21.08.2007 11:55 |

Knipsen wie Profis

RAW - knipsen wie die Profis

Könnte man einen Eisbären danach fragen, wie er seinen Fisch am liebsten genießt, er würde mit den Worten “roh, wie sonst?” antworten. Fragt man einen professionellen Fotografen, wie er seine Fotos am liebsten schießt, wäre die Antwort dieselbe. Seit dem Digicam-Boom der letzten Jahre ist der einzige, abseits von Talent und Ausbildung verbliebene Unterschied zwischen professionellen Fotografen und Amateuren das Datenformat RAW und seine Nachbearbeitung. Im letzten Teil unserer Fotoserie auf Krone.at wollen wir dir die Arbeitsweise von Profis näherbringen und was davon auch für Anfänger und Fortgeschrittene von Nutzen sein kann.

Das Aufnehmen von Bildern im RAW-Format ist in erster Linie Besitzern von digitalen Spiegelreflexkameras aber auch digitalen Kompaktkameras der oberen Mittelklasse vorbehalten. RAW ist anders als bei vielen Formaten in der Fotografie keine Abkürzung, sondern schlicht das englische Wort für roh. Im Unterschied zum herkömmlichen JPEG-Format enthalten RAW-Fotos ein Vielfaches an Farbinformation. Das kann vom Vierfachen bis zum 64-Fachen reichen und bei der Nachbearbeitung für regelrechte “Fotowunder” sorgen.

Zunächst eine kurze Erklärung der Unterschiede zwischen JPEG und RAW: Bei einer JPEG-Aufnahme laufen vom Moment des Auslösens bis zum Speichern der Datei in der Digitalkamera eine Vielzahl an Vorgängen ab. Das Licht trifft gebündelt durch die Linsen des Objektivs auf den so genannten Bildsensor. Die licht- und farbempfindlichen Pixel auf dem Sensor wandeln das Licht in ein digitales Signal um. Der Bildprozessor einer Kamera erstellt daraus ein Foto, das unter Berücksichtigung verschiedener Parameter bearbeitet und gespeichert wird. Je nach Voreinstellung auf der Kamera erhält die JPEG-Datei einen bestimmten Wert für Weißabgeich, Kontrast, Farbsättigung, Scharfzeichnung, etc.

Am Ende wird die Datei, die zu diesem Zeitpunkt ein Vielfaches an Speicherplatz im Vergleich zum Endprodukt einnehmen würde, komprimiert und auf dem Speicherchip der Kamera abgelegt. Die Farbinformationen werden stark verdichtet und reduziert und es entsteht je nach Voreinstellung eine Datei, die zwischen einem und fünf bis acht Megabyte groß ist. Das Bild, das man erhält, ist fertig und kann so, wie es ist, per E-Mail verschickt, ausgedruckt oder ins Web gestellt werden. Eine Nachbearbeitung der Farbinformationen ist möglich, dabei werden jedoch nur die zuvor vom Bildprozessor der Kamera ins Foto “eingeschweißten” Parameter verstärkt oder abgeschwächt.

In einem Foto im RAW-Format stecken genau diese Farbinformationen, die der Bildprozessor beim Verarbeiten der digitalen Signale des Sensors “unterschlägt”. Es ist ungefähr so, als würde man das Rohprodukt aus dem Fertigungsprozess nehmen, bevor der Prozessor es zurechtschnitzt und nahezu unveränderbar macht, was zur Folge hat, dass ein RAW-Foto bei einer Acht-Megapixel-Kamera in etwa zehn Megabyte groß ist. Bei den großen Spiegelreflexkameras der Profi-Fotografen kann eine Datei bis zu dreißig Megabyte groß sein. In der Nachbearbeitung ergeben sich dadurch Tausende Möglichkeiten, das Foto zu verändern.

