22.11.2006 16:17 |

Wunderkästchen

Sonys Location Free im Test

Als ich zum ersten Mal von Sonys Location Free hörte, kam mir sofort (und garantiert unfreiwillig!) ein Song der Zillertaler Schürzenjäger in den Sinn. Vor langer Zeit fachsimpelten die bärtigen Gesellen aus Tirol über eine technische Gerätschaft, deren Bestimmung ihnen nicht und nicht klar werden wollte. Am Ende war’s ein Jodelautomat mit blauen Augen – für die ebenfalls in ihrer Jugend vom ORF-Wurlitzer Penetrierten. Jodeln kann Location Free nicht, aber am Ende wurde auch uns klar, wozu es da ist: Um Bild und Ton vom Fernseher zuhause via WLAN oder übers Internet an eine Playstation Portable oder einen Computer zu schicken und ihn (den Fernseher) damit von jedem Ort der Welt aus auch noch steuern zu können! Alles klar?

Das Zauberwort zu Location Free heißt „Video streaming“. Die Basisstation, die aussieht wie ein ganz normaler Router, wird per AV-Cinch-Kabel (das dreiadrige mit Steckern in Weiß, Rot und Gelb) mit bis zu zwei Geräten verbunden. An die Basisstation können nicht nur der Fernseher, sondern auch DVD-Player, Videorekorder, SAT-Receiver oder Festplattenrekorder angeschlossen werden.

Damit man die Geräte mit der PSP auch fernbedienen kann, wird ein von Sony „IR Blaster“ genannter Stecker an die Basisstation angeschlossen. Der IR Blaster ist im Wesentlichen eine an ein Kabel montierte Infrarot-Diode, wie sie an jeder handelsüblichen Fernbedienung zu finden ist. Man platziert ihn über oder vor dem Gerät und steuert damit Fernseher und Co. wie mit einer ganz normalen Infrarot-Fernbedienung – mit dem Unterschied, dass man die Tasten eben virtuell auf der PSP drückt.

Los geht’s!
Ist der Fernseher erstmal mit der Basisstation verbunden, fehlt nur noch die PSP, die in diesem Fall direkt per WLAN verbunden wird. Auf der PSP muss zuvor die Firmware 2.80 oder höher installiert worden sein, damit unter „Netzwerk“ die Funktion „Location Free Player“ aufgerufen werden kann. Ein Assistent erscheint beim ersten Verbinden und führt einen durch die idiotensichere Prozedur, bei der eine verschlüsselte und zunächst direkte Verbindung zur Basisstation aufgebaut wird.

Ist das erledigt (dauert zirka fünf Minuten) startet der Location Free Player und das Bild vom eingeschalteten Fernseher erscheint sofort auf dem Display. Damit die PSP weiß, welches Gerät da angeschlossen ist, muss man jetzt nur noch die Datenbank für Fernbedienungen von der Sony-Homepage auf einen MemoryStick laden und diesen in die PSP schieben. Danach sucht man im Menüpunkt „Fernbedienung“ das angeschlossene Gerät und kann – sofern das Teil in der Datenbank vorhanden ist – mit einer virtuellen Fernbedienung auf sämtliche Funktionen zugreifen.

Positiver Eindruck bei Kompatibilität
Im Test war der erste Eindruck positiv, denn Location Free überraschte tatsächlich mit Kompatibilität. Für einen 12 Jahre alten Fernseher der Marke Philips ist eine virtuelle Fernbedienung vorhanden. Auch mit einem DVD-Player von Hofer (Marke GranPrix) kam das System zurecht. Der zwei Jahre junge Festplattenrekorder und der digitale Sat-Receiver (beide Philips) ließen sich in allen Funktionen bedienen. Sony-Geräte werden sowieso akzeptiert. Erst beim 20 Jahre alten Videorekorder von Grundig streikte das System. Sony bietet im Internet allerdings die Möglichkeit, entsprechenden Plugins für etwas ältere oder seltene Marken direkt mit der PSP herunterzuladen.

