Ein Mietvertrag ohne Bedarf, Sponsoring statt Lizenzgebühren für Bäckereien und versickerte Millionen im Landeshaushalt: Der jüngste Prüfbericht zur „Marke Vorarlberg“ deckt ein organisatorisches Chaos auf. Rechnungshof-Direktorin Brigitte Eggler-Bargehr findet deutliche Worte und plädiert dafür, die „Marke Vorarlberg“ einzustampfen.
Eine vernichtende Bilanz in Sachen „Marke Vorarlberg“ zog die Direktorin des Vorarlberger Rechnungshofs, Brigitte Eggler-Bargehr, bei der Präsentation ihres jüngsten Prüfberichts am Donnerstag. Bereits über 18 Millionen Euro hat das Land verpulvert, knapp sieben weitere Millionen stehen für 2026 im Budget – ohne dass die Marke in der Bevölkerung nennenswert Fuß fassen konnte. Die Empfehlung der Prüfer fällt daher unmissverständlich aus: Das Projekt sollte unverzüglich eingestellt werden!
Startprobleme und eine schwammige Vision
Im Rahmen einer früheren Prüfung im Jahr 2022 hatte der Landesrechnungshof bereits bei der Gründung im Jahr 2017 „wesentliche vergaberechtliche Mängel“ geortet. Damals war eine teure internationale Agentur für die Entwicklung der Marketingstrategie engagiert worden.
Doch die echten Probleme begannen im Betrieb, denn das Fundament der Marke stützt sich auf eine recht blumige Vision: Bis zum Jahr 2035 soll Vorarlberg der chancenreichste Lebensraum für Kinder werden. Eine Idee, gegen die zwar niemand sein kann, die sich jedoch als viel zu schwammig und ungreifbar für die Praxis erwies.
Der Prüfbericht zeichnet ein verheerendes Bild. Sehr viel Geld wurde in Projekte mit fraglichem Nutzen investiert.
Eva Hammerer, Grüne
Organisatorisches Chaos, fehlende Zuständigkeit
Da es in den ersten Jahren gewaltig haperte, wurde die Umsetzung der Markenführung der Wirtschaftsstandort Gesellschaft (Wisto) übertragen. Als externe Beteiligung fehlte deren Mitarbeitern jedoch die Durchsetzungskraft gegenüber den Abteilungen der Landesverwaltung. „So gelang es beispielsweise auch nicht, wie man es ursprünglich vorhatte, andere Landesinitiativen, zum Beispiel den Familienpass, mit in die Marke aufzunehmen. Das hätte Stärke gebracht, ist aber nicht gelungen“, verdeutlichte Eggler-Bargehr.
Auch die im Jahr 2024 vollzogene Neuausrichtung brachte keine Besserung. Zwar wanderte die Projektbetreuung nun ins Amt der Landesregierung, während die Wisto für die Kommunikation zuständig blieb – für das Gesamte fühlte sich jedoch am Ende gar niemand mehr verantwortlich!
Der Bericht bestätigt die Kritik der SPÖ am Umgang mit Geld aus den Heimfallsrechten, das per Landtagsbeschluss eigentlich Kindern zugutekommen sollte.
Reinhold Einwallner, SPÖ
Kümmerliche Bekanntheit und kuriose Bäckerei-Deals
Der Landesrechnungshof ging in der Prüfung der Frage nach, wie stark die Marke neun Jahre nach Entstehung tatsächlich ist. „Und das Bild, das sich uns ergeben hat, war das Bild einer schwachen Marke“, berichtete die Rechnungshofchefin. Zwar gaben 2025 noch 36 Prozent der Befragten an, die Marke zu kennen. Aber nur zehn Prozent wussten überhaupt, wofür diese steht. Die dazugehörige Website glich einem bunten Sammelsurium aus Rezepten, Podcasts und Events, eine klare Linie fehlte.
Auch der Versuch, über Lizenzvergaben Geld einzunehmen, schlug fehl. Die Attraktivität der Marke war schlicht unzureichend. Absurd mutet dabei eine Kooperation mit einer Vorarlberger Bäckerei an: Anstatt dass das Unternehmen Lizenzgebühren an das Land überwies, zahlte die Wisto der Bäckerei sogar noch Sponsoringbeiträge.
