Ausbruch in Sibirien?

Was es mit den Spekulationen zur Pest auf sich hat

Ausland
08.10.2026 12:19
Porträt von krone.at
Von krone.at

Nach dem Tod einer Mitarbeiterin eines Pest-Forschungszentrums in Sibirien sind derzeit zahlreiche Spekulationen im Umlauf. So heißt es etwa,  dass die Wissenschaftlerin an einer Biowaffe gearbeitet habe, oder die russischen Behörden weitere Tote verschweigen würden. Was hat es damit auf sich?

Wie berichtet, ist am vergangenen Freitag eine 28-jährige Wissenschaftlerin gestorben, die am Institut zur Bekämpfung von Pestkrankheiten in Irkutsk gearbeitet hatte. Laut offiziellen russischen Angaben war die Todesursache eine „Lungenentzündung unbekannter Herkunft“. Vermutet wird aber, dass sie sich mit dem Erreger der Lungenpest infiziert haben könnte, womöglich bei einem Laborunfall. Die zuständige Behörde dementierte das. 

Zwar gilt das russische System der Seuchenbekämpfung als schnell, strikt und wirkungsvoll, doch in der Vergangenheit haben russische oder sowjetische Behörden oft Katastrophen geleugnet oder heruntergespielt. Beispiele sind die Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 und der Untergang des Atom-U-Boots „Kurs“ im Jahr 2000. Daher ist das Vertrauen in offizielle Mitteilungen gering.

Die Karte zeigt die Lage von Schelechow in Russland nahe der Grenze zur Mongolei. In Schelechow gab es einen Pest-Verdachtsfall in einem Labor. Die Karte hebt außerdem die Städte Nowosibirsk und Wladiwostok hervor. Quelle: APA.

Sorge vor Pandemie
Dieses fehlende Vertrauen trifft auf die historische Symbolkraft der Pest und die Sorge vor einer möglichen Pandemie mit einem eigens gezüchteten tödlichen Erreger. Die Pest suchte Europa jahrhundertelang heim, der Seuchenzug im 14. Jahrhundert mit vielen Millionen Todesopfern ist als „Schwarzer Tod“ bekannt. Seither haben sich aber die Lebensbedingungen geändert. Zudem ist die Pest inzwischen mit Antibiotika behandelbar. Für gute Heilungschancen muss die Erkrankung, die durch Husten oder Niesen übertragen wird, möglichst bei ersten Symptomen behandelt werden.

Eine Gefahr stellen multiresistente Formen dar, bei denen gängige Mittel nicht mehr wirken – in der Sowjetunion sollen der US-Behörde CDC zufolge in den 1970er- und 1980er-Jahren solche Varianten geschaffen worden sein. Zu den vielen aktuell kursierenden unbelegten Spekulationen zählt, dass am Institut in Irkutsk womöglich mit solchen Stämmen des Pesterregers gearbeitet werde. „Diagnostik, Impfstoffentwicklung und die Überwachung von Antibiotika-Resistenzen erfordern Labore, in denen der lebende Erreger aufbewahrt und untersucht wird“, sagte Zania Stamataki von der University of Birmingham.

Pest als potenzielle Biowaffe?
Laut CDC wurde in der Sowjetunion im Kalten Krieges zwischen Ost- und Westblock tatsächlich am Pesterreger als Biowaffe geforscht. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 wurde das Programm nach offiziellen Angaben Russlands eingestellt. Er sehe derzeit keine belastbare Grundlage für die Annahme, dass der Vorfall mit der Entwicklung biologischer Kampfstoffe zusammenhänge, sagt Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der deutschen Bundeswehr. „Dafür bräuchte man sehr viel weitergehende mikrobiologische, epidemiologische und forensische Befunde.“ Auch US-Präsident Donald Trump hält das für unwahrscheinlich. „Nun, das glauben wir nicht“, meinte er.

Zitat Icon

Die Mensch-zu-Mensch-Übertragung von Pest erfordert in der Regel engen Kontakt. Die Lungenpest ist nicht mit anderen Atemwegserkrankungen vergleichbar.

Roman Wölfel, Leiter des Instituts für Mikrobiologie der deutschen Bundeswehr

Kein Fall in Österreich
In Sibirien kursiert der Erreger in verschiedenen Nagetieren sowie deren Flöhen. Die Pest kommt laut dem Robert-Koch-Institut noch in Ländern Afrikas, Amerikas und Asiens vor. Laut der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) gab es seit 1945 hierzulande keinen einzigen Fall. Eine ähnliche weltweite Ausbreitung wie bei Covid-19 ist laut Fachleuten nicht zu befürchten. Die Übertragung erfordere engen Kontakt, sagte Wölfel. Zudem lasse sich die Erkrankung durch Isolations- und Quarantänemaßnahmen gut eindämmen.

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