Lange war es ruhig um Rap-Ikone Sabrina Setlur. Jetzt meldet sich die Hip-Hop-Pionierin gleich doppelt zurück: mit Musikplänen und einer Rolle im Kinofilm „Identitti“. Im Gespräch mit der „Krone“ spricht die 52-Jährige über ihren harten Weg nach oben, die heutige Rap-Szene, künstliche Intelligenz und ein mögliches Comeback – denn ganz verschwunden war die Musik noch nie ...
Fast 30 Jahre nach ihrem Mega-Hit „Du liebst mich nicht“ zählt Sabrina Setlur noch immer zu den prägendsten Künstlerinnen des deutschen Hip-Hops. Mit mehreren Nummer-eins-Alben, Gold- und Platinauszeichnungen sowie zahlreichen Preisen schrieb sie Musikgeschichte. In den vergangenen Jahren machte sich die 52-Jährige rar, langsam öffnet sie die Tür aber wieder – mit einem Kinofilm und ersten Musikplänen. Als wir uns per Zoom treffen, wirkt sie entspannt, herzlich und trotz leicht angeschlagener Stimme bestens gelaunt. Es fühlt sich eher nach einer gemütlichen Kaffeepause als nach einem klassischen Interview an. Schnell wird klar: Das Feuer für die Musik brennt noch immer.
„Krone“: Wenn du heute auf deinen musikalischen Werdegang zurückblickst – worauf bist du besonders stolz?
Sabrina Setlur: Gute Frage. Nächstes Jahr feiere ich mein 30-Jähriges Jubiläum. Klar, ich habe zwischendurch eine Pause eingelegt, aber wenn ich auf die 15 bis 20 Jahre zurückblicke, in denen ich wirklich aktiv war, bin ich stolz, dass ich durchgehalten habe. Es gab natürlich Höhen und Tiefen, aber ich hatte immer ein großartiges Team hinter mir, das mich unterstützt hat. Vor allem bin ich mir selbst treu geblieben.
Natürlich entwickelt man sich weiter, aber wenn ich heute meine alten Songs höre, merke ich: Ich würde heute nicht jedem Trend hinterherlaufen. Ich war nie ein Fan davon, Stimmen hinter Vocodern oder übertriebenen Effekten zu verstecken. Ich habe vielleicht keine Mariah-Carey-Stimme, aber genau diese Stimme gehört eben zu mir. Ich komme aus einer ganz anderen Zeit. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob ich es heute noch einmal so schaffen würde.
Wieso glaubst du das?
Die Musikbranche ist unglaublich schnelllebig geworden, und der Druck ist heute ganz anders. Wir hatten damals natürlich auch Druck – durch Radio, Fernsehen oder die Presse. Aber wir hatten keinen Social-Media-Druck. Niemand wollte wissen, was ich gerade mache oder was ich anhabe. Ich konnte mich voll auf meine Musik konzentrieren und daraufachten, als Künstlerin besser zu werden. Heute müssen viele ständig Content produzieren, Follower sammeln und präsent sein. Diesen Druck hatte ich nicht. Deshalb bin ich froh, dass ich in einer Zeit Musik gemacht habe, in der vieles noch ehrlicher war.
Damit möchte ich niemanden kritisieren. Aber damals gab es keine Möglichkeit, sich Reichweite oder Aufmerksamkeit einfach zu kaufen. Man musste performen. Wenn die Musik nicht überzeugt hat, wurde sie auch nicht gespielt. Darauf bin ich wirklich stolz. Mein Weg war hart, aber ehrlich.
Wie blickst du heute auf die vielen weiblichen Rapperinnen? Hörst du dir ihre Musik an?
Das ist einfach eine andere Generation. Viele Inhalte sprechen mich persönlich nicht an, weil ich damit nicht viel anfangen kann. Aber natürlich haben diese Künstlerinnen ihre Daseinsberechtigung. Die Zeiten haben sich verändert und wahrscheinlich würden sie über meine Texte genauso denken wie ich manchmal über ihre. Ich komme aus einer anderen Hip-Hop-Schule.
