Die „Krone“ stellt alle heimischen Kandidaten für den Song Contest vor. Die eigentlich aus Bayern stammenden und in Österreich verstreuten Reverend Stomp gehen mit dem Lied „Mescalero Ranger“ ins Rennen um den Song Contest. Mit ihrem Blues- und Garage-Rock-Sound sind sie die etwas andere Band unter allen Bewerbern. Frontmann Christoph Mooser erzählt uns im Interview, warum das trotzdem gut passen könnte.
„Krone“: Christoph, mit Reverend Stomp seid ihr unter den besten zwölf, die am 20. Februar bei „Vienna Calling“ auf ORF 1 um den Platz für Österreich beim Song Contest in Wien kämpfen. Mit eurem bluesigen Rock seid ihr die etwas unerwartete Band – was hat euch dazu bewogen, euch zu bewerben?
Christoph Mooser: Normalerweise suchen ja bestimmte Scouts die Kandidaten heraus, aber dieses Mal gab es seitens des ORF einen offenen Call, auf den sich jeder, der Lust hatte, melden konnte. Es hat sich also plötzlich die Möglichkeit ergeben, unsere Musik überhaupt an den ORF herantragen zu können, also haben wir es einfach gemacht und geschaut, was passiert. Wir hatten nichts zu verlieren.
Im Endeffekt haben es 520 verschiedene Bewerber aus allen Bundesländern und Genres versucht. Habt ihr das im Gefühl gehabt, dass ihr unter den besten Zwölf landen könntet?
Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, was man unserer Musik vielleicht anhört. (lacht) Genremäßig kommen wir doch aus einer ganz anderen Schiene und haben es auf gut Glück probiert. Im Endeffekt sind wir sehr überrascht darüber, dass wir im Finale dabei sind. Auf jeden Fall freuen wir uns schon sehr.
Wo würdet ihr euch denn musikalisch selbst einordnen und warum wollt ihr mit diesem Sound zum Song Contest?
Wir orientieren uns sehr stark an älterer Musik wie Blues oder 60s-Garage-Rock. Von dort kommen wir her. Wenn man ein atmosphärisches Bild dafür hernehmen möchte, passen wir gut in rauchige Kneipen, auch wenn man längst nirgends mehr rauchen darf. So Clubs und Bars, wo die Sticker auf der Wand kleben. Jetzt stehen wir auf der großen Bühne mit viel Licht. Darauf müssen wir uns erst einmal einstellen.
Euer ESC-Song heißt „Mescalero Ranger“ – den habt ihr aber nicht extra für den Song Contest geschrieben?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben einen „ESC-Edit“ gemacht, ihn also so verkürzt, dass er tendenziell in den Bewerb passt. Beim ESC dürfen Lieder maximal drei Minuten lang sein, „Mescalero Ranger“ hat eigentlich 4:30 Minuten. Der Song steckt bei uns schon seit einem Jahr in der Schublade und wir haben nur auf den richtigen Moment für ihn gewartet. Der ist jetzt gekommen.
Was hat denn genau diese Nummer für eine potenzielle ESC-Beteiligung qualifiziert?
Der Song heißt genauso wie das dazugehörige Album, das wir Ende Jänner veröffentlicht haben. Das sagt eigentlich schon alles. Wir haben uns bandintern darauf eingeschworen, dass dieses Lied die meiste Aufmerksamkeit kriegen soll, insofern war er als ESC-Track prädestiniert.
Welche Botschaft steckt hinter dem „Mescalero Ranger“? Musikalisch als auch inhaltlich.
Er beschreibt einen ganz bestimmten Wendepunkt im Leben. Man kennt das vielleicht, dass eine bestimmte Idee in einem floriert, die dann wirklich dafür sorgt, dass dadurch eine Art von Persönlichkeitswandel zustandekommt. Erst trägt man da nur ein gewisses Gefühl in sich und mit Fortdauer entwickeln sich eine gewisse Erkenntnis und Klarheit darüber. Ich rede jetzt bewusst sehr metaphorisch, weil ich das wichtig finde. Wenn man zu präzise wird, löst das den Rahmen, in dem jeder für sich interpretieren kann. Ein Lied soll meiner Ansicht nach immer sehr offen sein. Im Endeffekt bedeutet das Lied gleichermaßen Abschied wie Aufbruch.
Ist diese Lebenszäsur aus einer persönlichen Erfahrung von dir heraus geboren?
Natürlich. Ich glaube, das kennt jeder. Einerseits von Erlebnissen, die man kennt und dann auch wieder aus Mangel an solchen Erlebnissen, wo man sich oft wünscht, dass gewisse Dinge passieren. Im Laufe des Lebens verändert man sich und irgendwann verliert man sein älteres Ich und wundert sich darüber, wo man vor zehn Jahren im Leben stand – verglichen zur Gegenwart. Aber das ist immer ein schleichender Prozess. Es gab aber irgendwann diesen Punkt der Veränderung und genau darum geht es.
Beim Song Contest geht es stark um das Visuelle und Performative. Habt ihr euch schon überlegt, wie ihr bei „Vienna Calling“ und vielleicht darüber hinaus auftreten werdet?
Wir haben uns schon etwas überlegt, aber das ist noch nicht komplett spruchreif. Man kann so viel sagen: Wir sind eine Liveband und werden auch live auftreten. Der Rest ist noch ein bisschen top secret.
