Mit einer explosiven Rap-Show begeisterte Denzel Curry unlängst am Frequency Festival viel zu wenig Interessierte. International ist der 31-Jährige einer der gefragtesten Rapper und begeistert mit stilistischer Vielseitigkeit. Mit Kenneth Blume aka Kenny Beats veröffentlichte er unlängst das Album „II“. Im „Krone“-Talk erzählt er von der schwierigen, aber fruchtbaren Zusammenarbeit, was ihm die Kunst bedeutet und was man alles vom Wu-Tang Clan lernen kann.
„Krone“: Denzel, du hast vor wenigen Tagen das Album „II“ mit Kenneth Blume herausgebracht, eure zweite gemeinsame Arbeit. Das Erste erschien während der Corona-Pandemie und war sehr erfolgreich. War es für dich immer klar, dass es einen Nachfolger geben würde?
Denzel Curry: Es gibt zum ersten Album einen Kurzfilm, in dem bereits angeteasert wird, dass es einen Nachfolger geben wird, aber wir haben nicht genau definiert, wann wir die Arbeit in die Hand nehmen würden. Der Zugang war dieses Mal ein anderer. Wesentlich ernsthafter, fokussierter und stringenter, aber in den Klängen und Ausformungen trotzdem sehr spielerisch. Inspiriert waren wir von denselben Vorbildern wie MF Doom, Madvillain bis hin zum Wu-Tang Clan.
Und es gibt auch wieder ein paar interessante Gäste zu hören …
JPEGMAFIA, Westside Gunn und Yebba. Lustiger Fact: Auf unserem ersten Album „Unlocked“ aus dem Jahr 2020 gibt es ein Interlude, in dem ich etwas erzähle und du JPEG im Hintergrund hörst. Er war damals während der Aufnahmesessions bei uns im Studio.
Im Endeffekt scheint ihr mit „II“ einen Kreis zu schließen, den „Unlocked“ geöffnet hat. Ist die ernsthaftere Zugangsweise der Tatsache geschuldet, dass ihr euch von einer anderen Seite zeigen wollt?
Auf „II“ geht es vor allem darum, wie ich als 30-jähriger Mann klingen möchte. Ich bin seit mehr als 15 Jahren im Rap-Game unterwegs und habe mich selbst gefragt, wie ich mich entwickelt und verändert habe. Und wie ich in der Gegenwart klinge. Diese Ernsthaftigkeit ist auch ein wichtiger Teil meines Hip-Hop-Projekts The Scythe – für mich ist „Strictly 4 The Scife“, das heuer im März herauskam, ein Compilation-Tape. Dann gab es 2024 das Mixtape „King Of The Mischievous South, Vol. 2“, das irgendwann zu einem Album wurde, aber „II“ fühlt sich wirklich wie ein richtiges Album an.
Zu zeigen, wer du heute mit 30 bist, bedeutet auch, dass du dir dein bisheriges Leben öfter durch den Kopf hast gehen lassen?
Korrekt. Ich bin schon seit einiger Zeit hier und habe nicht vor, in absehbarer Zukunft irgendwo anders hinzugehen. Ich bin hier, wo ich hingehöre und mache das, was mir Spaß macht. Meine Rolle ist es, andere Menschen zu motivieren und sie in meinen Bann zu ziehen. Dafür bin ich geboren.
Hast du beim Schreiben der neuen Songs sehr stark in die Vergangenheit geblickt?
Nur ein bisschen, eigentlich nicht so wirklich. Tief in die Vergangenheit getaucht bin ich nur für den Opener „Gone Fishing“, alle anderen Songs beleuchten eher meine Ansichten und Meinungen zu Themen aus gegenwärtiger Perspektive. Da geht es um Themen wie Religion oder wie Menschen Gangster sehen und verurteilen. Einfach eine Sicht der Welt.
Mit Kenneth Blume aka Kenny Beats hast du zweimal erfolgreich, aber nicht immer friktionsfrei gearbeitet. Braucht gute Kunst manchmal mehr Spannungen?
Wenn man dasselbe Ziel hat, dann klappt es mit Spannungen. Wenn nicht, dann nicht. Wir haben immer Spannungen zwischen uns, aber suchen immer nach einer Lösung. Die meiste Zeit versucht Kenneth mit seinen Methoden das allerbeste aus mir rauszukratzen, weil ihm gut nicht gut genug ist. Er hat mir noch nie gesagt, ich wäre der beste Rapper, sondern hätte viel zu lernen. Das regt mich auf, also trainiere ich noch. Bei uns wird viel umgeschrieben, neu geschrieben und Dinge werden kritisch beäugt.
