"Wir haben einen sehr ausgeklügelten Angriff gegen unsere Infrastruktur entdeckt, die aus China kommt", schrieb Google-Chefjurist David Drummond im Firmenblog. Der Angriff habe mindestens 20 weiteren Unternehmen gegolten, vor allem im Internetbereich aber auch im Finanz- und Technologiesektor.
Laut Drummond habe Google "den Beweis, dass es das oberste Ziel der Angreifer war, Zugriff auf die E-Mails von chinesischen Menschenrechtsaktivisten zu bekommen". Der Internetkonzern sei daher nicht länger willens, seine Suchergebnisse auf Google.cn zu zensieren. Zudem erwäge man ernsthaft, sich aus dem chinesischen Markt zurückzuziehen.
"Verbotene" Bilder ab sofort wieder verfügbar
"Die jüngsten Angriffe und die weiteren Einschränkungen der Meinungsfreiheit in den vergangenen Jahren haben uns dazu gebracht, unser China-Engagement zu überdenken. Wir wissen, dass unsere Nicht-Zensur-Entscheidung bedeuten kann, dass wir unsere chinesische Website und alle dortigen Niederlassungen bald schließen müssen", so Drummond.
Kurz nach dem Deaktivieren der Sperren waren via Google China bereits Bilder des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens auffindbar. Der Zwischenfall, bei dem vor 21 Jahren Sicherheitskräfte einen Studentenaufstand in Peking niederschlugen, gilt in der Volksrepublik als Tabuthema. Eines der berühmtesten Bilder des Massakers zeigt, wie ein Armee-Panzer einen Studenten rücksichtslos überrollt. Andere heikle Themen sind das als abtrünnige Provinz betrachtete Taiwan und die Lage im besetzten Tibet.
Unterstützung von Yahoo
Unerwartete Rückendeckung erhielt Google nach der Ankündigung von Seiten der Konkurrenz: Der internet-Konzern Yahoo drückte vollstes Verständnis für die Reaktion aus und bezeichnete die Situation in China als "zutiefst beunruhigend". Übergriffe auf die Privatsphäre der Internetnutzer seien etwas, dem man sich widersetzen müsse, so Yahoo.
Googles Vorgehen von Menschenrechtsgruppen begrüßt
Die internationale Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch begrüßte die Entscheidung Googles, sich in China künftig nicht mehr selber zensieren zu wollen, als "großen Schritt zum Schutz der Menschenrechte". Die Enthüllungen über die Hacker-Angriffe auf das Unternehmen und Konten von Menschenrechtsaktivisten "verdeutlichen die Bedeutung von Meinungsfreiheit und Privatsphäre und zeigen die anhaltende Bedrohung für Menschenrechte durch Regierungen, die den freien Fluss von Informationen als Gefahr ansehen", hieß es in einer Mitteilung der Organisation am Mittwoch.
Das Vorgehen von Google hebe auch die wachsenden Gefahren für ausländische Firmen im Bereich der Informationstechnologie in China hervor, erklärte Human Rights Watch. Die chinesische Regierung setze "massive finanzielle und personelle Ressourcen ein, um das Internet zu zensieren und Internetnutzer zu jagen und zu bestrafen, die Ansichten vertreten, mit denen die chinesische Kommunistische Partei nicht einverstanden ist".
Offenbar sensible Quellcodes gestohlen
Bei den Hacker-Angriffen sind nach einem Bericht des "Wall Street Journal" wichtige Quellcodes gestohlen worden, mit denen potenziell Zugang zu anderen Daten gewonnen und Sicherheitsmängel identifiziert werden können. Google sprach nur vage vom "Diebstahl geistigen Eigentums"
Wirklich schmerzhaft wäre der Rückzug für Google derzeit noch nicht. Das Unternehmen erwirtschaftet in China gerade einmal 2,5 Prozent seines Gewinns von 22 Milliarden Dollar (15 Milliarden Euro) im Reich der Mitte. Da der dortige Markt allerdings wie auch für andere Branchen als zukunftsträchtig gilt, könnte der Schritt schwere Konsequenzen für die Zukunft haben. In China gilt Google derzeit nur als Nummer 2. Platzhirsch ist der heimische Anbieter Baidu.com, der mehr als 60 Prozent Marktanteil hat. Auch Baidu zensiert seine Suchergebnisse auf Geheiß der Regierung.
Clinton verlangt von China Erklärung
Auch US-Außenministerin Hillary Clinton äußerte ihre Besorgnis über die Vorfälle in China und forderte von der Volksrepublik eine Erklärung. Der von Google erhobene Vorwurf der Zensur wecke große Besorgnis und werfe Fragen auf, erklärte Clinton am Dienstag in Honolulu. "Wir erwarten von der chinesischen Regierung eine Erklärung."
China beharrt auf Zensur
In einer ersten Reaktion - in der Google zwar nicht erwähnt wurde, die Absicht jedoch klar scheint - beharrten die Machthaber in Peking weiterhin auf die Zensur im Netz. Internet-Medien hätten eine große Verantwortung, mit der Regierung zusammenzuarbeiten, diese wiederum müsse eine Rolle in der Meinungsführerschaft im Netz spielen. Gerüchte und Falschinformationen im Internet stellten eine Bedrohung für die Gesellschaft dar, fügte Regierungssprecher Wang Chen hinzu.
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