Di, 16. Juli 2019
10.07.2019 23:37

Wind und Wohlfühlen

BMW 8er Cabrio: Wo, bitte, geht‘s hier zum Luxus?

Wahrer Luxus (das ist nicht zynisch gemeint) fängt manchmal da an, wo man kein Dach über dem Kopf hat. Zumindest wenn man zu Hause eines hat, unter das man gerne zurückkehrt, und unterwegs die Wahl hat, bei Bedarf in 15 Sekunden eines über sich spannen zu lassen. Wie im BMW 840d xDrive Cabrio, das uns in Istrien den Weg wies auf der Suche nach wahrem Luxus.

Man würde es sich zu einfach machen, wenn man sagte, Luxus sei, wenn ein Auto knapp 150.000 Euro kostet (das ist der Testwagenpreis inklusive Extras). Die Ware Luxus ist natürlich käuflich, wahrer Luxus hat aber mehr mit Genuss als mit Preisschildern zu tun (weniger ist manchmal mehr). Und da ist ein BMW 8er Cabrio noch immer bodenständiger als, sagen wir, ein Rolls-Royce oder ein Karlmann King (aber dennoch exaltierter als zum Beispiel ein 30 Jahre altes 3er-Cabrio mit seinem ganz speziellen Charme).

Mehr Bodenhaftung als viele andere bietet der 8er auch, was sich positiv auf den Glückshormonhaushalt des Fahrers auswirkt, während er über kurvige istrische Landstraßen carvt. Schon die Anreise über verwinkelte Nebenstraßen, die das Navi als Route ausspuckt ist herrlich. Man könnte den ganzen Tag nur fahren, Grosznjan, Buje, Novigrad, Rovinj, Motovun. Das hat übrigens nichts mit Motor-Fun zu tun. Motovun (italienisch: Montona) ist ein malerisches 500-Seelen-Städtchen auf einem 277 Meter hohen Hügel, der bereits in vorrömischer Zeit besiedelt war. Die Struktur der Stadt entstand unter der Herrschaft der Venezianer.

Roxanich macht Toskana vergessen
In der zugehörigen Vorstadt hat im März 2019 das elegante, stylische und dennoch gemütliche Weingut Roxanich (das ist der alte, venezianische Name der Familie Rosanic) aufgesperrt, das ganz hervorragende biodynamische Weine (nach den Grundlagen von Rudolf Steiner) produziert. Die munden nicht nur auf der Terrasse mit ihrem toskanaartigen Ausblick, was auch für die bistecca alla fiorentina vom istrischen Biorind gilt, die hier unter anderem serviert wird.

Hobby- ebenso wie professionelle Fotografen haben ihre Freude an der flachen Wasserfläche, in der wir den BMW für die Kamera platziert haben.

Patron Mladen Rosanic kann sich den Luxus leisten, sein Hobby (bzw. seine Berufung) zum Beruf zu machen, seinen lukrativen Job in der Industrie an den Nagel zu hängen und sich der Winzerei zu widmen.

Kleines Gespräch statt großer Meister
Am nächsten Vormittag machen wir uns wieder auf, nachdem wir das Auto per Lift aus der Tiefgarage geholt haben. Auch ein Luxus bei 36 Grad und strahlendem Sonnenschein. Kunst steht auf dem Programm, schließlich wird Grosznjan als romantischer Künstlerort angepriesen. Doch von echter Kunst und teuren Meisterwerken kann nicht die Rede sein. Was einst tatsächlich eine Künstlerstadt war, ist in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Bauchladen für Souvenirs aus chinesischer Produktion verkommen, sagt der nach eigenen Angaben letzte verbliebene echte Künstler, Zelenko Rok, der dort einst Tür an Tür mit der mittlerweile international gefeierten Performance-Künstlerin Marina Abramovic gewohnt hat. Gibt es hier also keinen Luxus, nur weil wir keine teuren Kunstwerke gefunden haben? Weit gefehlt. Von einem feinen Gespräch über Kunst und die Welt im Innenhof von Roks Galerie haben wir jedenfalls mehr als von Gemälden, die Phantasiepreise bei Auktionen erzielen.

Kunst und Künstlichkeit
Auch am 8er-BMW ist nicht alles echte Kunst (obwohl er weniger an den Interessen chinesischer Kunden orientiert ist als etwa der Siebener). Am Heck haben die Münchner einiges an unnötigem Plastik verbaut, das vorgibt Luft durchzulassen, aber in Wahrheit ein plumper Showeffekt ist. Ohne diese künstlichen statt kunstvollen Einlagen wäre das optisch sehr gelungene Cabrio noch schöner, die herrlichen Linien verwöhnen das Auge und die 20-Zoll-Felgen sowie der hellblaue Lack (Barcelona Blau metallic) sind wie geschaffen dafür.

Im Innenraum drängt sich Bling-Bling in den Vordergrund, in Form des gläsernen Automatik-Wählhebels. Schade, dass an der Rückseite unangenehm raues Plastik die Hand verschreckt, aber vielleicht ist das Ding als Skulptur gedacht - und Kunst darf man ja bekanntlich nicht anfassen. Allerdings machen auch die Tasten drumherum weder einen hochwertigen noch einen luxuriösen Eindruck.

Vergessen sind solche Details sofort, wenn der heiße Fahrtwind auf dem Weg zur nächsten Weinprobe wieder durch die Haare streicht, während die Klimaautomatik verzweifelt versucht, den Fußraum zum Kühlraum umzufunktionieren. Es gibt mittlerweile viel sehr guten Wein in Istrien. Wobei wir hier nicht von teuren Luxus-Bouteillen sprechen, sondern von mit Herz und Liebe erzeugten Tropfen. Etwa denen der Familie Rossi.