Im Endeffekt will er dich nur in lichte Höhen führen und Dinge aus dir hervorholen, die du vielleicht selbst noch nicht bei dir entdeckt hast.
Korrekt, aber das geht nur bis zu einem bestimmten Level. Es ist immer das Schlimmste, wenn du unterforderst bist und Menschen in deinem Umkreis hast, die deine Standards senken. Das kann ich nicht brauchen. Ich will besser werden, durch schwere Zeiten kommen und mich ständig entwickeln. Dafür brauche ich das richtige Umfeld. Bei Kenneth gibst du nicht auf. Du beißt durch und willst mehr. Er hat mich herausgefordert und das mag ich.
Helfen dir diese Parolen, um ständig besser zu werden. Sich von diversen Vorbildern das Beste zusammenzusuchen, bei sich selbst umzusetzen und sich dann selbst pushen?
Wenn du wachsen willst, musst du immer die Komfortzone verlassen. Tust du das nicht, wirst du nicht reifen.
Viele Musiker und Menschen erreichen irgendwann einen gewissen Erfolg und sind damit zufrieden. Sie lehnen sich zurück und feiern das Erreichte …
Das stimmt. Frei nach dem Motto: Wenn es nicht kaputt ist, repariere es nicht. Man kann da viel früher bei sich ansetzen. Sie haben alles, was sie brauchen und wollen im Moment, aber keine Ahnung davon, wie sie diesen Status beibehalten können. Wenn du etwas verlierst, ist es weg. Dann gibt es meist kein Zurück mehr – außer du arbeitest das Doppelte und investierst zweimal so viel Zeit. Dann hast du am Ende auch wieder eine Chance.
Erzähl mir mehr über „Gone Fishing“, diesem einzig wirklich nostalgischen Song.
Als ich 16 war, habe ich an meinem ersten Album gearbeitet. Ich stellte Mixtapes zusammen, spielte Liveshows und ging daneben noch zur Schule. Ich habe graduiert und gleichzeitig an einem Album gearbeitet – dazu hatte ich damals noch einen Hund, auf den ich aufpassen musste. Der Hund hatte in meiner Verwandtschaft schon einen kleinen Kultfaktor und war auch bei den Gangstern beliebt, die sich in meinem Umfeld tummelten.
Es stellt sich immer die Frage, was rätst du mit deinen heute 31 Jahren und all deinen Erfahrungen deinem 16-jährigen Alter Ego – auch wenn das in der Realität nicht geht?
Diese Frage hat mir schon jemand gestellt. Ich würde nichts besonders raten. Vielleicht, dass er die Hilfe annehmen sollte, die ihm angeboten wird von Freunden und Bekannten. Ansonsten hätte ich mir nichts zu sagen. Mein 16-jähriges Ich hat schon alles richtig gemacht. Ich kann ja meinem Original von früher etwas Falsches sagen, was er nicht erleben soll oder wird.
Zudem sind Fehler wichtig, von ihnen lernen wir am meisten. Wichtig ist, die Lehren daraus zu ziehen.
Die Prinzipien des Wu-Tang Clans habe ich auch übernommen. Mich selbst zu pushen, immer weiterzudenken, aber dabei auch andere denken, nett sein und der Gesellschaft helfen.
Ist das vielleicht eine Agenda, die du mit deiner Musik verfolgst?
Korrekt, das ist ganz klar. Wenn ich mir meine alten Alben so anhöre, dann muss ich ehrlich sagen, passt mir vom Sound vieles nicht mehr. Die Dinge hätten besser laufen, die Lieder besser klingen können. Aber selbst ein Genie wie Regisseur Christopher Nolan hat seine Zweifel und Ängste. Auch er dreht Filme, die ich nicht so gerne mag neben jenen, die Meisterwerke sind. Die meisten wollen Da Vinci sehen, kennen aber nur die „Mona Lisa“ – weißt du, was ich meine? Es fehlt das breite Wissen und auch der Kontext. Du kannst mir vielleicht ein paar Bilder von Picasso zeigen, aber nur wenige wissen von der Bedeutung für die gesamte Kunst. Das ist der Unterschied.
Würdest du dich selbst als einen Perfektionisten bezeichnen?
