Die „Krone“ stellt alle heimischen Kandidaten für den Song Contest vor. Die Kärntnerin Bamlak Werner ergründet in ihrem Beitrag „We Are Not Just One Thing“ gleichermaßen ihre äthiopischen wie österreichischen Wurzeln und kämpft damit um den Einzug ins ESC-Finale. Der „Krone“ gibt sie vorab nähere Einblicke in ihr bisheriges musikalisches Leben, wie sehr sie sich nun öffnet und wieso sie akribisch auf die große Bühne hinarbeitet.
„Krone“: Bamlak, wie fühlt es sich an, wenn man von rund 520 Bewerbern unter den besten zwölf übrigbleibt, um für Österreich beim Song Contest 2026 Wien anzutreten?
Bamlak Werner: Es ist unbeschreiblich. Es fühlt sich schon jetzt alles so groß und wohlig an – ich weiß gar nicht, wie es mir geht, wenn ich bei „Vienna Calling“ mit der Show durch bin. Ich glaube, das Wort überwältigend trifft es am besten.
Was hat dich dazu bewogen, dich dieses Mal zu bewerben und hast du es früher auch schon öfters versucht?
Diese Jahr war mein erster Versuch und alle guten Geister scheinen mit mir zu sein. Ich muss mich sehr bei Peter Schreiber bedanken, der unter anderem auswählt, und mich letzten März angeschrieben hat, um zu fragen, ob ich nicht mitmachen möchte. Ich schickte ihm einen Song und es hat gut gepasst. Aber wie schreibt man einen guten ESC-Song? Ich ging ins ESC-Songwritingcamp und da wurde mir schlagartig klar, es geht um eine unglaubliche Chance. Um eine riesige Bühne, die für Gemeinschaft, Kunst und Ausdruck steht. Die uns verbindet. Dann hatte ich auch noch das Glück, auf den richtigen Songwriter und Produzenten zu treffen. Wir haben uns über Musik und unsere Wünsche im Leben ausgetauscht und es war wie kreative Liebe auf den ersten Blick.
Daraus entstand dein Song „We Are Not Just One Thing” – er wurde also extra auf den Song Contest hingeschrieben?
Ausgerechnet am 20. Jahrestag meiner Adoption haben wir im Camp einen mitreißenden Song geschrieben, der meine äthiopischen und österreichischen Wurzeln zusammengefügt hat. Ich stellte mir Fragen, wie „was ist das Bindeglied zwischen den beiden Kulturen?“ Wir haben zu dritt an einem Song geschrieben und nur geweint, weil es so emotional war. Nach dem Camp war uns klar, dass wir gemeinsam an einem Song für den ESC schreiben müssten. Und zwar nicht irgendwie, sondern so richtig mit Zeit nehmen bis Oktober und so lange daran feilen, bis er für uns perfekt wäre. Bis der Song wirklich fertig war, sind drei bis vier Monate vergangen. Wir sind durch viele Gefühlslagen gegangen, haben lange daran gebastelt. Dass man am Ende den Anruf bekommt, der besagt, man wäre unter den besten zwölf Kandidaten, war ein Wahnsinn. Es fühlt sich wie Ankommen an. Man wird gesehen für die ganze harte Arbeit. Es steckt so viel in dem Lied.
Was ist denn die Kernbotschaft deines Songs? Wie kann man ihn sich vorstellen?
Die Nummer bedeutet mir dieses Gemeinsame, das wir als Team erschaffen haben. Sie bedeutet Mut, weil es nicht so einfach ist zu sagen, dass man nur eine Sache sei. Es ist viel leichter zu sagen, ich bin genau dieses oder jenes, als zu sagen, dass ich heute grün, morgen pink, übermorgen glitzernd und eine Woche später eifersüchtig bin. Wir sind aber komplexer – Österreicher, Europäer, Menschen. Was sind wir Österreicher? Die Fußballnation? Die Skination? Sind wir die Bäckermeister der Welt? Eigentlich können wir alles, weil wir alles andere als eindimensional sind. Das ist schön und wenn wir das sehen, bemerken wir auch, das uns alle viel mehr miteinander verbindet, als wir glauben.
Passt das Lied deshalb auch besonders gut zum Song Contest, der auch für Gemeinschaft, Vielseitigkeit und Glitzer steht?
Das müssen die Österreicher am 20. Februar bei „Vienna Calling“ entscheiden. Wir hatten im Team schon unseren Moment mit Tränen in den Augen. Wir haben uns in erster Linie überlegt, ob das Lied zu uns und zu unserer Kunst passt. Repräsentiert es das, was wir als Kunst nach außen transportieren wollen? Wenn man mit Kunst ehrlich umgeht, dann kommt von ihr viel Schönes zurück.
In welche Richtung wird „We Are Not Just One Thing” musikalisch gehen?