Ich bin mit amerikanischem Hip-Hop, Grandmaster Flash, Sugar Hill Gang, NWA uvm aufgewachsen. Deshalb frage ich mich manchmal: Was ist eigentlich der Ursprung der heutigen Rap-Künstlerinnen? Woher kommt ihre Liebe zum Hip-Hop? Das ist eine Frage, die ich unglaublich spannend finde, die aber kaum jemand stellt. Ich will damit niemanden schlechtreden. Mich würde einfach interessieren, wie sie selbst ihre Wurzeln sehen.
Du warst eine der ersten Frauen im deutschen Rap. Wie hast du dich damals in dieser männerdominierten Szene behauptet?
Ehrlich gesagt empfinde ich diese Frage immer ein bisschen schwierig. Natürlich war das Umfeld damals männlich geprägt, aber innerhalb unseres Teams wurde ich nie anders behandelt. Es ging nie darum, dass ich eine Frau bin. Es ging um Musik. Bei 3p standen Kreativität und gute Songs im Mittelpunkt. Niemand hat gesagt: „Du bist eine Frau, also musst du dies oder das machen.“ Ich konnte meine Kunst ausleben und wurde genauso behandelt wie alle anderen.
Von außen war das allerdings anders. Da hieß es ständig: „Wie ist das als Frau?“, oder „Wie ist das mit deiner Herkunft?“ Dabei hätte ich mir oft gewünscht, dass einfach mehr über die Musik gesprochen wird. Damals war Hip-Hop in Deutschland ohnehin noch etwas völlig Neues. Und plötzlich stand da eine dunkelhäutige Frau, die auf Deutsch rappte. Ich glaube, das war für viele erst einmal ungewohnt. Ich habe mich aber nie über mein Geschlecht definiert. Ich wollte einfach Musik machen.
Wenn du heute Songs wie „Du liebst mich nicht“ hörst – verbindest du damit noch dieselben Gefühle?
Jeder Song, den ich geschrieben habe, basiert auf einem Gefühl. Die Geschichte drumherum macht dieses Gefühl nur greifbarer. Bei „Du liebst mich nicht“ ging es um das Gefühl, nicht respektiert oder verletzt zu werden. Und dieses Gefühl kennt wahrscheinlich jeder.
Wenn ich den Song heute höre, denke ich manchmal schon: „Ach Gott, wie dramatisch.“ (lacht) Das Grundgefühl ist aber nach wie vor da. Ich würde es heute wahrscheinlich anders formulieren, aber die Emotion dahinter ist dieselbe geblieben.
Wie hat sich dein Verhältnis zur Musik über die Jahre verändert?
Musik wird immer ein Teil meines Lebens bleiben. Bei mir läuft eigentlich ständig Musik – selbst wenn es nur das Radio ist. Ich bin allerdings ein echter Oldschool-Mensch. Ich brauche Melodien, Instrumente und Songs, die etwas in mir auslösen. Eine Zeit lang konnte ich mit vielen Produktionen gar nichts anfangen. Mir war das alles zu viel Autotune und zu viele Effekte. Irgendwann klang für mich alles gleich. Inzwischen habe ich aber das Gefühl, dass sich das wieder verändert. Viele Künstler setzen wieder auf echte Instrumente, Bands oder Orchester. Das finde ich großartig. Musik bekommt dadurch wieder mehr Tiefe und Gefühl. Ich habe vergangenes Jahr selbst drei Konzerte gespielt – eigentlich nur, um herauszufinden, ob dieses Feuer noch da ist. Und ehrlich: Sobald die ersten Töne liefen, war es, als wäre ich nie von der Bühne weg gewesen. Da wusste ich sofort: Ich bin noch nicht fertig (lacht).
Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz für die Musik?
Man kann sich dem Thema nicht mehr entziehen. Auch ich nutze KI manchmal für Kleinigkeiten. Sie kann vieles erleichtern und in manchen Bereichen wirklich hilfreich sein. Gleichzeitig birgt sie aber auch Gefahren. Man muss selbst entscheiden, wie viel Raum man ihr im eigenen Leben geben möchte. Ich habe einmal einen Song gehört, der mit meiner Stimme per KI erstellt wurde. Natürlich habe ich erkannt, dass ich es nicht bin – aber trotzdem war das schon erschreckend. Da fragt man sich kurz: Braucht man mich überhaupt noch? Ich hoffe ehrlich gesagt, dass der Hype irgendwann wieder etwas nachlässt. So wie viele Menschen heute wieder echte Instrumente und ehrliche Musik schätzen, wünsche ich mir auch, dass am Ende wieder das Menschliche zählt. Gefühle können eben keine Maschine ersetzen.
