Psychisch erkrankt

Himmel und Hölle: Wenn Papa nicht mehr Papa ist

Burgenland
09.10.2026 19:00

Am Samstag ist Welttag für psychische Gesundheit. Der Film „Bester Papa, manchmal“ der Burgenländerin Julia Benczak zeigt, was eine psychische Erkrankung mit einer Familie macht. Und wie schwer es sein kann, Hilfe anzunehmen. Auf internationalen Filmfestivals erregt er bereits Aufmerksamkeit. Am Samstag, 18 Uhr, läuft er auch im Alten Kino in Mörbisch.

Es ist mitten in der Nacht. Die achtjährige Mira schläft bereits. Ihre Mutter Jenny räumt die Reste des Abendessens weg, als ihr Vater Jakob nach Hause kommt – bestens gelaunt, überdreht, geradezu euphorisch. Jenny ist alles andere als begeistert, denn Jakob hatte versprochen, mit der Kleinen zu spielen. Als sie ihn daran erinnert, stürmt er ins Kinderzimmer und weckt seine Tochter: „Komm, wir gehen jetzt Eis essen!“

Für Mira klingt das aufregend. Doch für Mutter Jenny ist es der nächste Tiefschlag. Als sie ihren Partner mit seinem Verhalten konfrontiert, reagiert er wütend, rennt aus der Wohnung, randaliert auf der Straße und verbringt die Nacht in einem Zustand völliger Verzweiflung. Am nächsten Morgen steht er reumütig vor der Tür und sucht Halt bei seiner Partnerin. Es ist ein zermürbender Kreislauf, denn längst ist nicht mehr nur Jakob betroffen. Seine bipolare Störung hat die gesamte Familie erfasst.

Die kleine Mira spürt genau, dass etwas nicht stimmt. Die wechselnde Stimmung ihres Papas ...
Die kleine Mira spürt genau, dass etwas nicht stimmt. Die wechselnde Stimmung ihres Papas überträgt sich auch auf sie.(Bild: Simon Selikovsky/Florian Kellner)
Ihrem Vater Jakob scheint nicht bewusst zu sein, wie sehr er sie damit belastet. Dabei wäre ...
Ihrem Vater Jakob scheint nicht bewusst zu sein, wie sehr er sie damit belastet. Dabei wäre alles leichter, wenn er sich professionelle Hilfe holen würde.(Bild: Simon Selikovsky/Florian Kellner)

Worte finden für das Unaussprechliche
Genau hier setzt der Kurzfilm „Bester Papa, manchmal“ der Filmemacherin Julia Benczak (40) aus Siegendorf an. Im Mittelpunkt steht Jakob, dessen Stimmung zwischen extremen Höhen und Tiefen schwankt. In manischen Phasen ist er überschwänglich und entgrenzt, in depressiven antriebslos, leer, fahrig, verzweifelt und hat Suizidgedanken. Für ihn und seine Partnerin ist das ständige Wechselbad der Gefühle ein täglicher Kampf. Für seine Tochter aber, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist dieser kaum zu ertragen.

Gerade das macht den Film so eindringlich: Kinder brauchen keine Diagnose, um zu spüren, dass mit einem Elternteil etwas nicht stimmt. Sie sind Seismografen für Spannungen, Rückzug und Konflikte. Manchmal versuchen sie sogar, Verantwortung für Probleme zu übernehmen, die eigentlich Erwachsene tragen müssten. „Warum vertragt ihr euch nur, wenn es dem Papa schlecht geht? Und: Wenn es dir so schlecht geht, Papa, dann geh’ doch endlich in ein Krankenhaus!“, fordert Mira und findet damit klare Worte für eine Situation, in der ihre Eltern den Überblick verloren haben.

Filmemacherin Julia Benczak
Filmemacherin Julia Benczak(Bild: Karin Amcher)
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Manchmal verändert sich ein Mensch, den man liebt, ohne, dass man versteht, warum. Gestern war er fröhlich und aufmerksam. Heute ist er kaum noch erreichbar.