Ich habe den Song einem meiner besten Freunde vorgespielt, den ich schon kenne, seit ich 14 Jahre alt bin. Er gab die Kopfhörer rauf, hörte rein, schaute mich an und meinte: „Das ist deine Homecoming-Hymne“. Der redet nie Englisch und wenn er mal ein englisches Wort in den Mund nimmt, dann habe ich wirklich was richtig gemacht. (lacht) Er meinte, der Song klinge wie eine Fanfare - und vielleicht ist so eine kleine Fanfare das, was der Song Contest heuer braucht. Im Sound ist von äthiopischen Trommeln bis zum Kärntner Jodler alles drinnen, was mich widerspiegelt – und das Lied ist zweisprachig. Es wird viele Hörer überraschen, aber ich vertraue darauf, dass die Menschen mir und meinen Worten zuhören und dabei ein Verständnis entwickeln können, warum das Lied so ist, wie es ist.
Der visuelle Aspekt ist beim Song Contest mindestens genauso wichtig wie der auditive. Was kann man sich bezüglich deines Bühnenbilds vorstellen?
Das ist eine sehr gute Frage, die wir uns auch schon seit einigen Wochen stellen. (lacht) Mein Designer grübelt Tag und Nacht darüber nach, wie wir dieses Lied auf die Bühne stellen werden – vor allem all die vielen kulturellen Aspekte. Licht, Bild und Kostüm werden auf jeden Fall perfekt zum Lied passen - so viel kann ich schon verraten.
Welche bislang unbekannten Facetten von dir wird man bei der Show mit dem Lied kennenlernen können?
Verlässlichkeit. Etwas, was ich schon oft versucht habe in meinen Songs zu zeigen, aber dieses Mal in einer neuen Farbe und in neuen Facetten. Wenn man das Leben lebt, dann kracht es manchmal, man fällt hin und muss wieder aufstehen. Man wundert sich, was man in zwei Minuten und 45 Sekunden alles von sich präsentieren und preisgeben kann, aber es ist wirklich erstaunlich, wie viel von meiner Geschichte in diesem einen Lied steckt.
Wann hat deine Leidenschaft für den Song Contest eigentlich begonnen?
Ich bin als Kind ohne Fernseher aufgewachsen, aber 2014 bin ich zufällig beim Büro meines Papas vorbeispaziert und auf seinem Computer lief gerade eine wilde Show, welche er sich normalerweise nicht anschaut. Er hat mir dann erklärt, dass es sich um den Song Contest handle und welches Konzept dahinter stünde. Da dachte ich mir das erste Mal, wie cool es sein muss, auf so einer Bühne zu stehen. Ich wusste sonst noch überhaupt nichts davon und ein paar Jahre später kämpfe ich tatsächlich um einen Platz dort – was für eine Reise.
Name: Bamlak Werner
Mein Song für den ESC: „We Are Not Just One Thing“
Herkunft: Kärnten
Musikalisches Idol: Ella Fitzgerald
Liebster heimischer Song-Contest-Teilnehmer: Conchita Wurst
Liebster ESC-Song: „Amar pelos dois“ (Salvador Sobral, 2017)
Diesen Platz hole ich beim ESC für Österreich: Würde ich in den Top 10 landen, wäre das schon ein unglaublicher Erfolg.
Ich nehme an, wer so weit kommt, will dann noch unbedingt den letzten Schritt zum Bewerb schaffen?
Gewinnen wäre echt schön, denn von meiner Wohnung wäre das nur ein 15-Minuten-Spaziergang bis zur Wiener Stadthalle – wie lustig wäre das? Ich habe schon davon geträumt und mir das so lustig vorgestellt, wie ich mit meinem Koffer dahinspaziere, mich jemand aufhält und fragt, was ich tue, und ich antworte: „Ich repräsentiere Österreich beim Song Contest“. Aber Schmäh beiseite – es geht da gar nicht so sehr um die Erfüllung eines Traums, das wäre schon zu groß gegriffen. Es wäre ein Vertrauensbeweis von Österreich an mich, wo ich mir nicht einmal sicher dabei bin, ob ich den einfordern darf. Es wäre einfach wunderschön, im Finale stehen zu dürfen.
Das diesjährige ESC-Motto ist „United By Music“ – wenn man sich die Diskussion um die Teilnahme Israels und die vielen Absagen so ansieht, herrschte schon mal mehr Gemeinschaft. Was bedeutet dieser politisch aufgeladene Song Contest für dich als singende Künstlerin?
Da kann ich auf einen Glaubenssatz zurückgreifen, der mich schon mein Leben lang begleitet und der von vielen tollen Menschen in meinem Leben geprägt wurde: Die Kunst und Kultur sind ein Spiegelbild der Zeit und die Geschichte passiert dabei automatisch – ob man will oder nicht. Wir Künstlerinnen sind Teil dieses Spiegelbilds und oft kann man erst viel später reflektieren, was gerade passiert ist. Die Diskussionen sind Teil der Menschlichkeit und der Menschen. Es ist kein einfaches Jahr, aber umso schöner ist es, die Kunst zu haben und damit einen Funken von Gemeinschaftsglauben zu setzen. Das ist in dieser Zeit ganz viel wert.
Gehst du den politischen Diskussionen mit Sorge entgegen? Wird es den Wert der Kunst schmälern?
