12.10.2017 14:25 |

Missbrauchte Kinder

Jährlich 600 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs

Schockierende Zahlen: In Österreich werden jedes Jahr an die 600 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs von Unmündigen eingebracht. Die Dunkelziffer liege erfahrungsgemäß aber noch viel höher.

Das sagte Katharina Schuchter, Präsidentin der Plattform für interdisziplinäre Kinder- und Jugendgynäkologie Österreich, auf einer Fachtagung. In einer Schulklasse von 25 bis 30 Kindern sei zumindest ein Kind von sexuellem Missbrauch betroffen, so Irene Kautsch, Leiterin des Kinderschutzzentrums "die möwe". Sie riet Eltern und Lehrpersonen, auf das "innere Bauchgefühl" zu achten, nachzufragen und sich Unterstützung von Beratungszentren zu holen. Besteht der Verdacht eines sexuellen Missbrauchs, kommt ein Apparat ins Rollen, bei dem unter anderem Ärzte, Sozialarbeiter und die Justiz beteiligt sind.

Retraumatisierungen vermeiden
Anhand eines anonymisierten Fallbeispiels erläuterte Kautsch mit ihren Kollegen, wie komplex derartige Verfahren sein können: Wegweisung des Vaters, Einzug der Mutter mit Tochter ins Frauenhaus, Meldung bei der Kinder- und Jugendhilfe, Anzeigenberatung, forensische Untersuchung des Kindes durch eine Gynäkologin, kontradiktorische Vernehmung des Opfers, damit es bei der Hauptverhandlung nicht mehr dabei sein muss, Verhandlung und Verurteilung. "Die vielen Beteiligten sind im positiven Fall ein Netz, das hält", so Kautsch. Ziel sei es, das betroffene Kind immer im Mittelpunkt zu sehen und Retraumatisierungen zu vermeiden. Doch nicht immer verlaufe der monatelange Prozess so reibungslos, vor allem, wenn die Verdachtslage nicht eindeutig sei.

Jeder Arzt müsse wissen, was im Verdachtsfall zu tun ist. Fatal sei die Schlussforderung: "Kein auffälliger Befund, also war da nichts", kritisierte Bernd Herrmann, Kinderarzt und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin. In Deutschland gäbe es darum das Zertifikat "Kinderschutzmedizin", das nach ausreichender Erfahrung und Ausbildung verliehen werde. In Österreich ist dieser Nachweis noch kein Thema.

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