Bildqualität und die Sache mit der Übertragungsgeschwindigkeit
Das gestreamte Fernsehbild auf der PSP sieht durchschnittlich aus. Die Qualität entspricht in etwa einer Videokassette aus dem Verleih, der Ton gefühlsmäßig einem MP3-File mit 96 Kbit/s. Die Gesichter sind etwas verschwommen, die Farben nicht ganz so lebendig, aber alles in allem zufrieden stellend. Wählt man die höchste Übertragungsstufe, ist die Bildqualität zwar höherwertig, das Streaming funktioniert aber nur dann ruckelfrei, wenn man direkt vor der Basisstation sitzt, was allgemein nicht Sinn der Sache sein kann. Damit das Bild bei größerer Entfernung nicht ins Stocken gerät, muss man im PSP-Menü die automatische Erkennung der Übertragungsgeschwindigkeit bestimmen.

Das hat zur Folge, dass die Bildqualität abnimmt, je weiter man sich mit der PSP von der Basisstation entfernt. Es bildet sich ein „Kästcheneffekt“ bei schnellen Kameraschwenks und Überblendungen, der aber insgesamt im Bereich des Erträglichen liegt. Gut 30 Meter, ebenerdig und durch eine Hausmauer hindurch, reicht das Signal der Basisstation. Die virtuelle Fernbedienung funktioniert je nach Entfernung mit bis zu drei Sekunden Verzögerung, was jetzt nicht gerade zum Zapping einlädt, aber auch nicht großartig nervt.

Ungeahnte Möglichkeiten
Hat man die Einrichtungsprozedur erstmal erledigt, überkommt einen das Gefühl, man hätte ungeahnte Möglichkeiten, die Gerätschaften im Wohnzimmer von seinem digitalen Feldherrenhügel aus zu steuern. Durch die relativ hohe Reichweite des IR-Blasters konnte ich im Test meinen SAT-Receiver und den Festplattenrekorder gleichzeitig bedienen. Der Anschluss war sowieso kein Problem, da die meisten Geräte neben den SCART-Steckern ohnehin über zusätzliche AV-Ausgänge verfügen und Location Free damit in jedes bestehende Setup leicht zu integrieren ist.

Der Festplattenrekorder ließ sich anstandslos programmieren, Ein- und Ausschalten war bei beiden Geräten kein Problem. Für einen Gang zum Kühlschrank kann man sich das Fernsehbild auf der PSP nun „mitnehmen“ und etwaige Mitbewohner mit Umschalten von Geisterhand bei der Lieblingsserie zu stören, hat auch was. Richtig interessant – und vor allem mehr als nur Spielerei – wird’s aber erst, wenn man die Basisstation mit dem Internet verbindet und damit unterwegs auf die Geräte im Wohnzimmer zugreifen kann.

Kilometer weit weg – und dennoch vor Ort
Damit Location Free seine Trümpfe vollends ausspielen kann, muss die Basisstation mit dem Internet – konkret mit einem Router, der die Nutzung der Internetverbindung mit mehreren PCs ermöglicht – verbunden werden. Internetanschluss und Fernsehgeräte sollten sich deshalb nah beieinander befinden, wenn man nicht unbedingt zehn Meter Netzwerk- bzw. Cinch-Kabel durchs Haus ziehen will. Ist dies gegeben, wird die Basisstation mit dem Router, der so genanntes UPnP (Universal Plug and Play) unterstützen sollte, verbunden. UPnP ist seit ungefähr drei Jahren ein Standard bei Routern und sollte demnach von allen aktuell erhältlichen Modellen unterstützt werden.

Die Prozedur zum Einrichten des Internetzugriffs auf die Basisstation dauert etwas länger als beim direkten Zugriff, gleicht aber im Wesentlichen den Vorgängen, die man bei der Anbindung eines ganz normalen PCs erledigen muss. Über einen Assistenten wird die Basisstation konfiguriert und mit dem Internet verbunden. Ein abschließender Test bestätigt die Funktionsfähigkeit. Danach lässt man die Basisstation eingeschaltet und begibt sich außer Haus. Von jedem Ort der Welt aus, wo man seine PSP mit einem kabellosen Netzwerk verbinden kann, soll nun der Zugriff auf die Gerätschaften zuhause möglich sein. Ist man mit einem WLAN verbunden, wählt man das zutreffende Netz beim Start des Location Free Players und erhält nach wenigen Sekunden Zugriff auf die virtuelle Fernbedienung mit der man die Geräte zuhause einschalten und bedienen kann.

