Warum es zum „Nei“ kam

Islands kalte Schulter als Warnsignal für die EU

Außenpolitik
30.08.2026 18:20

Die Isländer haben die Wiederaufnahme von Beitrittsgesprächen mit der Europäischen Union klar abgelehnt. Entscheidend war der Widerstand auf dem Land. Trotz geopolitischer Unsicherheiten wog die Sorge um die eigene Identität und die Fischerei schwerer als die Versprechen aus Brüssel.

Die Botschaft wart eindeutig: Island wird auf absehbare Zeit kein Mitglied der Europäischen Union. In einem Referendum stimmten 52,8 Prozent der Wähler dagegen, die Beitrittsverhandlungen mit Brüssel wieder aufzunehmen. Die Wahlbeteiligung war mit 82 Prozent außergewöhnlich hoch. Das zeigt, wie tief das Thema die Bevölkerung auf der Nordatlantik-Insel bewegt.

Den Ausschlag für den Sieg der EU-Gegner gaben die Wahlkreise außerhalb der Hauptstadt Reykjavík. Während in der urbanen Region viele Menschen auf mehr wirtschaftliche Stabilität hofften, überwog auf dem Land die Skepsis. Die isländische Regierungschefin Kristrún Frostadóttir reagierte gefasst auf den Ausgang der Abstimmung. Die Sozialdemokratin hatte vor ihrer Wahl Ende 2024 versprochen, das Volk über die Wiederaufnahme der Verhandlungen abstimmen zu lassen.

Obwohl sie selbst intensiv für ein „Ja“ geworben hatte, bekräftigte sie kurz nach der Auszählung, dass sie das Votum respektieren werde. In der aktuellen Legislaturperiode wird es keinen neuen Anlauf geben.

Bestürzte Gesichter im „Ja“-Lager
Bestürzte Gesichter im „Ja“-Lager(Bild: AP/Marco Di Marco)

Die Fischerei als Herzstück der Nation
Island blickt auf eine wechselhafte Geschichte mit Brüssel zurück. Bereits im Jahr 2009, auf dem Höhepunkt einer schweren Finanzkrise, hatte das Land einen Beitrittsantrag gestellt. Nach dem Regierungswechsel 2013 wurden die Verhandlungen jedoch auf Eis gelegt. Formal existiert der Antrag von damals zwar immer noch. Ob er nun komplett zurückgezogen wird, muss das Parlament entscheiden.

Dass das Votum negativ ausfiel, liegt vor allem an einem Thema: der Fischerei. „Fischerei ist für die Isländer das, was für die Österreicher das Skifahren ist – ein zentrales Stück Identität. Die Angst vor Kontrollverlust auf dem Land war tief verwurzelt“, sagt Andreas Schieder (SPÖ), Island-Berichterstatter im Europäischen Parlament zur „Krone“. Die Befürchtung, Kontrolle über die eigenen Gewässer an Brüssel abgeben zu müssen, wog schwerer als alle wirtschaftlichen Argumente. Dabei war die Europäische Kommission den Isländern weit entgegengekommen.

Die Infografik zeigt das vorläufige Ergebnis des EU-Referendums in Island zur Wiederaufnahme der Beitrittsgespräche. Eine Karte Europas zeigt die EU-Mitgliedstaaten sowie Länder mit laufenden Beitrittsgesprächen. Quelle: APA.

Unter Experten gilt der Ausgang des Referendums auch als Ergebnis einer fehlerhaften Strategie. Es wurde darüber abgestimmt, ob man Verhandlungen überhaupt wieder aufnehmen soll – nicht über ein konkretes Verhandlungsergebnis. Dadurch blieb viel Raum für Spekulationen und Befürchtungen. „Die EU-Institutionen hätten im Abstimmungskampf nur für negative Schlagzeilen gesorgt. Aber kleinere Mitgliedstaaten hätten den Isländern aufzeigen können, dass man in der EU weder den Wohlstand noch die eigene Identität verliert“, so Paul Schmidt, Präsident der Österreichische Gesellschaft für Europapolitik, der vor Ort war.

Brüssel hielt sich auf Bitten der isländischen Regierung im Abstimmungskampf komplett zurück, um eine ungewollte Einmischungsdebatte zu vermeiden. Aus Sicht von Analysten führte dies jedoch dazu, dass Gegenargumente kaum entkräftet wurden.

Regierungschefin Kristrún Frostadóttir stimmte mit „Ja“.
Regierungschefin Kristrún Frostadóttir stimmte mit „Ja“.(Bild: AP/Marco Di Marco)

Letztlich schätzte eine Mehrheit der Isländer ihren aktuellen Status als EWR-Mitglied: Sie nutzen die Vorteile des europäischen Binnenmarkts, bewahren aber ihre absolute Eigenständigkeit. Island bleibt ein enger Partner Europas – aber eben nur auf Distanz.

Dass eine EU-Mitgliedschaft in Zeiten geopolitischer Herausforderungen aber scheinbar nicht sonderlich attraktiv wirkt, sollte für Brüssel doch ein deutliches Warnsignal sein.

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