Das ist eine sehr komplexe Frage, die ich selbst noch für mich beantworten muss. Ich beschäftige mich stark mit dem Thema und setze mich intensiv mit Politik und Geschichte auseinander, aber ich kann dazu kein konkretes Statement abgeben.
Einige Leute kennen dich musikalisch unter deinem Alter Ego Cloudhead – gibt es das Projekt auch noch?
Cloudhead ist tot. Es klingt jetzt wahrscheinlich kitschig, aber der Unterschied ist die Transparenz. Dass ich mich traue, meinen bürgerlichen Namen zu sagen. Dieses Vertrauen zu mir selbst musste jetzt kommen, dass ich mich offiziell eintrage als Bamlak Werner. Mein Leben lang wurden diese Namen durch die Gegend gewürfelt, weshalb ich mich hinter Cloudhead versteckte. Damit war aber auch ein bisschen Identität aus der Welt geschafft. Wenn man Unterstützung haben möchte, muss man den Menschen ehrlich begegnen. Das tue ich hiermit.
Inkludiert das automatisch, dass du deine Lieder in Zukunft noch offener und ehrlicher schreiben musst, da kein Verstecken hinter einem Pseudonym mehr möglich ist?
Das klingt ein bisschen hart, denn ehrlich war ich immer und die Kunst kommt sowieso zu mir. Die Ehrlichkeit, die mir jetzt entgegenkommt, nehme ich an und versuche sie so gut wie möglich weiterzuleiten. Die Musik ist bei mir bislang eine unglaubliche Reise und vielleicht erreiche ich noch Formen der Ehrlichkeit, die ich mir gar nicht zugetraut hätte. Vielleicht beschenkt mich die Kunst, vielleicht überwältigt sie mich auch – wer weiß?
Man muss offen und neugierig auf alles zugehen.
Ja, und Offenheit ist ein Schlüsselwort für „We Are Not Just One Thing“. Die Offenheit hat sich schon in der Produktion entwickelt, weil wir gemeinsam mit viel Vertrauen zueinander daran basteln konnten. Wenn es diese Art von Offenheit in der Gesellschaft öfter geben würde, wäre die Welt ein besserer Ort. Vielleicht ist es auch ein bisschen naiv, das in einer Zeit wie der heutigen zu sagen, vielleicht braucht es aber auch genau diese Form der Naivität.
Was begeistert dich so besonders am Song Contest?
Tatsächlich die Vielfalt. Der „ESC-Song“ ist ein eigenes Genre für sich, das war mir bis vor einem halben Jahr gar nicht wirklich bewusst. Ich habe Musik und Gesangspädagogik studiert und würde schon behaupten, dass man nach acht Semestern einen kleinen, aber feinen Überblick über Pop- und Liedanalyse hat, aber dass der „ESC-Song“ ein Genre an sich ist, hat mich noch einmal ordentlich durchgeschüttelt. Ich begann mit vier Jahren Geige zu spielen, ging dann über auf die Flöte und habe eine Ausbildung in Ballett, Musical und klassischem Gesang. Dann bin ich beim Jazzgesang gelandet und jetzt kommt der Song Contest um die Ecke. Das ist für mich ein Ankommen. Die Faszination des Song Contest ist für mich, dass man all dieses unterschiedliche musikalische Wissen und all seine Gefühle vermischen und gemeinschaftlich verpackt vortragen kann.
Hast du eigentlich spezielle Spleens oder irgendwelche Ticks, ohne die du dich nicht auf eine Bühne stellen kannst?
Ich bin schon ein abergläubischer Mensch. Am schönsten ist es, wenn meine Eltern im Publikum sitzen, das ist ein automatischer Glücksbringer. Oder wenn mein Partner Valentin hinter der Bühne steht. Der ist so ein großer Ruhepol, da ist sofort alles gut. Ansonsten klopfe ich mir, unmittelbar bevor ich auf eine Bühne gehe, auf die Brust, weil das Adrenalin freisetzt. Ich hoffe, dass ich nicht so viel mit den Händen herumfuchtle, weil mir das immer passiert und ich hoffe auch, dass die Kamera da nicht dauernd draufhält. Vor einem Auftritt gehe ich eine Runde laufen, gurgle und blubbere dann mit Salbeitee zum Schutz der Stimme.
Das klingt rundum nach professioneller Vorbereitung …
Ja schon, und es hat bei mir auch ziemlich lange gebraucht einzusehen, dass das nicht alles nur ein Geschenk ist. Also ich bin nicht eines Tages aufgewacht und konnte singen. Singen können viele Menschen, aber wie klingt der Ton richtig? Wie performe ich dazu? Wie schaue ich einen Menschen an, wenn ich genau dieses eine Wort singe? Und hört es sich so an, als wäre meine Musik völlig verkopft? Da unterscheidet es sich dann. Man trainiert viel, damit man dann eine natürliche Performance an den Tag legen kann. Man kann auf der Bühne nur locker sein, wenn man in sich und mit sich selbst sicher ist.
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