Der ewige Stau VI

Vernünftige Lösungen gegen Stau wurden torpediert

Salzburg
12.09.2026 06:00

FOLGE 6: In Salzburg ist immer irgendwer gegen irgendetwas: Pläne für Bahn, O-Bus, Schnellstraßen oder Garagen versinken schon beim geringsten Widerstands-Lüfterl. 

Der Schiffsmotor hebt sich. Kapitän Markus Berer (30) hat die Rampe beim Müllner-Steg erreicht und startet den Land-Antrieb. Die seitlichen Schwimmkörper verschwinden. Minuten später bahnt sich das Amphibienfahrzeug mit dem Wunsch-Kennzeichen S-CHIFF 2 seinen Weg in Richtung Stadt. Der einzige Unterschied sei, so der Sohn des Pioniers der Salzach-Schifffahrt, der Gegenverkehr auf der Straße. Und natürlich der Stau.

Eine Lösung für das Chaos? Eher nicht, wenn auch schon einmal Vaporettos, wie in den Kanälen von Venedig, für Salzburg vorgeschlagen wurden. Die Salzach aber ist ein oft reißender Gebirgsfluss.

Beim Jahrhundert-Hochwasser 2002 ging sogar die leckgeschlagene „Amadeus“, das Flaggschiff der Berer-Flotte unter – und tauchte am Tag danach auf der legendären Titelseite der „Krone“ als Bild vierspaltig auf. In Venedig existieren übrigens drei Parkhäuser an der Piazzale Roma, 4.000 Autos finden im Parkhaus von Tronchetto Platz (so viele wie im Salzburger Europark).

Das Loch im Berg, die Mönchsbgergarage, wurde von den Bürgern abgewählt.
Das Loch im Berg, die Mönchsbgergarage, wurde von den Bürgern abgewählt.(Bild: Andreas Tröster)

GARAGIERT
Leuchtendes Beispiel für das erfolgreiche Durchziehen einer guten Idee sind die Barmherzigen Brüder im Kaiviertel. Nacht für Nacht hämmerten sie ihre meterlangen Spundwände in die Erde. Kein Protest regte sich, denn fast jeder Salzburger erfuhr in dem wunderbaren Spital schon Zuneigung und Heilung. Schließlich waren die 296 Stellplätze betoniert und ein Park für die Patienten darüber errichtet. Anders sahen es die ehrwürdigen Nonnen oben auf dem Berg: Sie wehrten sich mit ihrem Anwalt Wilfried Haslauer verbissen gegen die Errichtung der Süd-Garage. Das juristische Argument zog vor dem Richter: Ihr Besitz reicht theoretisch bis zum Erdmittelpunkt. Von den Bürgern kühl abserviert: Die Erweiterung der Mönchsberg-Garage. Der Bau vom Krauthügel her war keine rasend schlaue Idee. Von der Politik verhindert: Der Ausbau der Stellplätze im Berg gleichzeitig mit der Errichtung der Festspiel-Kavernen vom Neutor aus.

UNTERTUNNELT
Der „carabus variolosus“ spielt eine besondere Rolle in der gescheiterten Verkehrspolitik Salzburgs: Der 20 bis 33 Millimeter große Käfer dürfte nämlich genau in jener Landschaft vorkommen, durch die der Hochleistungstunnel der ÖBB gebohrt werden soll, so lautet das Argument der Verhinderer. Das Projekt zwischen Hallwang und Köstendorf würde nicht nur die Fahrzeit verkürzen, sondern auch die sensible Pendler-Strecke entlasten. Derzeit führen zwei Gleise der Westbahn wenige Meter neben dem Erholungsgebiet am Wallersee vorbei.

In Zeiten der Budgetnot kam das kleine Insekt für Verkehrsminister Peter Hanke wie gerufen: Er ordnete die Verschiebung des Baus bis 2046 an. Und gleich dazu befahl er die nächste Verzögerung: Unter dem Pass Lueg soll bis 2039 an einer schnelleren Strecke gewerkt werden. Geringfügig flotter geht es bei der Mattigtalbahn voran: Die eingleisige Strecke zwischen Braunau-Mattighofen-Neumarkt/Wallersee erhält bis Ende 2027 endlich die elektrische Oberleitung.