Und es funktioniert! Allerdings ist die Übertragungsqualität sehr stark vom Internetzugang zuhause abhängig. Entspricht die Upload-Geschwindigkeit nicht den optimalen Bedingungen oder es herrscht gerade viel Traffic im Netz, baut sich das Bild auf der PSP nur mühsam auf und die virtuelle Fernbedienung legt den Kriechgang ein. Im Test konnte ich den Festplattenrekorder zwar programmieren, der Spaß dauerte allerdings ein paar Minuten. Ein Fernsehbild samt Ton war immer vorhanden, maximale Übertragungsqualität jedoch unerreichbar. Das gewagte Versprechen, auf seine TV-Gerätschaften unabhängig vom Aufenthaltsort zugreifen zu können, hält Location Free aber ein.

Fazit: Zukunftsweisendes Tool für Spezialisten
Sony Location Free ist ein echtes „Wunderkästchen“ das dem Nutzer zum einen ein erhebliches Verständnis für Technik abverlangt, es zum anderen aber tatsächlich ermöglicht, „den Fernseher in die Hosentasche zu stecken“. Die Technologie funktioniert und macht zugleich Spaß, denn wer kann schon behaupten, dass er am Flughafen in X seinen Videorekorder, der zuhause in Ypsilon steht, programmieren kann? Die Möglichkeiten, die Location Free bietet, gehen sogar darüber hinaus, denn die Player-Software gibt es auch für den PC und dort kann sie nach demselben Prinzip, wie auf der PSP genutzt werden. Überwachungskameras könnten mit Location Free und einer PSP oder einem Notebook aus dem Urlaub angesteuert werden – im Prinzip kannst du deiner Nachbarin eine Videokamera ins Badezimmer schmugetanschluss nicht in der Nähe des Fernsehers hat, scheidet per se als Nutzer aus. Außerdem verursacht das andauernde Videostreaming große Datenaufkommen. Wer seinen Internetzugang – wie heute meist üblich - nach dem Fair-Use-Prinzip nutzt, dem steht in der Regel nur ein Gigabyte an Datenupload im Monat zur Verfügung. In der Bedienungsanleitung zu Location Free heißt es, dass ein Internetzugang mit einer Upload-Geschwindigkeit von mindestens 300 Kilobit pro Sekunde benötigt wird. Beispiel: Ein MPEG-Video mit 312 Kbit/s in einer Länge von 20 Minuten ist auf der PC-Festplatte knapp 60 Megabyte groß – man kann sich ausrechnen, wie schnell der Gigabyte Datenvolumen aufgebraucht ist.

Für Spezialisten und „Freaks“ kann Location Free jedoch die ultimative Innovation sein. Es ist und bleibt aber ein Nischenprodukt für dessen Nutzung entsprechendes Bedürfnis und eine gewisse Bereitschaft, sich mit den Kinderkrankheiten von Internetzugängen auseinanderzusetzen, vorhanden sein muss. Mit 349,- Euro für die Basisstation bewegt sich das Wunderkästchen jedenfalls im leistbaren Bereich. Aber Location Free ist erst der Anfang und eventuell nur ein kleiner Vorgeschmack auf die zahlreichen Ideen die uns erwarten werden, wenn Downloadvolumen und Verbindungsgeschwindigkeiten nur mehr eine untergeordnete Rolle spielen. Es gehört jedenfalls Mut und ein klares Bekenntnis zum Innovationsgedanken dazu, bei den Gegebenheiten im Jahre 2006 ein solches Produkt auf den Markt zu bringen. Respekt für den Versuch.

Christoph Andert

Donnerstag, 17. Juni 2021
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