Durchaus. Perfektion ist aber ohnehin ein Mythos. Selbst wenn du etwas als perfekt ansiehst, irgendjemand wird eine ganz andere Meinung und Ansicht dazu haben.
Du hast über die Jahre mit unterschiedlichsten Künstlern aus verschiedenen Genres gearbeitet. Etwa auch Billie Eilish oder den Glass Animals neben vielen anderen. Wie bringt dich das persönlich weiter? Und wie verändern diese Begegnungen deinen Blick auf die Musik?
Man lernt schneller dazu und wird offener. Das ist wie in einem Kung-Fu-Film – du lernst neue Kampftechniken zu jenen, die dir bereits bekannt sind. Das ist auch die Botschaft, die uns der Wu-Tang Clan vermittelt. Kung-Fu gehört niemanden per se. Es ist dazu da, von allen angewendet und interpretiert zu werden, wie sie es für richtig halten. Genau darum geht es auch in der Musik. Alles ist ständig in Bewegung und entwickelt sich weiter. Jeder will die Kunst auf die nächste Stufe heben und sich entwickeln. Zumindest ist das mein Ziel.
So läuft es mit der Musik. Egal, wie persönlich und in sich gekehrt ein Album von dir auch sein mag – am Ende des Tages gehört es den Hörern da draußen.
Richtig. Zu einem gewissen Grad ist es immer mein Werk, aber mit der Veröffentlichung muss man es teilen und das wird sich nie wieder ändern. Das kann aber auch hilfreich sein, weil Feedback einen wieder voranbringt. Geschmäcker sind verschieden und niemand muss sich mit meiner Musik aufhalten. Die Welt hat viele Farben, such dir die richtigen für dich aus.
Ist „II“ ein besonders persönliches Album geworden?
Es war auf jeden Fall das intensivste, an dem ich bislang gearbeitet habe. Jenes, wo ich den höchsten Anspruch an mich selbst hatte. Um ehrlich zu dir zu sein, nach diesem Prozess wollte ich kein Studio mehr von innen sehen. Aber als ich über die Intensität des Aufnahmeprozesses nachdachte, waren Kenneths Worte logisch – er meinte, diese Art der Müdigkeit müsste ich bei einem Albumprozess immer spüren, um meinen eigenen Standard möglichst hochzuhalten. Er hat mich auch enttarnt und gesagt, er spürt es, wenn ich nicht 100 Prozent gebe und glaube, das würde reichen. Bei Kenny kommst du damit nicht durch und das lässt das Album auch so frisch erscheinen. Kein Tricksen mehr, sondern die höchsten Standards einsetzen und verwenden.
Auch wenn jedes gemeinsame Album zwischen euch harte Arbeit ist und viel Müdigkeit erzeugt – denkt ihr schon lose über ein Drittwerk nach?
Wir haben keine Ahnung. Aber wenn wir das machen sollten, dann ist der hohe Standard dieses Albums normal und der Startpunkt für das nächste Projekt.
Nach so intensiven Alben braucht es aber auch sicher mal eine Pause vom Studio …
Wir sind beide nicht die einfachsten Typen, lieben aber Musik und wissen, wohin wir mit ihr gehen und was wir aus ihr herausholen wollen. Wir schmeißen unseren Hut in den Ring und hoffen dabei auf Erfolg. „Cold Night In Hell“ war der letzte Song, den ich für „II“ geschrieben habe und das war der erste und einzige Song, der zwischen uns ganz ohne einen Kampf vonstattenging. Wir hatten beide nur Positives übereinander zu sagen und diesen Punkt mussten wir uns hart erarbeiten. Es ist aber schön zu sehen, wie es geendet hat.
Im Song „Candlelight“ sprichst du davon, dass du niemals in deinem Leben einen 9-to-5-Job hattest. Ist das eine Definition für Erfolg, weil diese Passage größtmögliche Freiheit vermittelt?
Vielleicht. Es gibt Menschen, die haben diese unbändige Leidenschaft für 9-to-5-Jobs. Bei mir war das immer nur in der Musik der Fall. Ich kenne keinen anderen Job und habe mehr Stunden in die Musik investiert als andere ein Leben lang in ihre normalen Berufe. Es würde mich verletzen und stören, würde ich das Werk für jemand anderen verrichten und dafür unterdurchschnittlich bezahlt werden. In diese Spirale wollte ich nie geraten.
Wie stolz bist du denn auf das bislang Erreichte?
