Sieg wieder aberkannt

Riesenwirbel um KI-Fake bei Mikroskop-Wettbewerb

Ausland
11.10.2026 21:45
Porträt von krone.at
Von krone.at
Ein preisgekröntes Mikroskop-Video sorgt für einen handfesten Wissenschaftsstreit - und hat nun Konsequenzen für seinen Urheber. Nachdem Forscher Zweifel an der Echtheit der Aufnahmen geäußert hatten, hat der Kamerahersteller Nikon den Sieger eines renommierten Wettbewerbs disqualifiziert. Der Vorwurf wiegt schwer: Beim Erstellen des Videos soll künstliche Intelligenz (KI) auf eine Weise eingesetzt worden sein, die gegen die Wettbewerbsregeln verstößt.

Im Mittelpunkt steht Dr. Ning Xu, der zum Zeitpunkt seiner Teilnahme an der Tsinghua-Universität in China forschte. Er hatte mit einem kurzen Film über winzige, haarähnliche Strukturen in den Atemwegen eines Kindes den ersten Platz beim diesjährigen Wettbewerb „Nikon Small World in Motion“ gewonnen.

Erst gefeiert, dann unter Beschuss
Diese sogenannten Zilien bewegen sich normalerweise, um Schleim und Fremdstoffe aus den Atemwegen zu transportieren. Bei dem Kind lag eine seltene Erbkrankheit namens primäre ziliäre Dyskinesie (PCD) vor, die die Funktion der Atemwege beeinträchtigt.

Doch nach der Bekanntgabe des Siegers im September wurden rasch kritische Stimmen laut. Wissenschaftler bemängelten unter anderem die ungewöhnlichen Bewegungen der leuchtend grün eingefärbten Zilien und stellten deren dargestellte Größe infrage.

Das Siegervideo wurde aus dem Bewerb gestrichen, die Firma hat es aber dennoch nicht aus den sozialen Netzwerken gelöscht:

Tauchte hier plötzlich etwas aus dem Nichts auf?
Ein Doktorand aus Texas vermutete zudem, in einer Version des Videos ein digitales Wasserzeichen von Google erkannt zu haben, das auf Inhalte hinweisen kann, die mit Googles KI erstellt oder bearbeitet wurden. Auch die Fachkritik wurde deutlicher. Edward Phelps, außerordentlicher Professor an der Universität von Florida, erklärte, manche Strukturen würden scheinbar aus dem Nichts auftauchen und wieder verschwinden.

Robert Hirst von der Universität Leicester, der am dortigen Zentrum des britischen Gesundheitsdienstes NHS für die Diagnose von PCD mitarbeitet, sagte, er sei „nicht überrascht“ gewesen. Er habe sofort erkannt, dass das Video künstlich erzeugt worden sei. Seit 20 Jahren untersuche er die Bewegungsmuster, die Länge und die Form der Zilien sowie die Größe der Zellen. Die gezeigten Strukturen sähen „überhaupt nicht wie jene von PCD-Patienten“ aus.

Forscher verteidigte seinen KI-Einsatz
Xu hatte den Einsatz künstlicher Intelligenz eingeräumt, aber zunächst betont, dass diese weder das ursprüngliche experimentelle Video noch die Zilien oder deren Bewegungen erzeugt habe. Die KI sei nachträglich eingesetzt worden, um die ursprünglich schwarz-weißen Bilddaten farblich aufzubereiten und Strukturen mit ähnlichen Formen besser voneinander unterscheiden zu können.

Er argumentierte, dass zwischen der Verwendung von Bildern als wissenschaftlichem Beweis und der visuellen Aufbereitung zur Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse unterschieden werden müsse. Beides könne seinen Platz haben, sofern klar sei, worum es sich jeweils handle.

Die Wettbewerbsregeln verbieten allerdings Videos, die mithilfe generativer KI erzeugt wurden. Nikon prüfte deshalb die eingereichten Aufnahmen und die dazugehörigen technischen Unterlagen erneut und konsultierte Mitglieder der Jury.

Nach einer neuerlichen Bewertung kam der Hersteller zu dem Schluss, dass der Beitrag nicht den Regeln entsprach. Nikon erklärte, das Video habe „nicht den Wettbewerbsregeln hinsichtlich generativer KI entsprochen“. Der Forscher hatte nach Angaben des Unternehmens mit der Untersuchung kooperiert und detaillierte technische Unterlagen zu den verwendeten Mikroskopiegeräten, Aufnahmemethoden und Bearbeitungsschritten vorgelegt.

Sieg aberkannt – Regeln auf dem Prüfstand
Mit der Disqualifikation verlor Xu seine Auszeichnung. Nikon betonte zugleich, dass die Entscheidung kein Urteil über sein berufliches Ansehen oder seine wissenschaftlichen Leistungen sei.

Der Hersteller kündigte außerdem an, die Regeln und Verfahren des jährlich stattfindenden Wettbewerbs zu überprüfen. Die Herausforderung besteht darin, zulässige Bildbearbeitung von einem KI-Einsatz abzugrenzen, bei dem Inhalte entstehen, die im ursprünglichen Bildmaterial gar nicht vorhanden waren.

Für Forscher geht es um mehr als Geld
Der Wettbewerb zeichnet Bilder und Videos aus, die mithilfe leistungsstarker Mikroskope entstehen und dem bloßen Auge verborgene Strukturen zeigen. Das Preisgeld für den Sieger beträgt 3000 US-Dollar, umgerechnet rund 2600 Euro.

Für die Teilnehmer ist jedoch auch die öffentliche Aufmerksamkeit wichtig. Patrick Hickey, der beim Wettbewerb 2026 den fünften Platz belegt hatte, erklärte, die Anerkennung bedeute ihm mehr als das Preisgeld. Wer viel Zeit vor einem Mikroskop verbringe, freue sich darüber, die eigene Arbeit einem breiten Publikum zeigen zu können. Wissenschaft und Kunst gingen bei solchen Bildern oft ineinander über.

Sollte sich herausstellen, dass ein Beitrag durch unzulässige KI-Bearbeitung einen Vorteil erhalten hat, wäre das laut Hickey gegenüber den anderen Teilnehmern unfair.

Der zweite Platz wurde nun als Gewinner vorgereiht:

Kontroverse betrifft auch Patienten
Die Auseinandersetzung dreht sich inzwischen nicht mehr nur um einen Wettbewerb. Hirst zufolge hat die Kontroverse Patienten, Wissenschaftler, Ärzte und Selbsthilfeorganisationen für Menschen mit primärer ziliärer Dyskinesie auf der ganzen Welt betroffen.

Der Fall zeigt, wie schwierig die Abgrenzung zwischen erlaubter Bildbearbeitung und unerlaubter Erzeugung wissenschaftlicher Bildinhalte durch KI sein kann. Für Nikon steht damit auch die Glaubwürdigkeit eines Wettbewerbs auf dem Spiel, dessen Zweck es ist, reale, mikroskopisch kleine Strukturen sichtbar zu machen.

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