Diesmal noch schwerer

Diese Briefe können nur wenige Menschen lesen

Wien
23.07.2026 19:00

Der „Krone“-Bericht über die kaum zu entziffernden Briefe der Wienbibliothek sorgte für Begeisterung bei Lesern. Doch: Sie waren eindeutig zu einfach. Jetzt legt die Wienbibliothek nach – mit Handschriften aus 1850 bis 1874.

Die Herausforderung kam an. Nach dem ersten Bericht über die Wienbibliothek und ihr Crowdsourcing-Projekt hagelte es Rückmeldungen: mehr Rätsel, bitte. Die Korrespondenzen aus 1914 bis 1934 hatten viele im Nu geknackt. Die Wienbibliothek liefert nach. „Rund 200.000 Briefe lagern im Haus. Wir haben also noch genug Material“, so Projektleiterin Alexandra Egger. Gestartet wurde mit den Jahren 1914 bis 1919, dann folgten 1920 bis 1934 – beide Zeiträume sind mittlerweile fast komplett transkribiert.

Zum Mitraten
Briefe und ihre Transkription

Diese Briefe haben bereits bestätigte Transkriptionen. Diese finden Sie im Bildtext. Aber testen Sie vorher einmal selbst ihr Geschick für alte Schriften.

Egon Schiele: 26. Februar 1915. Lieber A. R-R. ich gebe jetzt nach so viel Seiten Zeichnungen ...
Egon Schiele: 26. Februar 1915. Lieber A. R-R. ich gebe jetzt nach so viel Seiten Zeichnungen ab, so daß ich von nun an mir alle bestätigen lassen muß – vielleicht sind Sie so lieb und schreiben auf eine Karte, daß Sie „10 Stück schwarze Blätter zur Reproduktion in der Bruckm. Kunst” von mir auswählten. 13 nehmen Sie im Ganzen mit, drei davon überlasse ich Ihnen frei nach Ihrer Wahl, – nicht aber die Häuser die darunter sind, – die habe ich schon versprochen. Herzliche Grüße. EgonSchiele. Kann ich sehn was Sie über mich schreiben werden?(Bild: Wienbibliothek)
Alban Berg: Mein lieber Freund in Eile, damit Dich die Karte noch vor Deiner Abreise trifft. ...
Alban Berg: Mein lieber Freund in Eile, damit Dich die Karte noch vor Deiner Abreise trifft. Vielen Dank für Deinen lieben, herzlichen Brief, den ich demnächst ausführlich beantworten will, heute nur soviel, daß ich mit dem herrlichen Geburtstagsgeschenk sehr einverstanden bin u. mich dessen sehr freue. Sage mir nur welcher Teil auf mich fällt. Wenn beide Mappen möglich wären, wäre es natürlich umso viel schöner, das wäre dann quasi das Gesammtwerk Klimts!! Rauchmaterial: auch sehr gute Idee. Wenn Du also Montag nach Traunkirchen fährst, so sage Schönberg, daß ich mich an dem Geschenk auch beteiligt habe. Selbstverständlich schreibe ich ihm auch. – Soeben erhalte ich auch – unbegreiflicherweise – das Septemberhonorar, 3000 die ich keinesfalls annehme. Ich bitte Dich, lieber Freund, und die Herrn, die durch meinen Urlaub benachteiligt sind, dieses Dir und ihnen statt mir zukommende Honorar anzunehmen. Sobald Du zurück von Traunkirchen bist, sende ich Dir und Stein je 1000K u. Greisle u. Sachs je 500K Das ist nur Recht u. billig! Und nun leb wohl, mein Liebster, laß Dir‘s in Traunk. recht gut gehen! Dein Berg(Bild: Wienbibliothek)
Johann Nestroy: Berlin den 28sten July 853. Geehrter Herr und Freund! Bis heute war es mir ...
Johann Nestroy: Berlin den 28sten July 853. Geehrter Herr und Freund! Bis heute war es mir überhäufter Geschäfte wegen unmöglich, Ihr werthes Schreiben zu erwiedern. Leider ist es mir dermalen nicht möglich, Ihrem geschätzten Antrage nachzukommen, da mein dießjähriger Urlaub bereits mit Gastspielen derart besetzt ist, daß ich den, bereits seit Monathen contractlich eingegangenen nicht vollständig entsprechen kann. Seyn Sie überzeugt, daß es mir ein be=(Bild: Wienbibliothek)
Iduna Laube: Wien, d. 28. Aug 63. Meine theure Fräulein Bettÿ, seit lange schon habe ich das ...
Iduna Laube: Wien, d. 28. Aug 63. Meine theure Fräulein Bettÿ, seit lange schon habe ich das herzlichste Bedürfniß zu Ihnen zu sprechen und doch bin ich seit Wochen einer innern Öde verfallen, daß ich eigentlich nichts zu sa- gen habe. Aber die Erinnerung an Ihre treue Freundschaft für uns, die theilnehmend u tröstend ausharrte in den dunkelsten Tagen unserer schweren Leidenszeit er- quickt mein Herz mit inniger Dankbar- keit und drängt mich, Ihnen ein Mal aus- zusprechen wie treu ich dafür Sie liebe. Aus den bangsten Stunden des vorigen Winters taucht immer wieder Ihr Bild u das der guten Ida auf, wie Sie Beide mir(Bild: Wienbibliothek)

