Der ewige Stau

Vom zweigeteilten Mönchsberg zur Neutorsperre

Salzburg
07.09.2026 06:00

Folge 1: Die Bauarbeiten für eine 35 Meter breite Durchfahrt durch den Mönchsberg hatten schon begonnen. 350 Jahre danach spaltet das gesperrte Neutor die Meinung der Autofahrer. Die „Krone“- Serie von Hans Peter Hasenöhrl zeigt auf, wieso Salzburg den Titel „Stau-Hauptstadt“ verliehen bekommen hat.

GEPLANT Wir schreiben das Jahr 1676. Kaiserin Claudia Felicitas stirbt nach einer Tuberkulose-Erkrankung im Alter von 23 Jahren am Wiener Hof. Die Osmanen bedrohen die Habsburger. Salzburg ist ein souveräner Kirchenstaat im Heiligen Römischen Reich. In Gneis köpft der Henker 153 „Zauberbuben“, minderjährige Bettler, und die protestantischen Knappen vom Dürrnberg müssen emigrieren. In dieser unruhigen Zeit nimmt ein fantastisches Projekt Konturen an: Der Mönchsberg soll im Bereich des Hofstall-Steinbruchs in zwei Hälften geteilt werden. Die gewagte Konstruktion einer beweglichen Holzbrücke haben sich die Architekten als Verbindung für die beiden Bereiche ausgedacht.

Der 35 Meter breite Durchgang kann ihrer Meinung nach der Stadterweiterung dienen und das Gebiet der Riedenburg erschließen, dort liegt das dringend benötigte Bauland. Salzburg zählt lediglich 10.113 Einwohner, die Geistlichkeit mit eingerechnet, wie die offizielle Statistik verlautet.

Hofbau-Kommissär Michael Springrueber und Hof-Kriegsrat Guidobald Freiherr von Hegi begeistern den Landesherren Max Gundolf Kuenburg von ihren gewagten Plänen. Tatsächlich befiehlt der Fürsterzbischof, mit den Arbeiten zu beginnen und den Berg abzutragen. Noch heute, 350 Jahre danach, sind die Ansätze dieses Projektes erkennbar: Die wie mit einem Rasiermesser glatt geschliffene Front samt einer zurück gesetzten Terrasse zwischen dem Festspielhaus und dem Schüttkasten ist vom Karajan-Platz aus klar zu sehen.

Noch offen: Der Blick ins Neutor und in Richtung Riedenburg.
Noch offen: Der Blick ins Neutor und in Richtung Riedenburg.(Bild: Andreas Tröster)

VERSENKT 
Doch es spielt sich im 17. Jahrhundert so ab, wie bei vielen versenkten Projekten in unserer Zeit: Sigmund Graf Schrattenbach, der Nachfolger Kuenburgs, bleibt skeptisch. Er lässt einmal die genauen Kosten errechnen und stoppt das Vorhaben abrupt. Ein Tunnel, so dekretiert der neue Herrscher, würde doch wohl genügen. Nicht einmal zwei Jahre, von 1764 bis 1766, schuften Arbeiter, darunter abkommandierte Sträflinge.

Die Brüder Wolfgang und Johann Hagenauer erhalten den Auftrag, die Eingangstore künstlerisch zu gestalten. Natürlich mit einem Hinweis auf den Erbauer: Seither prangt die Schrift TE SAXA LOQUUNTUR („Von dir reden die Steine“) über dem Relief Sigmunds. Der verfügt noch ein Peitschen-Knallverbot für den 135 Meter langen Tunnel: Die Pferde sollen in der Dunkelheit nicht scheuen und davon galoppieren.

GESPERRT 
Wir schreiben das Jahr 2026. Dieser nunmehr Neutor genannte älteste Straßentunnel Österreichs steht im Mittelpunkt erregter kommunaler Debatten. Im Schloss Mirabell, das einst Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau für seine Geliebte Salome Alt errichten ließ, regiert eine Koalition, die klar im linken Spektrum angesiedelt ist: Der sozialdemokratische Bürgermeister Bernhard Auinger, als sein Vize der Kommunist Kay Dankl und dazu noch die grüne Stadträtin Anna Schiester, die ÖVP hat sich abgemeldet, wie in allen Städten. Demnach soll das Neutor für alle Ewigkeit für den Verkehr gesperrt bleiben.

Die letzten Verbesserungen gab es im vorigen Jahrhundert: 1915 bis 1918 verbreiterte die Stadt den Tunnel auf 12 Meter. 1974 kam im Zuge der Errichtung der Mönchsberg-Garage der Fahrrad- und Fußgängertunnel hinzu.

Die andere Seite: von der Riedenburg gibt es bald ebenso kein Durchkommen mehr.
Die andere Seite: von der Riedenburg gibt es bald ebenso kein Durchkommen mehr.(Bild: Andreas Tröster)

VEREWIGT 
Heftige Kritiker der neuen Lösung meinen, man sollte über dem Neutor doch die Verkehrsstadträtin verewigen und ihr auch einen lateinischen Spruch widmen, so wie dem Erbauer Sigmund. TE VIATORES LOQUUNTUR („Von dir reden die Reisenden“) müsste er lauten. Den Grund für die totale Sperre geben die Festspiele vor: Sie lassen ab dem 14. September einen Zufahrtstunnel im Felsen des Mönchsbergs bohren. Dieser soll zu den neuen Werkstatt-Kavernen führen, die direkt mit den Spielstätten verbunden sind.

Nach Ansicht der Politik dürfen nach Abschluss der Bauarbeiten nur noch die O-Busse das Neutor passieren. Der Raum von der Pferdeschwemme bis zum Haus der Natur soll sich in eine Art Fußgängerzone verwandeln. Passanten werden freilich den im Minuten-Takt pendelnden übergroßen Offis von vier Linien begegnen und aufgeschreckt zur Seite springen.

GESCHEITERT
Damit steht die sagenumwobene Salzburger Verkehrspolitik neuerlich vor einem ihrer dramatischen Wendepunkte. Dies ist der aktuelle Anlass für diese Serie. Die „Krone“ wird alle kläglich gescheiterten Versuche aufzeigen, den ewigen Stau auf den Straßen in den Griff zu bekommen. Wir berichten über die Sperren bei Schlechtwetter, über komplizierte Einfahrt-Regeln und über viele gefällige Ausnahmen. Dazu gibt es Reportagen über millionenteure Spatenstiche, den seltsamen Titel „Stau-Hauptstadt“, abrupte Abbiege-Verbote sowie begehrte Gratis-Parkplätze zwischen Mozart-Denkmal und Tomaselli-Cafe.

Schließlich zeigen wir Fakten zu tausenden Leerfahrten von Reisebussen auf, zu zerplatzten Seifenblasen-Projekten, darunter die kühne Seilbahn an der Salzach, der abstruse S-Link oder die seltsame Unterwasser-Garage. Immer wieder dreht es sich um gewaltig viele Ausreden der hilflosen Politik, die das alltägliche Leid der Pendler und der Unternehmer einfach nicht beenden kann.

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