Der Salzburger Torhüter musste an der Lokalbahn-Kreuzung sein Leben lassen.
Der Salzburger Torhüter musste an der Lokalbahn-Kreuzung sein Leben lassen.(Bild: Krone KREATIV/Markus Tschepp, GEPA pictures/Witters)

GECRASHT
Der weltweit betrauerte Unfall von Fußballstar Alexander Manninger zeigte es drastisch auf: Die insgesamt 89 Bahnübergänge zwischen Ostermiething und Salzburg machen die Lokalbahn zum Sicherheitsrisiko. Immer wieder kommt es zum Crash. Der Ausbau der großteils nur eingleisigen Strecke scheitert oft an Forderungen der Grundbesitzer. Klar ist: Diese Bahn könnte mit einem dichteren Takt und mehr Tempo tausende Pendler von der Straße locken.

VERLÄNGERT
 Warum sollen die zwölf Obus-Linien vor der Stadtgrenze enden? Herbert Schober, cleverer Bürgermeister von Grödig, verhandelte geschickt. So steuert jetzt die per Strom und Batterie betriebene Linie 5 die Untersberg-Gemeinde an. Etwas anderer Ansicht war Franz Tiefenbacher, als ihm Dietrich Mateschitz anbot, die Kosten für die Verlängerung der Linie 7 über die Red Bull-Base bis ins Zentrum seiner Gemeinde Elsbethen zu übernehmen. Die Fahrdrähte würden das sensible Ortsbild doch zu sehr stören. Abgelehnt! Versuche, die Obuslinien nach Bergheim oder Lengfelden zu führen, scheiterten bisher am Geld und an Interesse.

Die Linie 5 verbindet Grödig und die Stadt Salzburg – auch ohne Oberleitung.
Die Linie 5 verbindet Grödig und die Stadt Salzburg – auch ohne Oberleitung.(Bild: MA Georg Kukuvec)

VERWIRRT
Eindringlich und rechtzeitig warnte der Öffi-Experte Gunther Mackinger vor den viel zu eng dimensionierten Bus-Buchten vor dem Bahnhof. Abgelehnt! Denn die Stadt wollte unbedingt den riesigen Vorplatz („Eingangstor in die Weltstadt“) pflastern und einen Buchenhain (samt Anti-Faschismus-Denkmal in der Mitte) pflanzen. Heute frequentieren vornehmlich Obdachlose und Alkoholiker die Flächen, am 1. Mai demonstrieren hier die Kommunisten. Da auch die Überland-Busse ihren Platz benötigen, gilt der Bahnhof als Haupt-Ursache der Verspätungen im gesamten Netz. Fahrgäste sprinten, stolpern und schimpfen.

VERPLANT
Überdimensional plante das Land den dringend benötigten Autobahn-Anschluss Hagenau, er würde die totale Entlastung von Bergheim schaffen. Die beunruhigten Anrainer zeigten vernünftigere Alternativen auf, die angeblich zu teuer waren. Schließlich entstand nur eine Abfahrt, die in einem überlasteten Kreisverkehr mündet. In Bergheim wird weiter gestaut. Es ging halt nicht anders. Mehr Erfolg verzeichneten die Menschen in Liefering, wo einst TV-Star Sepp Forcher zu Hause war: Sie erhielten an der A1 ihren lang ersehnten Lärmschutztunnel.

VERHINDERT
Stimmt die Behauptung also, dass in Salzburg immer wer gegen irgendetwas ist? Versinken deshalb so viele Lösungen schon beim ersten Lüfterl, das Widerstand ankündigt? Tatsache ist jedenfalls: Bürgermeister und Landeshauptleute kommen und gehen, nur der Stau, der bleibt uns wirklich ewig.

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