Geht es bei eurem ganzen Album um Themen wie Persönlichkeitsentwicklung und -veränderung oder ist das eher auf den „Mescalero Ranger“ beschränkt?
Die Persönlichkeitsentwicklung ist an sich ein Thema, das uns sehr interessiert. Wir greifen oft Themen von einer psychologischen Ebene her auf oder behandeln Dinge, die mit Selbstreflexion zu tun haben. Dieses atmosphärische Bild ist der kalifornischen Küste und dem „Texmex“ zuzuordnen, der texanisch-mexikanischen Grenze. Das Feeling der Musik von dort haben wir für unser Album aufgegriffen als wichtige Inspiration.
Gibt es für euch bestimmte Vorbilder oder Säulenheilige, die auch textlich oder musikalisch besonders inspirieren?
Es gibt nach wie vor ganz viele Künstler, die für uns eine große Rolle spielen. Am wichtigsten sind die Beatles, die habe ich schon von meinen Eltern mitbekommen. In meiner Teenagerphase war ich eine Zeit lang mit sehr viel anderer Musik beschäftigt, aber ich bin immer wieder zu den Beatles zurückgekehrt und das wird sich nicht mehr ändern. Ich habe da eine Kurve gemacht und bin sozusagen wieder zurückgekehrt. Von den aktuellen Künstlern spricht mich etwa die Musik von Nick Waterhouse extrem an. Er nimmt den Touch der Alten mit und stellt den Sound darum ein bisschen moderner dar. So versuchen wir das bei uns auch zu machen. Wenn man sich alte Rockplatten anhört, ist das für mich echte Musik. Ehrlich, wahrhaftig und authentisch. Das versuche ich zu spüren und dann wollen wir unser eigenes Ding draus machen.
Ihr seid ein bisschen das trojanische Pferd für Österreich, denn strenggenommen seid ihr alle Deutsche …
Aber das ist doch gut, denn der Song Contest steht für Gemeinschaft und Verbindung. Dass wir Deutsche sind und für Österreich antreten, das ist doch ein schönes Bild.
Welche Song-Contest-Erfahrungen habt ihr als Band eigentlich? Habt ihr den Bewerb selbst öfter verfolgt? Kann man euch als Fans bezeichnen?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben uns überlegt, was wir mit dem Album machen können, um den nächsten Schritt in unserer Karriere zu gehen. Wir sind schon länger selbstverwaltet unterwegs, spielten schon einige kleine Tourneen und haben bislang auch alles auf eigene Faust veröffentlicht. Dieses Jahr sind wir das erste Mal bei einem Plattenlabel und wir haben versucht, neue Sachen zu wagen, die wir noch nie probiert haben – wie etwa die Bewerbung zum Song Contest.
Wo ist denn der kleinste gemeinsame Nenner zwischen dem Eurovision Song Contest und Reverend Stomp?
Beim Spaß an der Musik. Wir sind eine richtige Liveband und leben dafür. Musik ist etwas Verbindendes und sehr Wichtiges im Leben und ich denke, mit der Einstellung gehen wir mit dem Song Contest d’accord.
Der Song Contest in Wien wird heuer politischer als je zuvor. Gesetz des Falles, dass ihr Österreich im Finale vertreten werdet – wie blickt ihr dieser Thematik entgegen?
Ich habe eine klare persönliche Meinung, die ich als Künstler aber nicht nach außen tragen möchte. In diesem Sinne würde ich sagen, dass das Thema eine systematisch-strukturelle Sache ist, die man nicht auf die einzelnen Individuen festmachen kann, die beim Song Contest für ihre Länder antreten. Ich sehe natürlich, dass da etwas ist, das ständig Kontroversen auslöst. Wie gesagt habe ich dazu eine persönliche Haltung. Als Künstler möchte ich aber mit meiner Band zusammen eine so gute Zeit wie möglich haben.
Der Slogan des diesjährigen Song Contest ist „United By Music“ – wird dieser Slogan stärker wirken als die tagespolitische Situation?
Wir werden es sehen. Es ist eine schwierige Frage und ich weiß darauf auch keine Antwort.
Gibt es eigentlich Song-Contest-Momente aus deiner persönlichen Vergangenheit? Irgendwelche Erinnerungen, die dich geprägt haben?
Ja, ich kann mich schon an ein paar Bewerbe erinnern, die ich als Kind gesehen habe. Ich erinnere mich etwa noch gut an Guildo Horn. Das war ein Ohrwurm, der auf jeden Fall lang geblieben ist.
Würdest du sagen, dass der Song Contest öfter erdige Rockbands wie euch vertragen würde?
Prinzipiell ja. Der Song Contest steht für Diversität und Vielseitigkeit und das ist gut so. Wir sind einfach gespannt darauf, was diese Welt uns zu bieten hat und wie weit wir noch kommen können. Wir nehmen die Dinge so, wie sie kommen.
Kann eine Song-Contest-Teilnahme für eine erdige Rockband eigentlich auch ein Bumerang werden, weil man normalerweise nicht in diesen Gefilden unterwegs ist?
Ich glaube, es kann beides sein. Wir haben uns dazu entschieden das mit unserer Musik zu machen und dazu stehen wir. Ob wir jetzt beim Song Contest oder ganz woanders gespielt werden, macht keinen Unterschied in die Richtung, dass es manchen gefällt und manchen nicht. Wir müssen keine Imagepflege betreiben, sondern machen, was wir machen wollen.
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