Das Bild oben zeigt die Montage einer Doppelaufnahme der Pariser Champs Elysée, bei der eine digitale Spiegelreflexkamera bei einem Auslösevorgang eine JPEG- und eine RAW-Datei angefertigt hat. Links das JPEG mit dem typisch “weißen” Himmel, wie er entsteht, wenn man eine Foto von einem Motiv mit extrem hellen und extrem dunklen Bereichen schießt. Die Konturen der Schäfchenwolken sind durch den Verarbeitungsprozess der Kamera verloren, das Blau im Himmel unwiederbringbar weg. Was geschah im Inneren der Kamera? Der Prozessor errechnete für das Bild einen Mittelwert und brachte die Häuser links und rechts und den Himmel oben in der Mitte auf gleichen Wert. Die Kontrastwerte für die ultrahellen Bereiche des Bildes fielen den Häusern und der Straße zum Opfer – und das ist schade. Mit einem Bearbeitungsprogramm könnte man nun zwar einen Himmel hineinmontieren, die echten Farbinformationen sind im JPEG-Bild aber für immer verloren.

Der rechte Teil der Montage zeigt die bearbeitete RAW-Aufnahme, wo der Prozessor nicht “hineinpfuschen” konnte und alle Farbinformationen für die hellen sowie die dunklen Bereiche noch vorhanden sind. Die Wolken, das Himmel-Blau, selbst die Reflexionen des Himmels in den kleinen Pfützen am Straßenpflaster konnten durch die Veränderung von Kontrast- und Farbwerten, die beim JPEG-Foto vom Prozessor “falsch” in die Datei hineingerechnet wurden, wieder zum Leben erweckt werden. Spätestens jetzt ist klar, was beim Fotografieren im RAW-Format geschieht: Der Fotograf selbst spielt “Bildprozessor”. Der Haken an der Sache: Der Mensch und vor allem sein Computer sind bei weitem nicht so schnell wie Sensor und Bildprozessor einer Digitalkamera. Das Resultat schlägt die Maschine aber um Längen!

Der typische “RAW-Workflow”
Der Weg vom RAW-Bild zum Ausdruck, Web-Album oder Foto-E-Mail ist nicht ganz so einfach wie bei der fixfertigen JPEG-Aufnahme. Denn was der Bildprozessor in der Kamera in Sekundenbruchteilen erledigt, dauert am PC wesentlich länger. Hier der typische Arbeitsvorgang (“Workflow”): Die RAW-Fotos von der Kamera müssen im Gegensatz zu JPEGs, die man prinzipiell direkt von der Speicherkarte zur Ausarbeitung geben oder per Direktverbindung an einen Home-Office-Drucker schicken könnte, auf jeden Fall auf den Computer. Schon für das bloße Importieren und Betrachten der Fotos ist Software nötig, da etwa Windows keine RAW-Dateien, deren Formate noch dazu von Kamerahersteller zu Kamerahersteller verschieden sind, im Explorer oder in Voransichten darstellen kann.

Prinzipiell kann das Importieren und Betrachten mit der mitgelieferten Kamera-Software erledigt werden. Die Programme bieten jedoch in der Regel keine Funktionen zur weiteren Bearbeitung, weshalb weitere Software (mehr dazu siehe weiter unten) notwendig ist. Bis der Fotograf ein fertiges Bild in einem üblichen und handlichen Format (in der Regel ist es dann wieder JPEG) auf seiner Festplatte hat, sind somit eine Reihe von Arbeitsvorgängen notwendig. Der wichtigste ist das Bearbeiten des Fotos in einem dafür geeigneten Programm. Sind alle Parameter editiert, muss das Produkt noch in ein handlicheres Format wie JPEG oder bei großen Ausdrucken auch TIFF umgewandelt werden.

