01.09.2020 08:45 |

Gefährdetes Welterbe

Walzer, Sisi, Fiaker: Wien, Wien, nur du allein

Walzer-Seligkeit, Kaiserin Sisi, Machtzentrum über Jahrhunderte, der Steffl, Fiaker, Kaffeehäuser und barocke Üppigkeit - das historische Zentrum von Wien ist voller Geschichte und Kultur. Doch das Welterbe ist gefährdet: Wien steht auf der Roten Liste.

Ein Reisebericht über Wien? Wien kennt doch jeder – die Wiener sowieso und in der Provinz sieht man es nicht anders. Doch Wien ist für manche Überraschung gut. Nehmen wir etwa den Graben, die Flaniermeile zwischen Stephansplatz und Kohlmarkt, gesäumt von Luxusläden. Dieser „Graben“ ist älter als die Stadt: „Hier war der Verteidigungsgraben des römischen Militärlagers“, verrät Katharina Trost, Fremdenführerin mit Hang zu Geschichten hinter der Geschichte. „Im Mittelalter hat man diesen Graben dann zugeschüttet.“

Der Graben ist älter als die Stadt
Die Römer legten ihr Heerlager namens Vindobona im 1. Jahrhundert nach Christi an der Donau an. Ihre Spuren finden sich in der ganzen Innenstadt vom Michaelerplatz bis zum Hohen Markt. Wien taucht dagegen erst viel später in der Geschichte auf. Um die erste Jahrtausendwende war es dann immerhin schon ein bedeutender Handelsplatz, unter den Babenbergern wurde Wien Residenz des Herzogs. Die Anfänge des Stephansdoms stammen aus dieser Zeit, das Riesentor und die beiden Heidentürme sind von diesem ursprünglichen romanischen Bau noch erhalten.

Die wahren Baumeister Wiens waren aber die Habsburger. In den über 600 Jahren ihrer Herrschaft prägten sie das Bild der Stadt vom Stephansdom bis zur Hofburg, von den Museen bis zu den glanzvollen Ringstraßenbauten.

Ein entscheidendes Datum war dabei der Sieg über das osmanische Heer 1683: Danach blühte die Stadt in barocker Pracht auf. Auch der Adel ließ sich nicht lumpen und übertrumpfte sich gegenseitig mit repräsentativen Palais. So residierte der Feldherr der Türken-Kriege, Prinz Eugen von Savoyen, im Winter in der Himmelpfortgasse – dort sollten sich später diverse Finanzminister einquartieren; die heiße Jahreszeit genoss er in den prachtvollen Gärten seines Sommersitzes Belvedere.

Der Prachtboulevard der Ringstraße entstand nach dem Abriss der Festungsanlagen im 19. Jahrhundert. „Man sollte sich die Zeit nehmen und die Ringstraße vom Schottentor bis zur Oper zu Fuß in Ruhe anschauen. Da finden sich die schönsten Bauten“, empfiehlt Trost. Zuerst die Universität – 1365 gegründet und die zweitälteste Uni im deutschsprachigen Raum; dann das neugotische Rathaus, gegenüber das Burgtheater, auf der anderen Straßenseite wird das als griechischer Tempel errichtete Parlament gerade renoviert.

Hinter Volksgarten, Heldenplatz und Burggarten das einstige Machtzentrum, die Hofburg: „Über 2000 Räume und zahlreiche Museen, wie die Schatzkammer, die Silberkammer, die Kaiserappartements und das Sisi Museum. Wenn man sich alle anschauen wollte, braucht man mindestens eine Woche“, meint Trost.

Endpunkt des Spaziergangs ist bei der Oper, Wien ist schließlich seit Jahrhunderten als musikalische Hauptstadt Europas anerkannt. Das war 2001 mit ein Grund für die Anerkennung des Gesamtkunstwerks der Innenstadt  als UNESCO-Weltkulturerbe. Neben dem historischen Zentrum gehört dazu auch das Ensemble Schloss Belvedere, Palais Schwarzenberg und Salesianerinnenkloster samt den außergewöhnlichen Gärten.

Seit 2017 steht das historische Zentrum allerdings auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes. Es gibt Bedenken wegen eines Bauprojekts am Areal Heumarkt. „Dadurch wäre der sogenannte Belotto-Blick vom Oberen Belvedere auf die Innenstadt beeinträchtigt“, erklärt Trost. „Der venezianische Maler Canaletto hat diese Ansicht im 18. Jahrhundert gemalt, und bis jetzt hat sich wenig verändert.“

Wien war als Hauptstadt des Vielvölkerreichs Österreich-Ungarn, in dem elf Sprachen gesprochen wurden, lange Zeit ein Zentrum Europas. „Es war ein Schmelztiegel“, sagt Trost. „Eine multikulturelle Mischung, aus der sich Wien das Beste herausgeholt und als ‘wienerisch‘ verkauft hat.“ Wie etwa das Kipferl nach der Türkenbelagerung im Zeichen des Halbmondes: „Politisch nicht korrekt, haben die Wiener das Symbol ihrer Feinde einfach aufgegessen.“ Mit der unglücklichen Marie-Antoinette soll das Kipferl später nach Paris gekommen und zum Croissant geworden sein.

Als typisch wienerisch gilt das Gulasch: „Dabei ist es eigentlich die ungarische Nationalspeise.“ Das Wiener Schnitzel stammt mit einem Umweg über Mailand aus dem Orient: „Der Kaiser von Byzanz wünschte sich goldenes Essen, also wurde die Farbe Gold mit den Bröseln imitiert.“ Der alte Radetzky lernte später als Gouverneur in Mailand das Panierte kennen, welches als Wiener Schnitzel den Siegeszug um die Welt antrat. Nicht zu vergessen der Wein: Den verdanken die Wiener den Römern.

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Essen und Trinken hält Leib und Leben zusammen, doch in Wien liegt auch eine gewisse Leichtigkeit in der Luft. Eine Leichtigkeit, aus der der Wiener Walzer geboren wurde. Über den die feine Gesellschaft ursprünglich die Nase rümpfte, berichtet Trost: „Wegen der Drehungen und des engen Körperkontakts hat der Walzer als unschicklich gegolten. Er war sozusagen das ,Dirty Dancing‘ seiner Zeit.“ Wie es weitergehen wird mit der Walzer-Seligkeit, kann in Corona-Zeiten noch keiner sagen. Doch Wien hat schon viel erlebt und überstanden, wie die Legende vom „lieben Augustin“ zeigt. Der liebe Augustin, ein Dudelsackspieler, lag während der Pest 1679 so betrunken auf der Straße, dass man ihn für tot hielt und in die Pestgrube warf. Wie durch ein Wunder blieb er dabei gesund. Ein Symbol der Wiedergeburt, ganz nach dem Motto: „Ein echter Wiener geht nicht unter!“

Waltraud Dengel, Kronen Zeitung

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