Wobei: Die Rossis haben nicht nur vorzüglichen Wein, Luca, einer der Söhne, versteht sich meisterhaft auf Destillate. Sein Gin, den er über einige Jahre perfektioniert hat, ist höher einzuschätzen als all die Monkeys, Hendricks oder Tanquerays dieser Welt. Und sein Brandy namens Sovran XO ist zwar nicht für jedermann Brieftasche geeignet, aber unbeschreiblich gut und schlicht Weltklasse.

Schade, dass sich Auto fahren und noch ein paar weitere Gläschen nicht vertragen, aber in den Kofferraum passt ja zum Glück die eine oder andere Flasche hinein. Insgesamt gehen sich 350 Liter (VDA-Volumen, nicht Flüssigkeit) aus. Bei geöffnetem Dach bleibt davon allerdings nicht viel übrig: Zwei Handgepäcks-Trolleys passen unter die Verdeckabtrennung, davor kann man dann noch etwas relativ Flaches aufstellen. Alles Weitere landet auf den Rücksitzen, die man ohnehin keinem Mitreisenden zumuten möchte.

Das Auto säuft zum Glück auch nicht
Der Dreiliter-Sechszylinder-Diesel ist übrigens auch recht genügsam. Gerade mal 7,3 Liter genehmigt sich die Maschine auf 100 Kilometer im Schnitt, verwöhnt den Fahrer dennoch mit kräftigem Antritt und seidigem Lauf. 320 PS und 680 Nm, die bereits bei 1750/min. in die Achtgangautomatik strömen, lassen kein Mangelgefühl aufkommen. Je nach Fahrmodus werden sie direkter oder sanfter abgerufen, wobei sich bei sportlicheren Ambitionen der Sport-Individual-Mode als ideal erwies - in den beiden fix programmierten Sport-Modi ist das aus den Lautsprechern zugespielte Motorgeräusch zu penetrant. Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Und authentisch wäre besser.

Authentizität ist auch so etwas, das wahrer Luxus sein kann. Unter echten Freunden kann man echt sein, ohne sich zu verstellen. Unter Stammgästen auch, daher ist es ein gutes Zeichen, wenn ein Restaurant hauptsächlich von Menschen besucht wird, die Gastgeber und Personal seit Jahren kennen. Ein solches ist die Konoba Čok in Novigrad, die zwar nicht sonderlich schön liegt, aber hervorragende Fischspezialitäten serviert. Und das ganz freundschaftlich.

Was gibt es Luxuriöseres als Perlen?
Die Küstenstadt Rovinj, wo es uns tags darauf hinzieht, wird als Perle der Adria bezeichnet. Wobei sie deutlich schöner und abwechslungsreicher ist als dieser Luxusschmuck. Malerischer geht es kaum, besonders die auf einem ins Meer ragenden Hügel erbaute Altstadt ist allerliebst. Es zahlt sich aus, die Gegend mit einem der Boote samt Fahrer zu erkunden, die am Hafen liegen.

In der Altstadt kann (und sollte) man den ganzen Tag verbringen. Badesachen nicht vergessen: Die Felsen am Ufer sind teilweise so hergerichtet, dass man herrlich sonnenbaden und direkt in das klarte, tiefe Wasser springen kann. Auch kulinarisch fehlt es an nichts: Das Restaurant Puntulina liegt nicht nur wunderschön, es rechtfertigt seine Falstaff-Auszeichnung auch mit wunderbarem Essen und kompetentem Personal.

Für den Abend sollte man etwas mehr als T-Shirt, Shorts und Flipflops dabei haben: Der Place to be ist die elegante Champagner-Bar Valentino, wo man am Abend auf Felsen sitzt und nach dem Sonnenuntergang das unter Wasser bunt beleuchtete Meer genießen kann, ebenso wie feinste Cocktails. Besitzerin Patrizia legt Wert darauf, dass das Valentino sowie das Hotel Grand Park und das Restaurant Monte die einzigen wirklichen Luxus-Locations der Gegend sind. So schön es da ist - das opulente Moet-Chandon-Branding und den elitären Habitus muss man mögen.

Was ist denn nun Luxus?
Zum Luxus gehört auf jeden Fall etwas Lukullisches. Nicht nur Liebe, auch Luxus geht durch den Magen. Und gutes Essen auch ins Herz, wie es die Kellnerin Michaela im Puntulina in Rovinj so treffend ausgedrückt hat.

Luxus muss nicht materiell sein. Luxus kann auch sein, nicht rund um die Uhr zu arbeiten, nur um sich „ein schönes Leben zu machen“ und teure Cabrios fahren zu können. Nicht nur weil niemand weiß, ob es dazu überhaupt kommt, sondern weil sich Genuss nicht plötzlich abrufen lässt, wenn man ihn sich sein ganzes Leben lang versagt hat. Wahrer Luxus ist nicht, möglichst viel zu haben, sondern wenig zu brauchen und es genießen zu können, wenn man mehr als das bekommt.

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl

Kommentare

Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB).

Aktuelle Schlagzeilen
Neuer Sturmstar
Griezmann gut gelaunt beim ersten Barca-Training
Fußball International
Wilde Spekulationen
Speicherkarte mit Neymar-Interview gestohlen
Fußball International
134 Fälle registriert
Quote zu niedrig: Masern-Impfpflicht gefordert
Österreich
Spaß im Flieger
Hier macht sich David Alaba über Gnabry lustig
Fußball International

Newsletter