All diese Vorgänge sind denkbar zeit- und ressourcenintensiv, weshalb RAW noch vor ein, zwei Jahren für Amateure absolut uninteressant war. Da heutzutage schon fast jeder einen schnellen Computer (Anforderungen: mindestens Pentium-4-Prozessor, besser Dual Core, mindestens ein Gigabyte Arbeitsspeicher, große Festplatte, mindestens 64 Megabyte Grafikspeicher) besitzt und in den letzten Monaten neben sensationellen und günstigen Kaufprodukten auch Gratissoftware für den RAW-Workflow erschienen ist, wird die letzte große Barriere zwischen Amateuren und Profis überwindbarer.

Neue RAW-Software für Anfänger und Fortgeschrittene
Der Klassiker für die Bearbeitung von RAW-Fotos ist Adobes Photoshop. Die Profisoftware ist allerdings teuer und mit einem Preis von knapp eintausend Euro aufwärts für kaum jemanden interessant, der mit seinen Fotos kein Geld verdient bzw. die Fotografie oder Grafik- und Bildbearbeitung nicht professionell betreibt. Noch dazu ist das Programm ohne Vorkenntnisse oder Schulungskurse bzw. Selbststudium im Internet kaum zu Bedienen.

Anfang 2007 sind mit den Programmen Apple Aperture (im Bild oben wurde es beim Bearbeiten des Champs-Elysée-Fotos verwendet) und Adobe Lightroom zwei bahnbrechende Softwareprodukte auf den Markt gekommen, die erstmals auch für Amateure leistbar sind (Lightroom kostet je nach Anbieter ab 180,- Euro, Aperture gibt’s nur für den Mac und kostet je nach Anbieter ab 266,- Euro). Für deren Anwendung kommt man mit Grundkenntnissen der Bildbearbeitung, die man sich bereits durch ein kurzes Studium von Wikipedia oder des mitglieferten Software-Handbuches aneignen kann, schon sehr, sehr weit.

Das Großartige an beiden Programmen – sie sind sich übrigens von Aufbau und Bedienung her sehr ähnlich – ist, dass sie den kompletten Workflow in jeweils einer Applikation vereinen. Man importiert, bearbeitet, archiviert und exportiert RAW-Fotos mit ein und dem selben Programm, was bisher beim Arbeiten mit den rohen Bildern nicht oder höchstens mit Industrie-Software für etliche Tausender möglich war.

Fotos können bereits beim Einspielen separat oder alle zusammen benannt, nummeriert, mit Schlagwörtern getagged, nach eigenen Kriterien katalogisiert und in eigene Alben oder zu größeren Projekten hinzugefügt werden. Was am PC vorher Stunden gedauert hat, wird mit Aperture oder Lightroom in Minuten erledigt. Auch das bt per Tastaturshortcut Wertungen für einzelne Bilder. Per Knopfdruck sortiert sich dann der komplette Stapel nach Wertungen und man hat die besten Fotos stets parat. Aperture geht hier sogar noch weiter und unterstützt etwa für Laptop-Benutzer externe Festplatten und die Auslagerung von RAW-Originalen. Auf Wunsch bleibt ein kleines, nicht zu bearbeitendes JPEG zur Voransicht immer in der Bibliothek auf der Primärfestplatte. Man hat damit seine komplette Fotobibliothek immer und zumindest zum Herzeigen mit dabei, wo sonst die Originale ein paar Dutzend Gigabyte Speicherplatz beanspruchen würden.

