Der ewige Stau III

Seilbahn, Unterwasser-Garage und U-Bahn als Lösung

Salzburg
09.09.2026 05:00

Projekte gegen den Stau zerplatzen wie Seifenblasen, doch sie alle haben einen Zweck: Die Bürger sollen vom totalen Versagen der Verkehrspolitik abgelenkt werden. Die „Krone“-Serie von Hans Peter Hasenöhrl zeigt auf, wieso Salzburg den Titel „Stau-Hauptstadt“ trägt.

ABLENKUNG
„Panem et circenses“: „Brot und Spiele“. Eine günstige Versorgung mit Getreide und aufwendige Spektakel. So hielt der Kaiser die aufmüpfigen Bürger Roms im Zaum. Mit dem Zitat erreichte der Satiriker Juvenal (60-127 n. Ch.) weltweit Bekanntheit. Die Kommunalpolitik nimmt sich die antiken Worte zum Vorbild. Immer wenn das Thema des ewigen Staus in die Kurve der brennenden Brisanz einbiegt, bauen Stadtväter ihr Lego-Modell in der Arena auf. Folgen Sie uns in eine Welt, in der Erwachsene träumen dürfen wie kleine Kinder in der Sandkiste, in der Budgetlimits und technische Grundlagen keine Gültigkeit mehr zu besitzen scheinen.

WELLENSPIEL
Josef Reschen, roter Bürgermeister und sogar mit absoluter Mehrheit ausgestattet, suchte die Lösung unter Wasser: Seine Salzach-Garage dominierte immerhin jahrelang die Debatten. Der Planer Spirk goss seine Träume in Pläne. Teils unter der Böschung, teils unter den Wellen zeichnete er auf Skizzen am Rudolfskai hunderte Abstellflächen ein.

Das andere Ufer diente als Schauplatz des nächsten Projekts, das sogar von Autofahrer-Klubs lanciert wurde: Hier müsste doch eine Seilbahn her, wie sie Vororte in den Millionen-Metropolen Südamerikas oder Paris verbindet, mit meterhohen Stützen, trassiert vom Messegelände bis in die Altstadt. Salzburg hätte natürlich den Status „Welterbe“ verloren. Den Menschen im dicht verbauten Lehen verhieß die Unterflur-Trasse Erlösung: Die Ignaz Harrer Straße, benannt nach Bürgermeister Harrer (1826-1905), dem Initiator der „Landesirrenanstalt“, tief gelegt, darüber verkehrsfreie Boulevards.

Hier hätte die Tunneleinfahrt sein sollen – jetzt stehen hier Luxuswohnungen.
Hier hätte die Tunneleinfahrt sein sollen – jetzt stehen hier Luxuswohnungen.(Bild: Antonio Lovric)

Allein die Enge des Planungsraums, die Frage der Entlüftung und der Ein- sowie Ausfahrten machten die Diagnose klar: Fantasie im Fiebertraum des ewigen Staus. Jahrelang hielt er unangefochten den ersten Platz in der Hitparade der Vorschläge: der Tunnel durch den Kapuzinerberg. Die „Parteispenden-freudige Bauwirtschaft“ (Originalzitat Herbert Fux) verlangte gleich noch eine Zufahrt von der Alpenstraße. Doch wesentlich flinkere Spekulanten bereiteten dem Spuk ein Ende: Ein Grundstücksdeal und schon streiften sie Millionen beim Bau der Beton-Schachtel-Luxuswohnungen am Rehrlplatz ein. Genau an der Stelle hätte der Tunnel beginnen sollen. So ein Zufall!

MAULWURF
Wir kommen jetzt zur absoluten Schlussnummer im kommunalen Zirkus, zum Hochseilakt ohne Netz: die U-Bahn. Der S-Link. Die „Aorta“ (Hauptschlagader) der Öffis, wie Wilfried Haslauer das Vorhaben enthusiastisch taufte. Der ursprüngliche und vernünftige Plan, den bereits bis fast zur Kiesel-Kreuzung verlaufenden Lokalbahn-Tunnel bis zum Mirabellplatz um nicht einmal 800 Meter zu verlängern, mutierte urplötzlich zum gigantischen Milliarden-Projekt.

So hätte der S-Link oberirdisch durch die Stadt rauschen sollen.
So hätte der S-Link oberirdisch durch die Stadt rauschen sollen.(Bild: Andreas Tröster)

Ein Tunnel unter der Salzach und dem Kaiviertel, U-Bahn-Stationen am Kai und im Nonntal, dann weiter als oberirdische Straßenbahn mitten auf der dicht befahrenen Alpenstraße, weiter eingleisig durch den Wald bei Hellbrunn, quer durch Anif und schließlich über Rif und die Rehhof-Siedlung nach Hallein, vielleicht noch mit einem Abstecher zum Leube-Zementwerk in St. Leonhard und weiter Richtung Königsee. Planungen, Propaganda und Bohrungen verschlangen Millionen.

FIASKO
Es endete mit einem Absturz, so wie es die meisten ohnehin schon geahnt hatten: Die Menschen lehnten bei einer Bürgerbefragung das Abenteuer ab. Das war auch das feierliche Begräbnis jenes Plans, die Lokalbahn bis zum Mirabellplatz zu führen, ein vernünftiges Unterfangen, denn von dort ist jeder Punkt in der Altstadt in wenigen Minuten Fußweg erreichbar. Prompt setzte Linz das Vorhaben um: Flink holten die Planer jene Millionen aus dem Budget in Wien, die für die Öffi-Projekte in Salzburg vorgesehen waren. An der Donau wird die Stadt-Regional-Bahn verwirklicht und die S-Bahn ins Mühlviertel ausgebaut.

Überdies kauften die Linzer Linien jene für Salzburg reservierten Gelenk-Obusse, die man auf der Strecke von Itzling bis zur Alpenstraße einsetzen wollte. Weder Politik noch Verkehrsverbund zeigten Interesse. Dabei häufte dieser Rücklagen von bis zu 46 Millionen Euro an, wie der Rechnungshof unlängst aufdeckte. So müssen sich zu Stoßzeiten vor allem viele Schüler in den überfüllten Garnituren drängen wie die Sardinen in der Dose: ein klarer Verstoß gegen die Sicherheits-Bestimmungen.

ENTTÄUSCHUNG
Der vom Verhandlungssaal in die Tiefen der Kommunalpolitik umgestiegene Rechtsanwalt Dr. Harald Lettner erlebte hautnah, wie rasche Spatenstiche vor einem Urnengang den Verlust von Wählerstimmen bedeuten können. Frohgemut setzte er sich ins Führerhaus eines Baggers und fing an, beim Platz vor dem Hauptbahnhof die Ausgrabungen für den unterirdischen Lokalbahnhof vorzunehmen. Tags darauf wiederholte er das Spektakel bei der Errichtung der Eisenbahn-Unterführung in Aigen. Prompt fiel er bei der folgenden Gemeinderatswahl durch und trat nach einer Woche zurück.

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