Intendanten-Wechsel

Lenz: „Kann die Entscheidung nicht nachvollziehen“

Steiermark
31.08.2026 18:05

Für Ulrich Lenz startet bald die vierte Saison als Intendant der Oper Graz. Im Frühsommer wurde bekannt, dass es die vorletzte sein wird: Lenz wurde nicht verlängert. Mit der „Krone“ sprach er über siebenstellige Sparvorgaben für fertig geplante Spielzeiten und seinen persönlichen Umgang mit der Absage. 

„Gutes Neues“ wünscht man sich im Theater nicht zum Jahreswechsel, sondern dann, wenn die Saison nach der Sommerpause weitergeht. So schüttelt Ulrich Lenz am Montag Hände, während er über die Bühne der Grazer Oper geht. Seit 2023 ist der Deutsche, der vorher Chefdramaturg an der Komischen Oper in Berlin war, Intendant in Graz. Nun startet seine vorletzte Saison am Haus.

„Krone“: Sie haben Anfang des Sommers erfahren, dass Sie 2028 nicht als Intendant der Grazer Oper verlängert werden. Konnten Sie sich während der Ferien ablenken?
Ulrich Lenz: Ehrliche Antwort?

Bitte gerne!
Nein, gar nicht. Weil mich die Frage nach dem Wieso den ganzen Sommer beschäftigt hat. Das lässt einen nicht los. Es war für mich überraschend und nicht nachvollziehbar.

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?
Zu keinem, das ist es ja. Ich kann nicht verstehen, wieso mich sämtliche Verantwortliche der Politik – einschließlich des Holding-Chefs – auffordern, mich in die Wiederbewerbung zu begeben und mir klar sagen, dass sie erfreut wären, wenn ich meine Arbeit fortsetze, und dann entscheidet man sich für eine andere Kandidatin. Dass ein Konzept am Papier quasi drei Jahre Arbeit hier in Graz aussticht ... Ich kann das nicht nachvollziehen. 

Wie haben Sie die Reaktionen darauf wahrgenommen?
Privat habe ich viele Mails und Nachrichten bekommen. In der Öffentlichkeit ist es ein bisschen verpufft, weil alle im Sommerurlaub waren. 

Ulrich Lenz im Gespräch mit Redakteurin Hannah Michaeler
Ulrich Lenz im Gespräch mit Redakteurin Hannah Michaeler(Bild: Christian Jauschowetz)

Wie gehen Sie jetzt in die kommende Saison?
Mit Vollgas, demselben Elan und demselben Herzblut, wie in den letzten drei Spielzeiten. Ich kann ja gar nicht anders. Es ist mit einem bittersüßen Geschmack verbunden, aber am Ende will ich gute Kunst machen. Ich hoffe, dass man mich lässt, weil mit Sparmaßnahmen kann man noch vielem den Garaus machen.

Fürchten Sie, dass jetzt noch neue Sparvorgaben für die nächste Spielzeit kommen?
Im Juni kam noch eine Weitere für die laufende Spielzeit. Da habe ich versucht zu opponieren, zu sagen: Lasst uns das bitte seriös machen. Wie soll ich denn für diese Spielzeit noch einen siebenstelligen Betrag raushauen? 

Für die fertig geplante Spielzeit?
Völlig fertig geplant. Ich habe ja rechtsgültige Verträge mit Künstlern. In der langfristigen Planung kann man recht viel machen. Wir haben viel durchgerechnet und ganz viele Anforderungen umgesetzt. Irgendwo ist aber die Grenze – vor allem in der Kurzfristigkeit. Das macht die Arbeit unplanbar und unseriös. 

Wo haben Sie den siebenstelligen Betrag gespart?
Wir sind da noch am Basteln. Das sind aber irgendwann Dinge, die das Publikum auch spürt. 85 Prozent des Budgets sind Personalkosten – die stehen fest. Man will am Personalstand auch festhalten. Jeder Mensch ist wichtig und macht eh schon Arbeit für zwei.

Den Sparzwang gibt es hier und auch in Deutschland. Was kann man diesem finanziellen Druck als Kulturinstitution generell entgegenstellen?
Das ist im Augenblick sehr schwer. Man kann gemeinsam kreative Lösungen finden. Das heißt: auf Augenhöhe. Aber zu sagen: Jetzt brauche ich noch einmal eine Million Euro – das ist nicht gemeinsam, das ist eine Vorgabe. Das hat Konsequenzen. Dann werden bestimmte Dinge wegfallen.

Zitat Icon

Gute Oper heißt, dass die Umsetzung nicht eine Idee am Papier bleibt, sondern dass sie fühlbar wird.

Ulrich Lenz

Sehen Sie die Oper an sich politisch bedroht?
In gewisser Weise schon. Es hängt davon ab, wie die Politik da auch meinungsmäßig Einfluss nimmt, aber ja. Über die Sparzwänge wird auch politisch Einfluss ausgeübt. Das gemeinsam und im besten Sinne demokratisch anzugehen, würde auch der Freiheit der Kunst nützen.

Auf welche Highlights der Saison freuen Sie sich besonders?
Jede Produktion ist für mich ein Highlight. Alles, was wir bringen, ist mit vollster Überzeugung auf den Spielplan gesetzt. Es beginnt, die Genregrenzen übersteigend, mit „La Damnation de Faust“, geht weiter mit einem Klassiker des Ballettrepertoires, „Romeo und Julia“, der in einer postapokalyptischen Welt spielt. Wir haben Klassiker wie „La Bohème“ oder eine zeitgenössische Oper wie „Monster‘s Paradise“ von Olga Neuwirth. Ich finde diese Abwechslung super spannend.

Zeitgenössische Produktionen wie „Monster‘s Paradise“ zu verkaufen ist ja nicht immer ganz leicht. 
In Hamburg, wo die Uraufführung war, wurde mir gesagt, es war die bestverkaufte Produktion der neuen Intendanz. Man fördert das Genre Oper mit Subventionen, weil es sich nicht selbst finanziert wie ein Musical oder Taylor Swift. Oper wurde zu allen Zeiten finanziell unterstützt. Solange wir zu dieser Grundvereinbarung stehen, müssen wir unbedingt Werke wie „Monster‘s Paradise“ auch spielen, zumal in Graz, wo Olga Neuwirth herkommt. Wenn wir nur „La Bohème“, „Tosca“ und „Turandot“ spielen, wär‘s ein bisschen langweilig für ein Publikum, das sich mehr als nur eine Oper im Jahr anschauen will. 

Sie holen „Regie-Kaliber“ nach Graz. Was muss eine Operninszenierung heute leisten, damit sie relevant ist?
Für mich ist wichtig, dass Regisseur/Regisseurin und Stück zusammenpassen. Ich frage die Künstler auch: Wofür brennst du? Gute Oper heißt, dass die Umsetzung nicht eine Idee am Papier bleibt, sondern dass sie fühlbar wird. Dass ich keine Erklärung für ein Konzept brauche. Dann kann auch ein unbekannteres Werk großen Zuspruch finden. 

Haben Sie schon konkrete Pläne ab 2028?
Nein, das ist alles noch ganz frisch. Ich glaube, dass mir hier in Graz einiges gelungen ist, insofern kann ich mir schon vorstellen, auch weiter als Intendant zu wirken – dann eben an einem anderen Haus. Aber ich habe die Glaskugel nicht. Jetzt ist mein Fokus erst einmal auf dieser und der nächsten Spielzeit in Graz. 

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