Als erste Salzburger Opernpremiere erlebte man Georges Bizets Meisterwerk unter Publikumsliebling Teodor Currentzis in düsterer Inszenierung. Asmik Grigorian & Jonathan Tetelman begeistern in den Hauptrollen.
Seit Wochen brodelte die Gerüchteküche. Mit welchen Gags wird die belgisch-italienische Regisseurin und Choreografin der Tanztruppe Peeping Tom, Gabriela Carrizo, Bizets „Carmen“ zur Eröffnung der Salzburger Festspiele aufpeppen? In Interviews versprach sie, eine neue Carmen und einen neuen Don José zu zeigen, wie man sie nicht kennt. Die Premiere, die übrigens nicht nur Begeisterung auslöste, bestätigte eines: Carrizo gelang eine handwerklich perfekte, mit Akkuratesse gearbeitete Performance, die sich aber in spekulativen Spielereien verzettelt.
Adieu, freiheits- und lebenshungrige Carmencita! Abschied vom bunten Postkarten-Spanien, vom mediterranen Zauber, von dem der Philosoph Friedrich Nietzsche so schwärmte.
Dieses Sevilla Carrizos und des Ausstatters Christof Hetzer ist eine trostlos graue, finstere Felswüste unter einem blutroten Himmel. Endzeit! Bonjour Tristesse. Carrizo „zoomt“ die Figuren, um ihr Innenleben, ihre Gemütszustände zu ergründen. Und um die analytischen Ergebnisse sichtbar zu machen und den psychischen Zuständen und unterbewussten Zwängen „Körperlichkeit“ zu geben, doubelt sie die Hauptfiguren mit Tänzern ihrer Peeping-Tom-Gruppe.
Das wirkt allzu oft überinszeniert. Etwa wenn Don Josés Mutter ihn durch das ganze Werk begleitet, um seine psychischen Zwänge und seine Opferrolle zu erklären. Ihre Leiche wird zuletzt in einem Teich versenkt. Oder wenn zu Escamillos Torero-Lied ein Tänzer die Angst vor dem Tod fühlbar machen soll. Den Schluss gestaltet Carrizo effektvoll als Stellungskampf zwischen Mann und Frau, während der Chor das grausame Ritual der Corrida vollzieht. Die für die Handlung wichtigen Dialoge streicht sie.
Die Besetzung hilft Carrizo, einige Regie-Probleme zu kaschieren. Vor allem Asmik Grigorian ist als „neue“ punkige Carmen eine starke Persönlichkeit. Sie schafft es, Rollenklischees, etwa der sexualisierten, von Machos manipulierten Frau, auszuweichen. Wenig Dämonie zeigt ihre Kartenarie. Mit kühler Leidenschaft und unbeugsamem Freiheitsdrang singt sie die Partie – voll Espressivo, wenn auch ihrem Sopran mitunter die Mezzofarben fehlen.
Jonathan Tetelmans Don José beeindruckt durch sehr menschlichen, verletzlich wirkenden Ausdruck. Delikat die Blumenarie. Davide Lucianos nobler Bariton gibt dem Torero-Lied Glanz. Verlässlich: Kristina Mikhitaryans Micaela. Teodor Currentzis stürzt sich mit seinem Utopia Orchester mit Leidenschaft und Lust an grellen Farben ins Dirigat, verliert aber allzu oft die Spannung.
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