Zu einem gewissen Grad bin ich sehr stolz, weil ich sehr genau weiß, welche Richtung mein Leben hätte nehmen können. Am Ende des Tages ist es aber nie genug und ich bin immer hungrig nach mehr. Aber wird man jemals satt? Man weiß es nicht. Schau dir die Superreichen an – sie haben alles und mehr und es ist noch immer nicht genug. Wenn die Erde nicht reicht, willst du zu den Sternen oder auf den Mars. Ich kann nur so viel sagen: Ich bin sehr glücklich darüber, wo ich im Moment in meinem Leben stehe.
Was ist denn am wichtigsten, um nie den Biss zu verlieren und immer weiter zu pushen? Geht es da um Neugierde nach neuen Klängen? Verbissenheit, was die Karriere anbelangt?
Vielleicht ein bisschen von beidem. Hunger und Neugierde sind gute Antriebsfedern im Leben. Ich gehe mittlerweile aber auch gerne einen Schritt zurück und beobachte, welche Aktionen ich gesetzt habe und wo mich die letzten Entscheidungen hingebracht haben. Inspirationen können von überallher kommen, ich habe vor, mich da möglichst wenig zu limitieren. Das kann von einem Spaziergang im Park, oder einem schönen Gespräch kommen, aber auch aus einem traumatischen Erlebnis heraus resultieren. Vielleicht hat dich die schlimmste Zeit deines Lebens zu einem Diamanten geführt, mit dem du nie gerechnet hättest. Gott wirft alles auf mich, um mich ständig zu testen und ich führe aus. In der Musik stärken sich nicht nur deine Fähigkeiten, sondern auch deine Persönlichkeit. In all diesen Dingen gibt es Entwicklungen. Die Musik ist ein Ventil für Gefühle und Sorgen.
Ist die Musik auch eine Verlängerung deiner Persönlichkeit? Entwickelst du dich als Mensch parallel zu der Musik, die du erschaffst?
Durch meine Musik wirst du immer erkennen, in welcher Position ich mich zu welcher Phase mental gerade befand. Es beginnt mit der Coming Of Age-Story, als ich den Raider Klan verließ und zu meiner eigenen Persönlichkeit wurde, das war das Debütalbum „Nostalgic 64“. „Imperial“ zeigte mich dann wütend und sauer in meinen frühen 20ern. Ich war unsicher und genervt. Das hat man gehört. 2018 kam „Ta13oo“. Ich war noch immer verrückt, hatte aber auch mit Depressionen zu kämpfen und den Veränderungen in der Musikindustrie. 2019 behandelte „Zuu“, wo ich mein Heimweh offen auf den Tisch legte, und mir eingestehen musste, dass ein gefühltes Daheim kein richtiges Daheim ist. 2022 kam dann mein bislang letztes Album „Melt My Eyez See Your Future“ raus. Dort habe ich die Person verarbeitet, die ich durch alle vorigen Alben war – und so gelangen wir zur Gegenwart.
„King Of The Mischievous, Vol. 2” war der Moment, wo ich Spaß haben und lockerlassen wollte und „II“ ist jetzt die Einladung, den 30-jährigen Denzel Curry zu treffen. Ich habe all das überstanden und bin noch hier – der bin ich jetzt. Gott hat mir erlaubt, all diese Dinge zu erleben und wenn Gott sagen würde, es ist genug mit Alben und mit Denzel, dann werde ich von der Welt abtreten. Dann habe ich mit „II“ einen tollen Schlusspunkt gesetzt und den Leuten gezeigt, wie ich heute ticke, was mich musikalisch interessiert und prägt. Wenn „II“ das letzte Album meines Lebens sein sollte, wäre ich sehr glücklich darüber.
Könntest du dir auch vorstellen, dich außerhalb von Musik in anderen Kunstformen auszudrücken und zu verwirklichen?
Zeichnen, schreiben – da gibt es viele Dinge, die außerhalb von Rap-Musik mein Interesse wecken. Seit ich fünf bin, habe ich in meinem Leben nur einen großen Traum gehabt und der war, ein Künstler zu sein. Wäre das nicht passiert, wäre ich Feuerwehrmann. Wäre das nicht passiert, wäre ich Cartoonist und danach Astronaut. Auf diese Berufsfelder lässt sich meine Existenz herunterbrechen. Ich lebe aber gerne im Hier und Jetzt und dort wartet mit „II“ ein verdammt starkes Album auf euch alle.
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