Absurd ist auch das „forum Vorarlberg“. Man baut einen Raum, ohne zu wissen, wofür. Ohne Bedarfsanalyse, ohne Risikoanalyse!
Claudia Gamon, NEOS
Ein besonderes Exempel dafür, wie schnell die Mitglieder der Landesregierung beim Verpulvern von Steuergeldern sind, ist der sogenannte „Markenerlebnisraum“ am Campus V in Dornbirn, der erst im Mai 2026 als „Forum Vorarlberg“ eröffnet wurde. Hier gingen Wallner & Co. eine Bindung über zehn Jahre ein – mit bis zu 500.000 Euro Miet- und Betriebskostenzuschuss pro Jahr. „Zum Zeitpunkt der Anmietung lag keine strukturierte Bedarfs- und Risikoanalyse vor. Das heißt, man hat damals nicht gewusst, ob der Raum tatsächlich gebraucht wird. Eine Befragung zur Raumnutzung erfolgte erst nach dem Regierungsbeschluss und die ergab, dass potenzielle Nutzer keinen Bedarf für diesen Raum sahen“, kritisierte Eggler-Bargehr.
Improvisierte Projekte und versickerte Millionen
Die Abwicklung verschiedener „Chancenprojekte“ im Rahmen des Markenprozesses bescheinigt den Beteiligten immerhin einiges an Fantasie. Wie sonst ließen sich alle Ausgaben unter einen Hut bringen? Das Geld hierfür floss ab 2024 kräftig, zumal damals die Illwerke-VKW die Heimfallsrechte abgelöst haben. Sieben Millionen Euro durften jährlich ausgeben werden – und so versuchte man mit teilweise abenteuerlichen Herleitungen, diverse Töpfe unter das Dach des „chancenreichsten Lebensraums für Kinder“ zu quetschen. Der größte Brocken mit drei Millionen Euro floss in den allgemeinen Bodenfonds, eine weitere Million ging direkt in die reguläre Wohnbauförderung, weil andernorts Lücken klafften. Sogar strukturelle Förderungen für das Symphonieorchester Vorarlberg wurden aus dem Marken-Topf finanziert.
Trotz aller Kreativität wurden die vorgesehenen Mittel in den Jahren 2024 und 2025 nur zu 84 bzw. 87 Prozent ausgeschöpft. Wer jedoch glaubt, nicht genutzte Gelder aus diesem Sondertopf wären ordnungsgemäß als Rücklagen für künftige Kinderprojekte beiseitegelegt worden, irrt. Entgegen den Vorgaben eines Landtagsbeschlusses versickerten die nicht abgerufenen Millionen im Landeshaushalt. „Im Jahre 2025 beispielsweise wurde eine Million, die nicht ausgeschöpft wurde, für die Haushaltskonsolidierung verwendet. In diesem Zusammenhang wurde uns gesagt, dass es doch nichts Zukunftsträchtigeres als eine Haushaltskonsolidierung gäbe. Also auch das kann man herleiten“, merkte Eggler-Bargehr mit betont ironischem Unterton an.
Nur noch den „amtlichen Tod“ festgestellt
Ihr Resümee lässt an Deutlichkeit nichts vermissen: „Nach eingehender Prüfung empfiehlt der Landesrechnungshof die Einstellung der Marke und eine Fokussierung bei den Projekten auf solche, die am meisten zur Erreichung der im Markenprozess definierten Vision beitragen.“ Die inhaltlichen Zukunftsinitiativen für Kinder sollen ins Amt der Landesregierung zurückgeholt, schärfer gebündelt und mit einer echten Wirkungsmessung versehen werden. Zudem mahnt die Prüfbehörde ein, nicht abgerufene Mittel künftig ordnungsgemäß als Rücklagen zu sichern.
Dass auch die Landesregierung sich offenbar schon von der „Marke Vorarlberg“ verabschiedet und bereits kurz vor der Berichtspräsentation die Projektkoordination bei der Wisto abgezogen hat, sieht Eggler-Bargehr pragmatisch: „Der Rechnungshof hat in diesem Fall nicht den Mord begangen, sondern letztlich nur noch den amtlichen Tod eines längst gescheiterten Projektes festgestellt.“
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.