Folge 5: Film und Wirklichkeit treffen aufeinander, wenn die A10 wieder einmal zum Parkplatz wird. Es wird noch schlimmer, denn die Sanierung von Tauern- und Katschbergtunnel steht bevor. Und: Wie die berüchtigte „Trödelgeschwindigkeit“ den Verkehr ausbremst! Die „Krone“-Serie von Hans Peter Hasenöhrl zeigt auf, wieso Salzburg den Titel „Stau-Hauptstadt“ trägt.
Der größte Stau aller Zeiten zieht sich über mehr als 36 Stunden. Die Menschen in ihren Autos reagieren nur zuerst ruhig. Dann bricht es los: Emotionen, Aggressionen. Eifersucht. Liebe. Mord. Angeber. Lebenskünstler. Kriminelle: Sie alle spielen im 1979 gedrehten Film „Stau“ eine Rolle. Für den Kinohit errichtete der Regisseur eine eigene Straße in der Cinecitta bei Rom, er engagierte Marcello Mastroianni für die Hauptrolle: una storia impossibile? Eine unmögliche Geschichte?
WIRKLICHKEIT
Geschäftige Eis-Verkäufer bei Flachauwinkl. Schlangen vor mobilen Toiletten am Straßenrand nahe Altenmarkt. Motorradfahrer des Roten Kreuzes reanimieren zusammengebrochene Lenker. Kinder spielen auf dem heißen Asphalt bei Eben. Babys kollabieren. Genervte Mütter weinen. Diese Szenen erlebten Urlauber an vielen Sommer-Wochenenden auf der A10, als nur Tunnel mit Gegenverkehr die Autolawine schlucken und verdauen sollte. Das Szenario wird nun wieder eintreten: Von 2027 bis 2033 saniert die Asfinag mit einem Aufwand von 700 Millionen Euro die in die Jahre gekommenen Röhren unter dem Tauern (6,9 Kilometer) und dem Katschberg (5,7 Kilometer). Was das bedeutet, verspürte Salzburg bei der Renovierung der Tunnelkette Werfen: Mega-Stau! Die Bezirke südlich des Pass Luegs waren komplett lahmgelegt und der Tourismus abgewürgt. Einziges Versprechen für die Zukunft: In den Sommermonaten sollen Gegenverkehr und Tempolimit 60 km/h ausgesetzt werden.
AKTION
Nur ein Ort im Lungau bleibt von all dem Chaos unberührt: Die erfolgreiche Kampagne der „Krone“ bewirkte, dass in der Gemeinde Zederhaus ein 1.500 Meter langer Lärmschutztunnel für die geplagte Bevölkerung verwirklicht wurde. Die Menschen können wieder ruhig schlafen, sie werden nicht mehr von den Abgaswolken halb Europas eingenebelt. Auf der Tunneldecke entstanden wertvolle Flächen für die Landwirtschaft.
BERECHNUNG
Nähern wir uns jetzt dem Phänomen Stau wissenschaftlich an. Die deutschen Mathematiker Karl Nagel und Michael Schreckenberg entwickelten 1992 jene komplizierte Formel, die Berechnung der Ursachen eines Staus. Jedes Auto („n“) besetzt einen bestimmten Raum auf der Straße und es fährt eine bestimmte Geschwindigkeit (vn). Der Lenker versucht natürlich, dem Vordermann nicht aufzufahren oder das Tempolimit (vmax) nicht zu überschreiten. So bremst er ein wenig und sein Auto beginnt zu „trödeln“(t ist der Zeitpunkt). Es entsteht eine „kritische Dichte“ von Fahrzeugen (dn t) und der „Phantom-Stau aus dem Nichts“, wie es die Rechner bezeichnen, baut sich auf. Grob gesagt: Zu wenig Straße für zu viel Verkehr. Oder umgekehrt. Wer es ganz genau wissen will, googelt das „Schreckenberg-Modell“ im Internet.
BRENNPUNKTE
Heute schon einmal getrödelt? Nicht bei Grün sofort losgefahren? Oder wie es die Fundamentalisten verlangen: Auf dem Rad (auch gegen die Einbahn erlaubt) ins Büro gestrampelt? Schwitzend bei großer Hitze oder bibbernd bei klirrender Kälte? Im überfüllten Obus mit den unzureichenden Stoßdämpfern hin und her geschüttelt und Influenza-Viren eingeatmet? Oder im ewigen Stau gestanden und die nervigen Durchsagen der Verkehrsdienste vernommen? Jeder Autofahrer kann im Schlaf aufsagen, wo überall die Blechlawinen auf die Mozart-Metropole zusteuern. Im Norden zwischen Oberndorf, Anthering und Itzling. Dann zwischen Bergheim und Lengfelden, wo die geplagten Pendler aus Obertrum und Elixhausen das Chaos komplettieren. Im Kreisverkehr thront das 17 Tonnen schwere stählerne Kunstwerk „Synchron“ von Wolfgang Kirchmayr. Ist es das „Denkmal des unbekannten Autofahrers“?
Weiter gestaut wird im Norden von Hallwang/Mayrwies bis Gnigl. Vom Salzkammergut her wälzt sich die Blechkolonne über die engen Radauer-Kurven in die Stadt. Im Westen bremsen sich die Autos spätestens in der Unterführung des Flughafens ein. Dann geht es ruckweise über die Innsbrucker Bundesstraße und entlang der zahlreichen neu eröffneten Barber-Shops durch das einst idyllische Maxglan zum Neutor, wo vor den Garagen alles stillsteht. Im Süden kommen Pendler immer ziemlich geschlaucht an: Die Endlos-Baustellen rund um den Pass Lueg nerven.
Auf dem Platz des Kronprinzen Rudolf (der Thronfolger erschoss sich 1889 gemeinsam mit seiner jungen Geliebten) strömt in der Stadt alles zusammen. Die logische Konsequenz: Täglicher Stau bis zum Verzweifeln rings um den Kapuzinerberg. Im Westen nichts Neues: Flott geht es über die wie eine Autobahn ausgebaute vierspurige Münchner Bundesstraße in den Endlos-Stau ab der Doppler-Klinik bis zum Hauptbahnhof oder nach Lehen.
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