Was müsste passieren, damit du wieder regelmäßig Musik veröffentlichst?
Ehrlich gesagt, gar nicht so viel – ich brauche einfach Zeit. Ich habe schon Ideen und arbeite mit großartigen Leuten zusammen. Eigentlich hätte das schon vergangenes Jahr passieren sollen, aber es hat zeitlich einfach nicht gepasst. Ich hoffe, dass ich es gegen Ende des Jahres endlich schaffe, wieder ins Studio zu gehen. Im Sommer sind alle auf Festivals unterwegs, da ist es schwierig. Deshalb peile ich eher den Herbst oder Winter an. Ob dann schon neue Musik erscheint, kann ich noch nicht versprechen – aber ich arbeite daran.
Viele Fans würden sich ja eine Reunion mit 3p wünschen ...
(lacht) Das höre ich oft. Ich gebe den Wunsch gerne weiter. 3p gibt es ja grundsätzlich noch, nur Moses hat sich als Künstler von der Bühne verabschiedet. Ich war vergangenes Jahr bei drei seiner Abschiedskonzerte, und jedes Mal war es unglaublich emotional. Gerade in Frankfurt war die Stimmung unbeschreiblich. Man hat gespürt, dass die Menschen wussten: Das ist das letzte Mal. Wenn ich heute daran denke, bekomme ich noch immer Gänsehaut.
Du bist auch im Kinofilm „Identitti“ zu sehen. Was hat dich an diesem Projekt gereizt?
Schauspiel hat mich schon immer fasziniert. Ich habe zwar nie Hauptrollen gespielt und wurde auch nicht für einen Oscar nominiert (lacht), aber ich liebe es, in andere Figuren einzutauchen. Bei „Identitti“ hat mich vor allem das Drehbuch überzeugt. Der Film stellt die Frage: Wer bin ich eigentlich? Gerade Menschen mit Migrationsgeschichte kennen dieses Gefühl oft. Bin ich deutsch? Bin ich Inderin? Wo gehöre ich hin? Ich finde, wir reden viel zu oft darüber, was uns unterscheidet, statt darüber, was uns verbindet. Genau diese Fragen greift der Film auf – und das hat mich sofort angesprochen.
Welche Figur spielst du in dem Film, der am 12. November erscheint?
Ich spiele Kaali – eine Art Alter Ego der Hauptfigur. Das fand ich unglaublich spannend. Ich glaube nämlich, dass jeder so eine innere Stimme hat. Diejenige, die einen antreibt, einen kritisiert oder einem den Spiegel vorhält.
Gibt es eine Seite an dir, die das Publikum im Film neu kennenlernen wird?
Definitiv. Ich sehe dort komplett anders aus als sonst. Ich spiele eine Göttin und stecke in aufwendigen Kostümen und Make-up. Das war auch für mich eine völlig neue Erfahrung. Außerdem ist der Film zweisprachig. Ich musste zwischen Deutsch und Englisch wechseln – das war mental ziemlich anspruchsvoll. Die Zuschauer erleben mich dort jedenfalls von einer Seite, die sie bisher wahrscheinlich noch nicht kannten.
Sabrina, du bist seit so vielen Jahren in der Musikbranche und nun auch in der Filmbranche – Wenn du deinem jüngeren Ich heute einen Rat geben könntest – welcher wäre das?
Früher habe ich oft gesagt: „Ich bereue nichts.“ Heute sehe ich das anders. Es gibt einige Entscheidungen, die ich heute nicht mehr so treffen würde. Ich würde meinem jüngeren Ich raten: Tu nichts, nur um anderen zu gefallen. Hör auf dein Bauchgefühl und nimm dir die Zeit, Dinge wirklich zu hinterfragen.
Es gibt viele Momente, in denen ich mich heute frage: „Warum hast du das damals gemacht?“ Genau deshalb würde ich sagen: Erst nachdenken, dann handeln.
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