Das Bearbeiten der Bilder funktioniert in Aperture und Lightroom im Gegensatz zu Programmen wie Photoshop, das ja nicht nur für die Bearbeitung von Farbinformationen sondern auch für Montagen, Grafiken, Webdesign und Bildanimationen benutzt werden kann und schon allein ob dieser vielen Funktionen nach mehr Kenntnissen verlangt, intuitiv und schnell. Nach dem Prinzip Learning-by-doing kann selbst der blutige Anfänger auf spielerische Weise mehr aus seinen Fotos herausholen. Man muss für diese Programme nicht unbedingt in allen Details wissen, was das Verändern einer Gradationskurve, das Reduzieren von Glanzlichtern oder das Aufhellen von Schatten und erhöhte Mittenkontraste für Auswirkungen auf das Bild haben könnten. Man sieht den Effekt am Bildschirm sofort und merkt sich schnell, ob es sinnvoll war, den Schieberegler weiter nach rechts zu schieben. Noch dazu ist es jederzeit möglich, einzelne oder mehrere Bearbeitungsschritte zu widerrufen. Die Modifikationen am Bild werden nicht im RAW-Original gespeichert sondern in einer Side-Datei, weshalb man das Original jederzeit wiederherstellen kann. Adobe und Apple helfen beim Erlangen von Grundkenntnissen und beim Verständnis von Fotobegriffen auch tatkräftig mit. Im Handbuch von Lightroom gibt es ein ganzes Kapitel über “Erste Schritte”. Aperture kommt sogar mit Demo-DVD, nach deren Genuss jedem ambitionierten Hobbyfotografen die Eckpfeiler klar sein sollten.

Wer die Gratislösung bevorzugt, fährt derzeit mit Googles Picasa am besten. Das Programm ist zwar in erster Linie Archivierungssoftware, lässt für den RAW-Workflow aber in Sachen Import, Archivierung und Export keine Wünsche übrig. Lediglich beim Bearbeiten muss man sich mit weit weniger als bei Aperture oder Lightroom zufrieden geben. Dafür ist die Google-Software nicht ganz so speicherhungrig wie die beiden Profiprogramme, die man auf Rechnern unter einem Gigabyte Arbeitsspeicher erst gar nicht zu installieren braucht.

In der Infobox gibt’s mehr Informationen zu Aperture, Lightroom und Picasa, sowie Demovideos, Screenshots und 30-Tage-Testversionen bzw. den vollen Picasa-Download. Die Seiten bzw. Programme sind alle auf Deutsch abrufbar.

Wo kann/soll ich RAW (sinnvollerweise) einsetzen?
Der Profi-Fotograf wird sagen: “Überall!” Man hat aber nicht immer Lust, nach ein paar Schnappschüssen etliche Stunden vorm PC zu hocken. Heruntergebrochen auf den Amateur- und Semiprofi-Bereich bietet sich RAW überall dort an, wo Zeit ist. Ein Spaziergang durch die Landschaft, ein besonders beeindruckendes Landschafts- oder Architektur-Motiv im Urlaub, ein Porträtfoto der Kinder für Omis Achtziger usw. RAWs können mit JPEGs zusammen auf einer Speicherkarte abgelegt werden, was dem Fotografen natürlich jederzeit die Freiheit gibt, das eine oder andere Bild in RAW zu schießen und bei Business-as-usual weitherin auf JPEG zu setzen.

RAW ist aber auch in Situationen sinnvoll, in denen man auf Nummer sicher gehen will. Weil der Bildprozessor keine Informationen “stiehlt”, zählen beim Fotografieren mit RAW eigentlich nur die Einstellungen Blende, Verschlusszeit und ISO-Wert. Alles andere vom Weißabgleich, der vor allem bei Indoor-Aufnahmen unter künstlichem Licht ganze Fotoserien verhunzen kann, über Farbsättigung bis zu den Kontrasten wird alles erst am PC im Bearbeitungsprogramm fixiert.

Generell hat RAW den Vorteil, dass man beim Fotografieren doppelt kreativ sein darf. Und zwar zum Zeitpunkt der Aufnahme und Stunden, Tage oder Wochen später noch einmal beim Bearbeiten und Veredeln der Fotos. Wenn einem die eigene Kamera die Möglichkeit bietet, sollte man sie zumindest ausprobieren.

Christoph Andert

 

Mit diesem sechsten Teil ist unsere Krone.at-Fotoserie mit den Schwerpunkten Software und Tipps & Tricks nun vorüber. Wir danken für das rege Interesse, für die vielen Rückmeldungen und das Lob und die Anregungen. 

                                        
- Sebastian Räuchle & Christoph Andert

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