08.11.2006 16:21 |

Handy-Flaggschiffe

Nokia N93 und N73 im Test

Nokias N-Serie steht seit dem ersten Modell für multimediale Alleskönner-Handys, die weniger mit schickem Design als mit immenser Leistung beeindrucken sollen. Krone.at hat die seit kurzem im Handel erhältlichen Top-Modelle N93 und N73 für einen Langzeittest zu Besuch gehabt und dabei (leider) auch so manche Überraschung erlebt.

Technisch sind die beiden N-Modelle auf dem neuesten Stand, der momentan käuflich erworben werden kann. Beide UMTS-Modelle basieren auf dem Symbian-Betriebssystem und sind neben zahlreichen Software-Applikationen (Office-Helferleins, MP3-Player, Browser, etc.) mit 3,2-Megapixel-Kameras ausgestattet. Die Optiken, eine 3-fach-Zoomoptik beim Videohandy N93, Fixbrennweite mit Digitalzoom beim N73, stammen aus der Qualitätsschmiede Carl Zeiss.

Das N73 bietet knapp 42 Megabyte internen Speicher, das N93 gut 50 Megabyte. Beide können mit bis zu einen Gigabyte großen miniSD-Speicherkarten nachgerüstet werden, was gerade beim Camcorder-Handy N93 Sinn macht. Letzteres glänzt außerdem mit einer WLAN-Funktion, die das Internetsurfen an HotSpots möglich macht.

Als erstes beeindruckt das N93 aber mit akrobatischen Verwandlungskunststücken: Das Displayteil des Handys lässt sich klappen, schrägstellen und drehen. Aber bereits hier tauchen im Test die ersten Macken auf. Für den Camcordermodus muss das Display zunächst um 90 Grad geschwenkt und dann heruntergeklappt werden. Das N93 reagiert im Test mit zerhacktem Bildschirm und streikt gleich einmal für eine halbe Minute. Erst als sich der Bildaufbau beruhigt hat, können wir unser Video aufzeichnen.

Nokias Versprechen, das N93 würde Videos in „DVD-ähnlicher Qualität“ produzieren, lässt sich dabei bestätigen. Insgesamt stehen fünf Aufnahmemodi zur Verfügung, von MMS-Qualität bis TV-Qualität mit beachtlichen 30 Frames pro Sekunde, dann allerdings auch mit erheblichen Dateigrößen, die ohne zusätzliche miniSD-Karte nur minutenlange Clips zulassen. Mit dem mitgelieferten AV-Cinch-Kabel können die Clips auch auf dem Fernseher anzeigt werden und machen dort eine gute Figur. Die Qualität ist der eines Camcorders durchaus ebenbürtig.

Für den Ton gilt das auch, allerdings ist der Motor des Carl-Zeiss-Objektivs derartig laut, dass bei schnelleren Zooms ein störendes Brummen aufgezeichnet wird. Auch wenn sich der Autofokus zwischen zwei Schärfeebenen entscheiden muss, treten diese Störgeräusche auf. Ein Austausch der Videos zwischen Handy und PC verläuft Dank Bluetooth-2.0-Unterstützung reibungslos und ultraschnell. Kleine Clips per E-Mail zu verschicken oder untereinander per Handy auszutauschen ist somit eine Frage von Sekunden. Wechselt man vom Camcordermodus in den Betrachtermodus (das Display wird noch einmal um 90 Grad geklappt), lassen sich die Clips und Fotos im Breitbildformat auf der ganzen Bildschirmfläche betrachten. Auch hier dauert der Bildaufbau im Test etwas länger.

Verrenken tut sich das N73 nicht, dafür versteckt sich seine 3,2-Megapixel-Kamera hinter einer intelligenten Schiebe-Abdeckung, die zum Aktivieren der Kamera einfach zur Seite bewegt wird. Der Autofokus der Kamera ist schnell und genau, die Bilder wirken in der Vorschau zwar immer etwas bläulich, so als würde der Weißabgleich voll daneben hauen, im Nachhinein sind sie aber einwandfrei. Während man beim N93 durch die Vielzahl an Tasten (es gibt ein zweites Navigationskreuz und etliche Funktionstasten über dem Display) relativ einfach Einstellungen verändern kann, ohne die „Fotografenhaltung“ aufgeben zu müssen, ist der fummelige und etwas schwer zu drangsalierende Joystick des N73 mehr Hindernis als Steuerungshilfe. Man rutscht regelrecht ab und speziell mit längeren Fingernägeln (sagt zumindest die weibliche Testerschaft) ist er schwer zu bewegen. Videos mit Stereoton beherrscht das N73 auch. Allerdings nicht in denselben Qualitätsabstufungen wie das N93, was angesichts des absolut identen CMOS-Bildsensors ein bisschen wie „Funktionsunterschlagung“ wirkt. Trotzdem haben die mit dem N73 aufgezeichneten Filme eine ganz ordentliche Qualität und können nach dem Transfer auf den PC, der hier Dank Bluetooth ebenfalls wunderbar schnell funktioniert, mit ein bisschen Softwarehilfe auch auf CD-Rom bzw. DVD gepackt werden.

