Ulrich Rasche eröffnet die Salzburger Festspiele mit einer eindrucksvollen, aber sich selbst behindernden Goethe-Deutung auf der Pernerinsel.
Größeres als die beiden Teile des Goethe’schen „Faust“ wurde in deutscher Sprache vielleicht nie geschrieben (die pauschale Diagnose muss gestattet sein). Es war also eine Königsidee des mittlerweile aus dem Amt tyrannisierten Intendanten Markus Hinterhäuser, die Umsetzung des ersten Teils dem wortversessenen Regisseur Ulrich Rasche anzuvertrauen. Der trägt klassische Texte quasi auf Händen, indem er sie durchritualisiert und -rhythmisiert, ohne sie deshalb auszutrocknen. Verhindert wird das einerseits durch die leidenschaftliche Textarbeit, andererseits durch Rasches Alleinstellungsmerkmal: Die rotierende Bühnenscheibe hält die Schauspieler am pausenlosen, expressiv durchchoreografierten Gehen.
Dieses Prinzip der Rastlosigkeit hat in Salzburg vor drei Jahren Lessings Diaspora-Juden Nathan, davor dem Kriegswüten der „Perser“ Gestalt gegeben. Beide Male stand die großartige Valery Tscheplanowa im Zentrum. Jetzt ist sie Goethes Hilfsteufel Mephisto, und Rasches Stilprinzip scheint wie für den „Faust“ erdacht: Geht es hier doch um nichts anderes, als dass dem schöpferischen Menschen jede Untat nachgesehen wird, solange er nicht im Vorwärtsrasen innehält.
Diesen Geniebegriff des Sturm und Drang setzt Rasche, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, mit tollen Schauspielern um. Steven Scharf wütet sich virtuos durch die Textgebirge des greisen Faust. Dass er nach seiner Verjüngung von Johannes Nussbaum verdoppelt wird, ist eine seit Peter Stein geläufige Übung. Valery Tscheplanowas Mephisto ist ein Wunder an katzenhafter Zerstörungs- und Verführungs-Aura. Anna Drexlers Gretchen und Max Rothbart als ihr Bruder Valentin ergänzen.
Mehr Personal braucht die Aufführung nicht, und das ist Vorzug und Schaden in einem. Denn einerseits ist dieser „Faust“ eindrucksvoll auf die Innen- und Außenwirkung des genialen Protagonisten konzentriert. Doch geht dadurch auch viel verloren, nämlich Goethes furioser Sarkasmus. Klar muss man streichen (sonst ist man bei 21 Stunden wie Peter Stein für beide Teile). Aber die Prologe, der akademische Zniacht Wagner, die Kupplerin Schwerdtlein, die Hexe, Auerbachs Keller: Da fehlt eine Hauptfarbe, und gern hätte man für etwas mehr Personal auf die endlosen Videozuspielungen verzichtet.
Nicht zu reden vom Studierzimmermonolog mit der Übersetzung von Johannes 1:1, „Im Anfang war die Tat“ – worin sich die Bewegung vom Sturm und Drang zu den Gewissheiten des bürgerlichen Zeitalters schon abzeichnet. Das wäre nützlicher gewesen als die breite Religionsdiskussion in der hier feministisch etwas übergewichteten Gretchentragödie.
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