Sie betäuben Frauen, missbrauchen sie, teilen davon Aufnahmen und tauschen sich im Netz aus. Nach dem fassunglos machenden Fall aus Marchtrenk in Oberösterreich sind internationale Ermittler Täter-Netzwerken auf der Spur.
Der Fall von Marchtrenk macht fassungslos: Eine 40-Jährige wurde – wie berichtet – Ende Juni schwer verletzt in ihrem Wohnhaus in Oberösterreich gefunden. Für sie kam jede Hilfe zu spät. Laut Staatsanwaltschaft soll es zuvor zu sexuellen Handlungen des 51-jährigen Ehemanns und eines zweiten Mannes an der wehrlosen Frau gekommen sein. Beide sitzen nun in Haft.
Und genau dieses Tatmuster erinnert an ein Phänomen, das Ermittler in ganz Europa alarmiert.
Ohne soziale Medien und die Möglichkeit des anonymen Austauschs wäre ein solches Ausmaß kaum denkbar.
Petra Huber-Lintner, Leiterin des Büros für Allgemeine Kriminalität im Bundeskriminalamt
158 Opfer ähnlich wie „Fall Pelicot“ identifiziert
Unter dem Namen „Medusa“ gehen internationale Ermittler im großen Stil gegen Netzwerke vor, in denen Männer ihre eigenen Partnerinnen gezielt betäuben und anschließend sexuell missbrauchen sollen. Die Dimension ist erschreckend: Es wurden bereits 158 Opfer identifiziert, 274 neue Ermittlungsansätze gewonnen und vier frauenfeindliche Online-Netzwerke entdeckt.
Missbrauch oft über Jahre hinweg
Die Taten spielen sich oftmals in den eigenen vier Wänden der Opfer ab – und werden vom Partner verübt. Der Missbrauch soll dabei des Öfteren – ähnlich wie im Fall Gisèle Pelicot – über Jahre hinweg stattfinden.
Nach der Tat werden Aufnahmen der Übergriffe in frauenfeindlichen Gruppen im Netz verbreitet. Dort sollen sich die Männer über ihre Erfahrungen austauschen, über die Wirkung von Betäubungsmitteln sprechen und einander sogar Tipps geben, wie diese beschafft werden können.
Zehn Jahre lang wurde die heute 74-jährige Französin betäubt und systematisch missbraucht. Ihr Peiniger war nicht nur der eigene Ehemann, Dominique Pelicot, sondern 50 Typen, die sich an der Frau vergingen. Sie sitzen hinter Gittern. Am Ende siegte Gisèle Pelicot – mit ihrem legendären Schlussplädoyer ...
Sie wurde betäubt – mit Angstlösern und mit Schmerzmitteln. Ihr Mann fand das irgendwie lustig, weil er sich dabei „aufgeilen“ konnte. Zehn Jahre lang soll der Franzose seine ehemalige Ehefrau betäubt, vergewaltigt und – noch schlimmer – anderen Männer im Internet angeboten haben. Gisèle Pelicot wurde 200-mal vergewaltigt.
Die „Klienten“ meldeten sich an und vergingen sich einfach an der wehrlosen Frau. Aufgeflogen ist der Wahnsinn an einem Tag, an dem Pelicot Frauen in einem Supermarkt filmte. Unter der Kleidung, im Intimbereich. Er wurde festgenommen – sein Handy und Laptop beschlagnahmt: Die gesichteten Dateien waren selbst für hartgesottene Beamte grenzwertig. 20.000 Video- und Fotoaufnahmen von Vergewaltigungen seiner Frau. Er tat es selbst und ließ es durchführen. Von 80 Männern!
Was folgte, war ein Prozess, der nicht hinter verschlossenen Türen stattgefunden hat. Das heute 74-jährige Opfer wollte einen öffentlichen Prozess – und alle Fotos und Videos ihres Martyriums herzeigen, um die Gesellschaft wachzurütteln. Ihr Peiniger bekam 20 Jahre. 50 Mittäter sitzen ebenfalls hinter Gittern. Am Ende siegte Gisèle mit ihrem legendären Schlussplädoyer. „La honte change de camp.“ Also: „Die Scham wechselt die Seite.“
Drei Fälle in Österreich passen in das Schema
Genau diese Netzwerke wollen Ermittler nun aufbrechen. Die internationale Operation „Medusa“ wird von deutschen und britischen Behörden angeführt. Seit 6. August ist auch Österreich daran beteiligt. Und das aus gutem Grund: Hierzulande stehen drei Fälle im Raum, die in das Schema passen.
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