsverband-Vizepräsident und Unito-Chef Harald Gutschi. Zur Unito-Gruppe gehören fünf Marken (Otto, Universal, Quelle, Lascana, Oko) in sechs Ländern, wobei Österreich der Hauptmarkt ist. Der Versandhändler Unito gehört zur deutschen Otto-Gruppe, hat aber in Graz und Salzburg Niederlassungen. Für Unito rechnet Gutschi heuer mit einem Umsatzplus von rund 20 Prozent. Besonders gefragt seien heuer Möbel und technische Geräte, verhaltene Nachfrage gebe es bei Textilien.

Einzelhandel „muss kreativ sein“
Der Handelsverband-Vizepräsident appellierte an die heimischen Einzelhändler, die noch keinen Online-Shop haben, sich schnellstmöglich digital besser aufzustellen. „Man kann gegen die großen Anbieter bestehen, man muss aber kreativ sein“, sagte Gutschi. Vor allem im Hinblick auf das Weihnachtsgeschäft gebe es dringenden Online-Handlungsbedarf. Der Unito-Chef erwartet aufgrund der Coronapandemie einen Kundenfrequenz-Rückgang im stationären Handel in der Weihnachtszeit von bis zu 50 Prozent.

Von den einzelhandelsrelevanten Konsumausgaben der privaten Haushalte in Österreich in Höhe von 72 Milliarden Euro flossen von Mai 2019 bis April 2020 rund elf Prozent in den in- und ausländischen Internet-Einzelhandel (acht Milliarden Euro) und ein Prozent in den klassischen Versandhandel (700 Millionen Euro), geht aus der Studie der KMU Forschung Austria im Auftrag des Handelsverbands hervor. Grundlage der Berechnung war eine repräsentative, telefonische Befragung von 1350 Österreicherinnen und Österreicher ab 15 Jahren. Zum Distanzhandel gehört der Internet- und Versandhandel, Teleshopping und Direktvertrieb.

Österreichs Internethändler haben demnach etwas Boden gegenüber der ausländischen Konkurrenz wettgemacht. Der Anteil der ausländischen Anbieter am heimischen Online-Umsatzkuchen sank um drei Prozentpunkte auf 54 Prozent.

Viertel der Ausgaben entfiel auf Bekleidung
Rund ein Viertel der Distanzhandel-Ausgaben entfielen im Analysezeitraum auf den Bereich Bekleidung und Textilien. Die Ausgaben für Bekleidung und Textilien stiegen um vier Prozent auf 1,95 Milliarden Euro. Studienautor Wolfgang Ziniel erwartet hier „weiteres Potenzial“ für Umsatzwachstum. Bei Elektro-/Elektronikgeräten und Handys gab es ein Plus von drei Prozent auf 1,2 Milliarden Euro. Bei Möbeln, Einrichtung und Deko registrierten die Online-Shops ein Plus von drei Prozent auf 600 Millionen Euro, bei Kosmetikprodukten ein Plus von 17 Prozent auf 340 Millionen Euro und bei Sportartikeln ein Plus von elf Prozent auf 490 Millionen Euro.

Zu Umsatzrückgängen kam es hingegen bei Büchern, Zeitschriften und Schreibwaren (minus drei Prozent auf 610 Millionen Euro) und Schuhen/Lederwaren (minus zwei Prozent auf 480 Millionen Euro). „Insbesondere bei Büchern, Zeitschriften und Schreibwaren ist der Zenit bereits überschritten und die Konsumentinnen und Konsumenten kaufen wieder vermehrt im stationären Einzelhandel ein“, so das Fazit von Handelsforscher Ziniel.

Handelsverband fordert 500-Euro-Scheck und Senkung der Lohnnebenkosten
Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will erwartet aufgrund der Corona-Krise ein „bauchiges U“ bei der Umsatzentwicklung im Einzelhandel. Das Plus im Online-Geschäft könne heuer leider nicht den Umsatzrückgang im stationären Handel ausgleichen. Die coronabedingt hohen Arbeitslosen- und Kurzarbeitszahlen würden die Kaufkraft dämpfen. Um den Konsum anzukurbeln, forderte Will erneuert einen 500-Euro-Österreich-Scheck für Geringverdiener und eine Senkung der Lohnnebenkosten.

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