Schwelte der Streit in der Vergangenheit nur innerhalb der Wikipedia, haben jüngst Fälle auch außerhalb der Community - etwa bei Twitter und in diversen Blogs - große Wellen geschlagen. Dabei ging es neben dem Mischgetränk "Tschunk" vor allem um "MOGIS" - die Vereinigung "Missbrauchsopfer gegen Internetsperren".
Beide Fälle haben eines gemeinsam: Sie wurden nach langen Diskussionen wegen fehlender Relevanz aus der "Wiki" gelöscht - im Falle von "MOGIS" wegen einer umstrittenen Vereinsstruktur und fehlender Nachweise über die Mitgliederzahlen, und bei "Tschunk", weil nicht jedes Mixgetränk einen eigenen Eintrag benötige.
Wikipedianer in zwei Lager gespalten
Was ist relevant und gehört in die Wikipedia? Über diese Frage streiten die Wikipedianer, wie sich die ehrenamtlichen Autoren nennen, seit Langem. Das Ergebnis des Zwists ist eine Spaltung der Mitglieder in zwei Lager. Auf der einen Seite sind da die sogenannten "Inklusionisten": Sie wollen möglichst viele Artikel ins Lexikon aufnehmen, solange diese gut geschrieben sind. Ihnen gegenüber stehen die "Exklusionisten", die auf die besagte Relevanz achten.
Wikipedia selbst erklärt den Begriff übrigens wie folgt: "Relevanz steht für Bedeutsamkeit, ein Maß für die Wichtigkeit einer Sache oder Information in der Realität." So einfach dies zunächst klingen mag, eine Antwort auf die Diskussionen kann diese Definition nicht liefern.
"Wikipedia muss Auswahl bei Artikeln treffen"
Dies sieht auch Nina Gerlach so. Sie ist seit Mitte 2004 als Administratorin bei Wikipedia unter anderem für die Löschung von Einträgen verantwortlich und zählt zu den Verfechtern einer strengen Relevanzkontrolle. "Genau wie ein normales Lexikon muss auch Wikipedia eine Auswahl bei den Artikeln treffen." Das Argument, im Internet gebe es keine Platzprobleme, lässt sie nicht gelten: "Wir wollen hier keine gelben Seiten sein. Qualität und Bedeutung der Artikel müssen immer im Vordergrund stehen." Unter der willkürlichen Freigabe aller Artikel würde ansonsten die gesamte Wikipedia leiden.
Aus der Sicht von Autoren wie Felix Neumann setzt die Diskussion an der falschen Stelle an: "Die Energie der Beteiligten sollte nicht in endlosen Diskussionen über die Löschungen vergeudet werden, sondern zur Verbesserung der Beiträge." Ihn störe es sehr, dass Artikel bisweilen nur Minuten nach der Veröffentlichung von anderen Mitgliedern zur Löschung vorgeschlagen würden. "Relevant ist doch, was abgerufen wird und nicht, was irgendwann einmal in Kriterien festgeschrieben wurde."
Bei Wikipedia stehen derzeit mehr als 854.000 registrierte Nutzer und unzählige anonyme Autoren einer Gruppe von 332 gewählten Administratoren gegenüber. Auch wenn die Standpunkte der Streitenden - sowohl innerhalb der einzelnen Gruppen als auch zwischen den Administratoren und den Autoren - weit auseinanderzuliegen scheinen, sind sie sich in einem einig: Die oft festgefahrenen und polemischen Diskussionen müssen wieder sachlicher und konstruktiver werden.
Wikipedia soll "kein kommentiertes Google" sein
"Diskussionen wie diese werden nie ein endgültiges Ende haben, sondern müssen kontinuierlich geführt werden", sagt Pavel Richter, Geschäftsführer von Wikimedia-Deutschland. "Wikipedia soll eine Enzyklopädie sein und kein kommentiertes Google. Deshalb können Fragen wie "ist ein Verein wie MOGIS für Wikipedia interessant" immer nur im Einzelfall entschieden werden." Mehr Klarheit soll ein Treffen der Wikipedianer am 5. November in Berlin bringen. Erstmals in der Historie der Enzyklopädie wollen die Mitglieder dort an einem Verhandlungstisch diskutieren. Entgleisungen und Beleidigungen sollen danach wieder der Vergangenheit angehören.
Wikipedianer wären übrigens keine Wikipedianer, würden sie nicht auch der laufenden Diskussion um die Löschungen einen - wenn auch internen - Eintrag widmen. So findet sich auf einer Projektseite unter dem Stichwort "Löschwahn" ein humorvoller Eintrag: "Der Löschwahn ist eine sehr milde Form der Manie. Die Krankheit grassiert besonders unter deutschen Wikipedianern."













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