Nachdem das N73 aber wie das N93 im Kameramodus merklich ins Stocken geriet und bei zwanzig Versuchen durchschnittlich zehn bis zwanzig Sekunden fürs Initialisieren der Kamera benötigte und dabei einmal komplett abstürzte, konfrontierten wir Nokia erstmals mit diesen Problemchen, die nun doch etwas gehäuft aufgetreten waren. Das wiederholte Stocken zeigte sich mittlerweile bei beiden Geräten auch im normalen Telefonierbetrieb: Menülisten blieben „hängen“, beim Blättern durchs Telefonbuch waren Verzögerungen zu bemerken und beim Beenden eines Telefonats blieb der Gesprächsbildschirm noch einige Sekunden aktiv und zählte munter weiter – beim N73 einmal ganze vier Minuten lang, was nur noch die Brachiallösung „Akku entfernen“ zuließ.

Unsere beiden Testhandys wanderten zum Check ins Nokia-Labor. Nach wenigen Tagen versicherte Nokia, das mit den beiden Modellen alles in Ordnung sei. Die von Krone.at bemängelten Fehler seien im Testlabor nicht aufgetreten – was uns dann doch etwas überraschte, da wir eher an Materialfehler oder eine „Überbeanspruchung“ durch andere Tester gedacht hatten. Die Service-Techniker von Nokia bestätigten aber, dass „diese Fehler mal auftreten und mal nicht“. Mit einem Software-Update schickte Nokia uns die Handys wieder zurück. Das betreffende Update sei für Nokia-Kunden selbstverständlich auch erhältlich, also nichts Außertourliches und in Kürze außerdem per Web abrufbar.

Und siehe da: Das Softwareupdate hatte den beiden Modellen merklich gut getan. Speziell beim N93 lief das hin- und herschwenken jetzt fast wie am Schnürchen, wenn man die Sache nicht zu hektisch anging. Es wirkt trotzdem so, als ob das Symbian-Betriebssystem noch nicht vollständig für die technischen Wunderkinder adaptiert wurde, obwohl unsere beiden Testmodelle bereits Serienprodukte waren, die in exakt dieser Form auch im Handel erhältlich sind. Nach den Softwareupdates glitt auch die Schiebeabdeckung der N73-Kamera ohne „zerhackten“ Bildschirm zur Seite. Die behäbigen Menülisten und die „Nachhallzeit“ beim Auflegen blieben aber bei beiden Modellen erhalten, wenn auch weniger auffallend.

Fazit: Mit Nokias N93 und N73 hat man zwei Handys vor sich, die außerordentlich viel können und daher wenige Dinge nicht beherrschen. Kann sein, das unsere beiden Testgeräte nicht exemplarisch für die Schönheitsfehler, die hauptsächlich zu Lasten des Symbian Betriebssystems gehen, herangezogen werden können – irgendwie hinterlassen die Behäbigkeiten und Kinderkrankheiten beim Initialisieren des Kameramodus und beim Beenden eines Gesprächs aber den Nachgeschmack, dass Nokia den Mund ein wenig zu voll genommen hat. Ein paar Animationen weniger, die Menüs ein wenig schlichter und vielleicht ein paar Blicke auf die Software mehr, und der Kunde erspart sich den langen Weg zum Update, das die gravierendern Probleme tatsächlich beheben konnte. Trotz der hohen Qualität, die man bisher von Nokia gewohnt war und ist, sind das N73 und das N93 nach diesem Test als herausragende Mobiltelefone zu bezeichnen, die aber einem trotzdem nicht gerecht werden: ihrem Preis. Das N93 – derzeit noch bei keinem Provider als Erstanmeldungsschnäppchen zu haben – kostet im günstigsten Fall 749,- Euro. Das N73 kostet ohne Vertrag 579,- Euro.

Christoph Andert

Freitag, 25. Juni 2021
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