Warum lesen sich Transkripte so „komisch“?

Transkripte werden immer wortwörtlich erstellt. Das heißt, es werden auch Rechtschreibfehler oder alte Schreibweisen übernommen. Die Briefe, die wir hier zeigen, können also durchaus auch einmal mitten im Satz enden.

Alexandra Egger ist die Leiterin der Digitalen Services der Wienbibliothek im Rathaus. „Der ...
Alexandra Egger ist die Leiterin der Digitalen Services der Wienbibliothek im Rathaus. „Der Stoff für Rätselfreunde geht sicher nicht aus.“(Bild: Wienbibliothek)

Die nächste, härtere Etappe für Detektive
Jetzt kommt die besonders herausfordernde Etappe: Briefe aus 1850 bis 1874, aus der Wiener Gründerzeit. Rund 27.000 Stück warten, bisher sind erst rund 2000 übertragen. „Das ist eben das neueste Projekt, das haben wir erst seit Kurzem online, deswegen ist da noch viel zu tun“, erklärt Egger. 
Von rund 2000 registrierten Nutzern machen „mehrere Hundert“ wirklich mit, ein paar Dutzend fast täglich. Nötig ist nicht mehr als eine E-Mail-Adresse. Unter den Aktivsten sind laut Egger vor allem Damen in Pension, die Kurrentschrift noch gelernt oder beruflich gebraucht haben. Doch auch Jüngere sind dabei – gemeinsam ist allen die Liebe zur Wiener Geschichte.

Stellen Sie sich der Herausforderung
Diese Briefe konnte noch niemand knacken

Diese fünf Briefe wurden bisher noch nicht transkribiert. Stellen Sie sich der Herausforderung:

Joseph Christian von Zedlitz
Joseph Christian von Zedlitz(Bild: Wienbibliothek)
Franz Grillparzer
Franz Grillparzer(Bild: Wienbibliothek)
Ida Pfeiffer
Ida Pfeiffer(Bild: Wienbibliothek)
Bertha von Suttner
Bertha von Suttner(Bild: Wienbibliothek)
Emil Marriot
Emil Marriot(Bild: Wienbibliothek)

Wenn aus einer bloßen Initiale ein Mensch wird
Was die Nutzer reizt, ist die Mischung aus Rätsel und Entdeckung. „Ich glaube, da ist immer diese Hoffnung dabei, dass man in den Briefen etwas Spannendes entdeckt“, sagt Egger. Manche gehen weit über die Pflicht hinaus: Steht im Brief nur „Herr K.“, würde die Transkription reichen – „aber die Leute schreiben in den Kommentaren dazu, wer das sein könnte“, so Egger. Richtige biografische Spurensuche, freiwillig und unbezahlt.

Es sind schließlich echte Privatbriefe, keine drögen Geschäftsschreiben.
Unter den Absendern: große Namen wie Karl Kraus, Franz Grillparzer, die Familie Strauss. Für 1850 bis 1874 stark vertreten: die Frauenbewegung, mit Briefen von Marianne Hainisch und Auguste Fickert. Nur royaler Briefverkehr ist bis auf einige Ausnahmen eher im Staatsarchiv zu finden.

„Freuen uns über jede Hilfe“
Ironie am Rande: Egger selbst kann kein Kurrent lesen. „Für mich ist das oft nur eine Aneinanderreihung von Zeichen. Deshalb bin ich so froh, dass es diese Menschen gibt, die mir dabei helfen, das gut lesen zu können“, gesteht sie.

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