Der „Krone“-Bericht über die kaum zu entziffernden Briefe der Wienbibliothek sorgte für Begeisterung bei Lesern. Doch: Sie waren eindeutig zu einfach. Jetzt legt die Wienbibliothek nach – mit Handschriften aus 1850 bis 1874.
Die Herausforderung kam an. Nach dem ersten Bericht über die Wienbibliothek und ihr Crowdsourcing-Projekt hagelte es Rückmeldungen: mehr Rätsel, bitte. Die Korrespondenzen aus 1914 bis 1934 hatten viele im Nu geknackt. Die Wienbibliothek liefert nach. „Rund 200.000 Briefe lagern im Haus. Wir haben also noch genug Material“, so Projektleiterin Alexandra Egger. Gestartet wurde mit den Jahren 1914 bis 1919, dann folgten 1920 bis 1934 – beide Zeiträume sind mittlerweile fast komplett transkribiert.
Diese Briefe haben bereits bestätigte Transkriptionen. Diese finden Sie im Bildtext. Aber testen Sie vorher einmal selbst ihr Geschick für alte Schriften.




Transkripte werden immer wortwörtlich erstellt. Das heißt, es werden auch Rechtschreibfehler oder alte Schreibweisen übernommen. Die Briefe, die wir hier zeigen, können also durchaus auch einmal mitten im Satz enden.
Die nächste, härtere Etappe für Detektive
Jetzt kommt die besonders herausfordernde Etappe: Briefe aus 1850 bis 1874, aus der Wiener Gründerzeit. Rund 27.000 Stück warten, bisher sind erst rund 2000 übertragen. „Das ist eben das neueste Projekt, das haben wir erst seit Kurzem online, deswegen ist da noch viel zu tun“, erklärt Egger.
Von rund 2000 registrierten Nutzern machen „mehrere Hundert“ wirklich mit, ein paar Dutzend fast täglich. Nötig ist nicht mehr als eine E-Mail-Adresse. Unter den Aktivsten sind laut Egger vor allem Damen in Pension, die Kurrentschrift noch gelernt oder beruflich gebraucht haben. Doch auch Jüngere sind dabei – gemeinsam ist allen die Liebe zur Wiener Geschichte.
Diese fünf Briefe wurden bisher noch nicht transkribiert. Stellen Sie sich der Herausforderung:
Wenn aus einer bloßen Initiale ein Mensch wird
Was die Nutzer reizt, ist die Mischung aus Rätsel und Entdeckung. „Ich glaube, da ist immer diese Hoffnung dabei, dass man in den Briefen etwas Spannendes entdeckt“, sagt Egger. Manche gehen weit über die Pflicht hinaus: Steht im Brief nur „Herr K.“, würde die Transkription reichen – „aber die Leute schreiben in den Kommentaren dazu, wer das sein könnte“, so Egger. Richtige biografische Spurensuche, freiwillig und unbezahlt.
Es sind schließlich echte Privatbriefe, keine drögen Geschäftsschreiben.
Unter den Absendern: große Namen wie Karl Kraus, Franz Grillparzer, die Familie Strauss. Für 1850 bis 1874 stark vertreten: die Frauenbewegung, mit Briefen von Marianne Hainisch und Auguste Fickert. Nur royaler Briefverkehr ist bis auf einige Ausnahmen eher im Staatsarchiv zu finden.
„Freuen uns über jede Hilfe“
Ironie am Rande: Egger selbst kann kein Kurrent lesen. „Für mich ist das oft nur eine Aneinanderreihung von Zeichen. Deshalb bin ich so froh, dass es diese Menschen gibt, die mir dabei helfen, das gut lesen zu können“, gesteht sie.
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