Filmemacherin Julia Benczak 

Persönlicher Hintergrund
„Der Film gewährt einen Blick durch das Schlüsselloch – in einen dysfunktionalen Familienalltag, von dem Außenstehende oft keine Ahnung haben“, sagt Julia Benczak, die seit 17 Jahren in einer Beziehung lebt und Mutter einer neunjährigen Tochter ist. Seit 20 Jahren arbeitet sie in der Filmbranche. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie als Teil des Ausstattungsteams bei der Fernsehserie „Winzerkönig“. Später studierte sie audiovisuelles Mediendesign in Graz, besuchte die New York Film Academy und die Schule Friedl Kubelka für unabhängigen Film in Wien und produzierte Imagefilme sowie Videoclips. „Bester Papa, manchmal“ ist ihr erster Kurzfilm in Spielfilmlänge.

„Das Drehbuch schrieb ich mit der Psychologin Andria Brandstätter. Meine Tante hat Schizophrenie und ich bekam nach einer Phase massiver Überarbeitung Panikattacken. Außerdem haben Andria und ich in unserem Umfeld erlebt, wie verbreitet Burn-out, Erschöpfungsdepressionen und Angststörungen sind“, erzählt Benczak. Vor psychische Erkrankungen sei niemand gefeit. Sie könnten uns in manchen Phasen des Lebens tief prägen. Doch sie seien niemals das, was einen Menschen in seiner Gesamtheit ausmacht. Auch Jakob sei so viel mehr als seine Erkrankung: „Er ist Vater, Partner, Freund und Mensch mit Stärken, Verletzlichkeiten und Sehnsüchten. Trotz Rückschlägen ist er eine liebenswürdige Seele, die es verdient, als ganzer Mensch gesehen und angenommen zu werden.“

Erst himmelhochjauchzend ...
Erst himmelhochjauchzend ...(Bild: Simon Selikovsky/Florian Kellner)
... und dann zu Tode betrübt.
... und dann zu Tode betrübt.(Bild: Simon Selikovsky/Florian Kellner)

Was Betroffene, aber auch Angehörige lernen sollten
Im Film zeigt Benczak aber auch das Kreuz, das Jakobs Partnerin Jenny auf sich nimmt, als sie versucht, zumindest eine gewisse Normalität im aus den Fugen geratenen Alltag aufrechtzuerhalten und Jakob zu einer Psychotherapie zu bewegen. Eine Erfahrung, die viele Frauen in Beziehungen mit Dysbalancen machen.

Doch als ihm jede Krankheitseinsicht fehlt, weil er auch Hochphasen erlebt und es deshalb nicht für nötig empfindet, professionelle Hilfe in Anspruch nehmen will, muss sie erkennen: Liebe bedeutet nicht, alles alleine auffangen zu müssen. Auch Angehörige dürfen, ja müssen sogar aus Selbstschutz Grenzen setzen, um nicht unterzugehen – auch dann, wenn Betroffene diese als Zurückweisung missverstehen.

„Was kann ich tun?“, „Darf ich überhaupt darüber sprechen?“ und „Bin ich ein schlechter Mensch, ...
„Was kann ich tun?“, „Darf ich überhaupt darüber sprechen?“ und „Bin ich ein schlechter Mensch, wenn mir das alles zu viel wird?“ – diese Fragen stellt sich nicht nur Jenny. Vielen Angehörigen von psychischen Erkrankten, die keine Therapie machen wollen, geht es so.(Bild: Simon Selikovsky/Florian Kellner)

„Egal, ob man selbst erkrankt ist oder Angehöriger eines Betroffenen: Ich wünsche mir, dass wir alle den Mut haben, früher hinzusehen und darüber zu sprechen. Man muss nicht warten, bis alles zusammenbricht. Manchmal beginnt Veränderung schon mit einem einzigen Satz: ,Mir geht es gerade nicht gut – ich glaube, ich brauche Hilfe.’ Das gilt für Betroffene ebenso wie für Angehörige“, so Benczak. 

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